Kritik: Der Fliegende Holländer

Die Drähte glühen im Riesenrechner, die Zähler rauchen. In der Ventilatorenfabrik „Südwind“ wird Ware verpackt und verschickt, später geben die Außendienstler einen kleinen Umtrunk, es riecht nach Teppichboden und eingeschlafenen Füßen. Eine erstaunliche Anzahl Menschen tut Tag für Tag alles dafür, diese entsetzliche Umgebung so schnell wie möglich zu verlassen, weil es darin, wie jeder weiß, aber keiner eingesteht, ja nun wirklich nichts Interessantes abspielt. Anders Jan Philipp Gloger, er hat die neonlichtfarbene Blutleere absichtlich gewählt, um darin eine Oper zu inszenieren, vor drei Jahren schon. Aber er schafft es bis heute nicht, der blutleeren Umgebung Leben einzuhauchen.

Weil die Idee zwar nicht schlecht ist, das Seefahrermärchen vom Fliegenden Holländer kapitalismuskritisch umzudeuten auf einen ausgebrannten Geschäftsmann, der es nicht mehr aushält im Meer der anderen ausgebrannten Geschäftsleute. Leider ist diese Idee aber Glogers einzige für diesen Stoff, und deshalb kam seine Inszenierung schon vor drei Jahren nicht richtig in Gang.

Da helfen auch die vielen Ersatzhandlungen nicht: verschütteter Kaffee, aufgeschlitzte Pulsadern, Feuer im Geldkoffer, Oralverkehr, es ist eher so, dass die Handlung dadurch etwas unangenehm Plakatives, Lehrstückhaftes bekommt. Und das alles in einem Bühnenbild, das die neongrelle Gleichförmigkeit eindrucksvoll anschaulich macht und also: auf die Dauer von zweieinhalb Stunden auch nicht gerade spannungsfördernd ist.

Das ist die Lage, in der sich „Der Fliegende Holländer“ bei den Bayreuther Festspielen befindet, und so passierte es, dass schon bei der Premiere in diesem Jahr einige Plätze frei blieben. Die konzeptionellen Schwächen der Inszenierung sind ja nicht das einzige Problem. Über die Jahre hat diese Produktion beinahe alles verloren, was sie interessant macht. 

Eine kleine Gruppe sehr toller Sänger

Zuerst den Holländer, Evgeny Nikitin, der am Tag der Generalprobe von seiner Rolle zurücktrat oder zurücktreten musste, nach einer Presseanfrage zu einem Hakenkreuz-Tattoo, das es längst nicht mehr gab. Dann Adrianne Pieczonka, die Senta, die Bayreuth nach dem Premierenjahr verließ (und die in diesem Sommer, übrigens mit der frisch gefundenen Isolde Evelyn Herlitzius, in „Elektra“ in München sang). Und schließlich Christian Thielemann als Musikalischer Leiter, der sich in diesem Jahr auf „Tristan“ fokussiert.

Und natürlich fand sich Ersatz, bei dem - wie das in Bayreuth guter Brauch ist - es unangemessen wäre, nur von „Ersatz“ zu sprechen. Aber Nikitin-Pieczonka-Thielemann, diese Namen ziehen. Youn-Merbeth-Kober, diese Namen ziehen weit weniger. Was der Produktion jetzt noch blieb, war - und ist - eine kleine Gruppe sehr toller Sänger, für das Bayreuther Publikum fast jeder eine Zufallsentdeckung, niemand, für den man anreisen würde.

Benjamin Bruns als Steuermann, Tomislav Muzek als Erik, Christa Mayer als Mary, die dieses Jahr als Brangäne eine zweite Rolle hat, bei der sie ein bisschen mehr Stimme zeigen kann. Kwanchul Youn als Daland. Ricarda Merbeth als Senta. Und auch Samuel Youn als Holländer, er ist damals innerhalb weniger Stunden eingesprungen und behielt gleich die Rolle, er sang tapfer und souverän und wurde sehr gefeiert, aber seinem Bass fehlt die Tiefe und das Volumen, und: die holländerhafte Dunkelheit. Heute fehlt ihm zudem auch noch anderes, einige Töne landen nicht dort, wo sie hingehören.

Alle Solisten haben Mühe

Er ist nicht der einzige, dem das unterläuft; alle Solisten  haben heute Mühe. Die Stimmen strahlen nicht, dieser Abend ist Arbeit. Und die Personenregie, auf der nicht nur das Regiekonzept, sondern auch die Handlung ruht, ist ein wenig zu ausgeleiert, um noch etwas tragen zu können.

Und so ist es Axel Kober, der den Abend rettet. Indem er die einzelnen Teile, in die die Produktion immer wieder auseinanderzufallen droht, sicher zusammenbindet und das Festspielorchester und natürlich den Chor souverän und weitgehend ohne große Turbulenzen durch das Werk steuert. Und dabei immer wieder Lust hat auf Holzbläser-Schattierungen und Streicherfarben. Gerade heute kommt das sehr gelegen.​

Weitere Premierenkritiken bei den Bayreuther Festspielen 2015:

Tristan und Isolde

Lohengrin

Das Rheingold

Die Walküre

Siegfried

Nicht bewertet

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Montag, 13. November 2017 - 11:06