Das vergessene Zwangsarbeiterlager

Der Bayreuther Historiker und Stadtrat Norbert Aas hatte schon vor Jahren über das unbekannte Lager oberhalb von Ramsenthal jenseits der Autobahn geforscht und Einheimische befragt. Dort, wo die sechs Baracken einst standen, befindet sich heute das sogenannte Konfirmandenwäldchen. Konfirmanden und Kommunikanten pflanzten dort zu ihrem Festtag einen Baum. Eine kleine Steintafel erinnert an diesen Brauch.

Gefangene aus dem Zuchthaus

Einheimische erinnerten sich daran, dass dieses Lager ursprünglich für den Bau der Reichsautobahn eingerichtet wurde und den Arbeitern Unterkunft bot. Während des Zweiten Weltkrieges waren dort laut Norbert Aas Zwangsarbeiter untergebracht, die in den Bindlacher Steinbrüchen und auf dem Fliegerhorst schuften mussten. Die Männer waren Gefangene im Zuchthaus Bayreuth-St. Georgen. Norbert Aas geht davon aus, dass es überwiegend Tschechen waren, die meist aus politischen Gründen inhaftiert waren. Er besitzt eine Namensliste aus dem Militärarchiv Prag, wonach 53 Männer mit tschechischen Namen vom Zuchthaus Bayreuth-St. Georgen ins Lager Ramsenthal gekommen sind.

Essen aus der Mülltonne

Norbert Aas fand im Militärarchiv Prag die Erinnerungen des ehemaligen politischen Gefangenen Frantisek Pinc an das „Nazi-Zuchthaus Bayreuth-St. Georgen“ aus dem Jahr 1969. Darin kommen auch die Baracken an der Autobahn vor. Er sei nach einem mehrmonatigen Aufenthalt im Lager Ramsenthal mit einem Leistenbruch nach Bayreuth ins Zuchthaus zurückgekommen, schrieb Pinc. Manchmal sei es einem Mitglied des Kommandos in Ramsenthal gelungen, in den Mülltonnen der Flugplatzkaserne neben weggeworfenen Lebensmitteln auch praktische Sachen wie ein gebrochenes Messer, Bleistift, Papier, Rasierklingen oder einen kaputten Spiegel zu finden. „Praktische Sachen, die jedem so fehlten“, schrieb Pinc in seinen Erinnerungen. Es sei verboten gewesen, sie zu besitzen, und so musste überlegt werden, wo man sie verstecken könnte, meistens im Strohsack. Pinc sprach von einer „Gefängnis-Nebenstelle“ in Ramsenthal. Von dort habe ein Aufseher die Häftlinge auf den Weg zum Flugplatz begleitet. Manchmal habe er dort die Gefangenen auch tagsüber bewacht und angetrieben. Andere Aufseher hätten mit den Gefangenen Scherze getrieben: „Sie warfen vor uns Zigarettenstummel und haben dann schallend gelacht, wenn sich einer von uns gebückt hat und dafür Schläge mit dem Stock bekam“, schilderte Pinc in seinen Erinnerungen mehr als 20 Jahre später.

Bürgermeister berichtet

Eine weitere Spur tut sich auf. Die amerikanische Militärregierung befragte nach Kriegsende systematisch alle Gemeinden und Städte, ob sich in ihrem Gebiet während des Zweiten Weltkriegs Kriegsgefangenen- oder Zwangsarbeiterkommandos befunden haben. Der Ramsenthaler Bürgermeister Weber hatte im Februar 1949 zwei Listen ausgefüllt und unterschrieben. Demnach hatten sich Belgier und Franzosen in der betreffenden Zeit in Ramsenthal aufgehalten, und zwar in einem Kriegsgefangenen-Arbeitskommando, das auf dem Flugplatz Bindlach eingesetzt war. Die Stärke der beiden Kommandos bezifferte Weber auf jeweils 60 bis 80 Mann. Sie seien nach Kriegsende mit der Eisenbahn abtransportiert worden. Die Dauer des Aufenthalts sei unbekannt, ebenfalls das Abmarschziel. Fest steht allerdings, dass die Männer aus dem Kriegsgefangenenlager der Wehrmacht, dem Stalag Weiden in der Oberpfalz, kamen. Nähere Angaben über dieses Lager in Ramsenthal und die Gefangenen könnten nicht gemacht werden, da es von der Deutschen Wehrmacht verwaltet worden sei, schrieb Weber feinsäuberlich mit Schreibmaschine.

Die Unterlagen, die über das vergessene Stück Zeitgeschichte Auskunft geben, befinden sich im Archiv des Internationalen Suchdienstes (ITS) in Bad Arolsen. Das Archiv hatte unserer Zeitung entsprechende Kopien zur Verfügung gestellt. Insgesamt rund 30 Millionen Dokumente geben Auskunft über die Schicksale von NS-Verfolgten. Die Dokumente beziehen sich auf drei zentrale Themen: Inhaftierung, Zwangsarbeit sowie die befreiten Überlebenden. Der Bindlacher Gemeinderat und Heimatforscher Werner Fuchs sagt, das Barackenlager sei wegen des großen zeitlichen Abstands aus der Erinnerung der Ramsenthaler verschwunden. Darüber sei kaum etwas bekannt. Hermann Zeitler ist einer der letzten Zeitzeugen. Der 84-Jährige war zum Kriegsende 1945 noch ein Kind. Die Gefangenen hätten auf dem Flugplatz auf dem Bindlacher Berg gearbeitet, erinnert er sich. Das Barackenlager sei zum Kriegsende hin angezündet worden und komplett abgebrannt. Er habe sich die Ruinen angeschaut.

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Montag, 13. November 2017 - 11:06