"Der fliegende Holländer": Schöner wird es nicht mehr

Zum dritten Mal in Folge kann man sagen: Die Bayreuther Festspiele beginnen mit dem „Fliegenden Holländer“. Auch wenn der „Holländer“ diesmal nicht die erste Aufführung. Es gibt ein ganzes Bündel an Gründen, warum das so ist.

Takt 65.

So still ist es sonst nicht. An der Schweißnaht zwischen Takt 64 und 65 – das ist das erste Mal, dass im „Holländer“ alle Stimmen schweigen. Generalpause. Im Lauf der Oper gibt es mehrere dieser Momente, ganz besonders still ist es später, wenn auf einmal der Holländer – leibhaftig – dort steht, wo Senta vorher sein Papp-Ebenbild hingestellt hatte. Nicht einmal, wenn in der „Götterdämmerung“ Siegfried stirbt, ist es so still. Am Vortag im „Tannhäuser“ war es auch immer wieder still, aber das war eine andere Sorte – es ist dann, leider, nur einfach nichts passiert. In der Stille, die Christian Thielemann in den „Holländer“ hinein inszeniert, stecken ganze Tragödien, es ist keine leise Stille, im Gegenteil. Und diese Stille findet eben zum ersten Mal in der Ouvertüre statt, nach Takt 64, gefolgt von einer Holzbläser-Stelle, die so präzise punktiert hier lange nicht zu hören war. 41 Noten, verteilt auf vier Stimmen, über vier Takte hin. Was in diesen Takten Fagott, Hörner und Englischhorn spielen, sind keine Noten, keine Töne. Sondern ein Drama. Sie erzählen die Geschichte, die gleich zu sehen sein wird. Es ist dieselbe Melodie, mit der – mehr als zwei Stunden später – die Oper endet, gut und tragisch zugleich, wie so oft bei Wagner. Mag sein, dass sich in Jan-Philipp Glogers Deutung die Welt nach dem Ende ausdrücklich weiterdreht: Schöner als in Takt 65, gespielt von diesem Orchester, wird es nicht mehr.

Benjamin Bruns.

Das Sängerensemble ist übers Jahr ein Stück weiter zusammengewachsen; es ist ja so, dass auch in dieser Produktion – außer Mary und dem Steuermann – keine Partie mehr so besetzt ist wie im Premierenjahr 2012 (die erste Umbesetzung, im Premierenjahr und sogar vor der Premiere, war Samuel Youn als Holländer). In dieser Spielzeit gibt Kwangchul Youn sein Bayreuth-Debüt als Daland – unaufgeregt, mit sicherem, rundem Ton und erstklassiger Verständlichkeit. Tomislav Muzek ist ein fabelhafter Erik, Ricarda Merbeth (Senta) und Samuel Youn (Holländer) werden am Ende verdient für ihre Leistung als tragisches Liebespaar bejubelt - obwohl beide vor allem im dritten Akt gefährlich nah an die Grenzen ihrer Kraft geraten sind. Besondere Freude macht aber einer, der von Anfang an dabei ist: Benjamin Bruns, der Steuermann. Mit strahlender, heller Stimme, perfekter Intonation. Jeder Ton, jede Geste, jeder Blick ist da, wo er sein muss. Gespannt, und trotzdem locker.

Der Steuermannschor.

Nach den Verkomplizierungen im zweiten Akt nimmt Christian Thielemann die Einleitung zum dritten in voller, vollster Breite. Sofort muss man an den von Walkürenritt denken, aus dem von ihm dirigierten Bayreuther „Ring“ 2006 – nicht nur, weil der Walkürenritt im Opernverlauf ja an derselben Stelle stattfindet wie im „Holländer“ der Steuermannschor. Auch der war überbreit, vielleicht lässt sich das also als seine Masche verstehen: Zwei Akte lang vertieft Thielemann das Orchester in Details, lässt kein Legato, kein Staccato durchgehen, jeder Punkt hinter jeder Note ist hörbar, sogar die kleinen Schnörkel, die die Holzbläser im Steuermannschor-Fragment in der Ouvertüre spielen. Alles schlank, alles glasklar. Und dann, bei den Gassenhauern, drosselt er das Tempo. Und geht, das muss man so sagen, voll rein. Dreifaches Fortissimo, perfekt intoniert, aber breit, breit, breit. Es dauert nur einen Augeblick, dann zieht Thielemann das Tempo wieder an. Aber der Eindruckt bleibt stehen.

Es ist schon der zweite Abend, an dem der Chor ein paar Kratzer auf seiner sonst so makellosen Oberfläche hat, die Töne sitzen, die legendäre Wucht ist da, es sind auch immer nur Sekundenbruchteile, in denen die sensible Klangkonstruktion wackelt, aber: sie wackelt eben. Der Steuermannschor aber ist über solche Sorgen erhaben. Da glänzt alles, man kann sich spiegeln darin.

Die Spinnstube.

Natürlich ist der Hochleistungssupercomputer im Bühnenbild immer noch da. Der Spinnstubenwürfel auch. Und warum Daland und der Steuermann die erste Szene in einem echten Ruderboot verbringen müssen, obwohl Jan-Philipp Glogers Deutung mit Schiffen ja nun wirklich nichts zu tun hat, ist immer noch nicht klar. Vermutlich soll es witzig sein, wie so vieles in den zweieinviertel Stunden dieser Produktion. Es ist auch witzig, nur merkt man leider, dass die Idee damit ihren Zweck erfüllt hat. Immer noch ist alles ein großes Grau-in-Grau, das Geschäft mit Ventilatoren läuft besser denn je.

Ein kleineres Logikproblem der vergangenen Jahre hat Bühnenbildner Christof Hetzer für diese Saison allerdings gelöst: Die Computerwandlebenswelt des Holländers und Sentas Spinnstubenumgebung gleichen sich am Ende einander an. Es sind nur ein paar Leuchtstoffröhren, die die Verbindung schaffen. Aber sie helfen bei der Frage, wie das alles zusammengeht, doch entscheidend weiter.

Dieses Jahr ist das letzte dieser Produktion mit Christian Thielemann am Pult. Ihm folgt Axel Kober, und das ist aus einem einzigen Grund ein bisschen schade: Weil man so nie erfahren wird, auf welches Detail, auf welches Staccato, welchen Bogen sich Thielemann als nächstes stürzen würde. Wenn einer so genau dirigiert wie er, dann findet der spannendere Teil des Dramas immer im Orchestergraben statt.

Der Jubel für Sänger, Dirigent und auch Regie war groß am Ende des Abends. Der „Holländer“ ist in Bayreuth angekommen.

Man kann nur hoffen, dass die Festspiele 2015 nicht wieder erst damit beginnen.

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Montag, 13. November 2017 - 11:06