Das Duell der Direktkandidatinnen

Politisches Schwergewicht gegen eine relativ Neue, etablierte Kraft gegen jemanden, der sich politisch erst etablieren muss – die Rolle der beiden Politikerinnen steht fest.

Anette Krammes Berliner Laufbahn ist lang. Fünf Legislaturperioden im Bundestag, unzählige Ämter und seit 2013 parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Ihre Chefin ist ihre Freundin und Parteifreundin Andrea Nahles.

Angekommen

Man kann sagen, Kramme ist „angekommen“. Hat sie Ambitionen nach weiter oben, auf ein Ministeramt etwa? „Wenn etwas zutrifft auf mich, dann, dass ich nicht geltungssüchtig bin“, sagt sie. Sie regle „einfach gerne Sachen“, und es gebe so vieles, wo sie helfen könne.

Mal da ein bisschen Geld besorgen für ein Ferienlager für Kinder aus sozial schwachen Familien. Oder dem Einzelnen in Asyl- und Rentenangelegenheiten helfen. Oder demnächst Geld für ein Forschungsprojekt. Sie genießt es, die mächtige Frau im Hintergrund zu sein und Strippen zu ziehen.

Ministerin? Nein, danke

Aber Ministerin? Nein, danke. Das Maß an Sorgen sei viel höher als jetzt. Sie sei nicht bereit, das Leben aufzugeben, das sie im Moment führe. „Ich will am Ende meiner Politikzeit nicht überall erkannt werden“, sagt sie.

Sie mag die Sachen machen können, ohne dass sie sich Gedanken machen müsse, was andere darüber denken. „Ich mag später nicht wie ein Walter Riester durch die Gegend laufen.“

Aber zunächst geht es auch für sie wieder durch das Räderwerk des Wahlkampfes. Sie weiß, dass sie „vor Ort immer im Bundestrend drinhängt“. Laut Umfragen steht die SPD derzeit bei etwa 24 Prozent.

Termine, Termine, Termine

Silke Launert hat es da ein bisschen leichter. Die große Schwester CDU liegt bei etwa 40 Prozent, Angela Merkel scheint uneinholbar. „Da mach’ ich mir keine Gedanken, ehrlich nicht. Ich mach’ einfach meine Arbeit.“

Und die sieht seit Monaten so aus: Termine, Termine, Termine. Launert musste erst bekanntwerden. In ihrer ersten Legislaturperiode trat sie als Listenkandidatin für Oberfranken an, jetzt tritt sie für Bayreuth/Forchheim an. Jetzt heißt es, bei Geburtstagen dabei zu sein, bei Firmenbesuchen, sich in Gemeinden zu informieren. Und bei Kerwas. „Wo sonst kann ich die Menschen treffen und mit ihnen sprechen? Das ist Demokratie.“

Mitgestalten

Gedanken an eine politische Karriere in Spitzenämtern sind bei Launert sehr weit weg. Sie will etwas „mitgestalten, wo sie etwas bewegen“ könne. „Das ist mir wichtiger, als vornedran zu stehen.“ Ihr nächstes politisches Ziel klingt einfach: „Das zweite Mandat zu gewinnen, akzeptiert werden, geschätzt werden.“

Kramme wirkt gelassen. Nicht nur wegen des sicheren Listenplatzes zwei der Bayern-SPD, sondern auch vor dem Hintergrund von 19 Jahren Erfahrung im Bundestag und einer ellenlangen Liste politischer Ämter. „Ich werde es Silke Launert nicht leicht machen“, sagt sie.

Aber so leicht hat sie es in der Politik auch nicht. SPD und Frauen: „In der Spitze wird es richtig dünn.“ In der Region „habe ich mich durchgesetzt“.

Hund im Visier

Bundesweit hat die „Bild“-Zeitung die mächtige Frau aus Heinersreuth vor zwei Jahren aus dem Hintergrund ins Licht der Öffentlichkeit gezerrt. Es ging um ihren Hund Allie, ein Tier mit grausiger Vergangenheit in Sofia. „Mein Hündchen“, der mit dem Dienstwagen zum Gassigehen gefahren worden sein soll.

Drei Tage fuhren ihr die Reporter hinterher, schossen sie dann im Morgengrauen vor ihrem Haus in Heinersreuth ab. Auch Politiker hätten ein Recht auf Intimsphäre. „Das ist nicht angemessen“, sagt sie.

Allein im Jahr 2015 hat Kramme 143.000 Kilometer mit dem Auto zurückgelegt. „Die kapieren nicht, wie wir leben.“ Aber alles sei legal gewesen.

Viel Sacharbeit

Auch Launerts Leben ist öffentlicher geworden. Sie ist nach Bayreuth gezogen; um ihre beiden Kinder (sieben und acht) kümmert sich die Familie, wenn sie auf Wahlkampf-Tour durch den Wahlkreis 237 ist. Dort stellt sie sich, untypisch für die Politik, in der Anzüge und gedeckte Farben dominieren, auch mal im pinkfarbenen Kleid neben Kanzlerin Merkel. „Es gibt sicher auch Frauen, die in der Politik nur schön aussehen, aber ich mach’ ja wirklich viel Sacharbeit.“

Fließige Biene

Launert gilt als „fleißige Biene“. Sie wurde in der Frauenunion politisch sozialisiert, wo die promovierte Juristin und ehemalige Richterin am Landgericht im Landesvorstand sitzt. Im Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz wirkte sie an einigen Gesetzen mit. Trotzdem ist sie kein unbeschriebenes Blatt. „Merkel kennt mich.“ Sie stimmte 2015 gegen das dritte Schuldenpaket für Griechenland. Und Anfang 2016 sprach sie sich gegen Merkels Flüchtlingspolitik aus. „Das dürfte mich ein paar Pluspunkte gekostet haben.“

Zwei Dinge einen die beiden Duellantinnen. Erstens: Sie schätzen es, bei Gesetzen mitzuwirken. Zweitens: Sie sehen die Gefahr, dass Politiker die Bürger immer schwerer erreichen. Oder falsch ankommen. So wie Krammes Hündchen. Oder wie Launerts Bewertung ihrer Facebookseite, die ihr eine negative Erwähnung einbrachte: zu viele Fotos, wenig Inhalte. „Das trifft mich“, sagt sie, „zumal es auf mich überhaupt nicht zutrifft.“

So viel Hass im Netz

Kramme trifft das auch, vor allem, dass „so viel Hass da ist“ im Netz. Auf der anderen Seite gebe es immer weniger Platz und Sendezeit für Aussagen der Politiker, zwischen 15 und 30 Sekunden. Für komplexe Inhalte reiche das nicht. Und gegen Hass im Netz helfe gar nichts. „Da kommt immer wieder nur Hass.“

Info

Die Macht ist weiblich – zumindest im Bundestagswahlkreis Bayreuth-Forchheim. Zum ersten Mal treten mit Anette Kramme (SPD) und Silke Launert (CSU) zwei Frauen im Kampf um das Direktmandat an, die Kandidaten der anderen Parteien sind wohl chancenlos. Grund genug für unsere Zeitung, am 11. September auf dem Bayreuther Herzogkeller (19 Uhr) ein Rededuell zwischen den Kandidatinnen zu veranstalten. Manfred Otzelberger, lange Zeit beim Nordbayerischen Kurier und jetzt beim Magazin „Bunte“ für große Politikerinterviews zuständig, wird moderieren. Jeder kann sich an diesem Abend ein Bild von den Stärken und Schwächen der beiden Politikerinnen machen, Zuschauerfragen sind erwünscht. „Es soll ein Klartext-Abend ohne Phrasen werden, eine kleine Wahlhilfe für Unentschlossene, für jeden verständlich, die unterschiedlichen Charaktere werden sichtbar werden, beides sind sehr respektable Persönlichkeiten. Es wird immer schwieriger, Politik zu vermitteln, dieses Format soll den direkten Kontakt zu den Wählern erleichtern“, verspricht Otzelberger.

Der Eintritt ist frei.
Einlass ab 18.30 Uhr.

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Kommentare

Es ist zu erwarten, dass Launert das Direktmandat gewinnt, Kramme aber ebenfalls in den Bundestag einzieht, und zwar über die Liste. Was soll dann dieses Streitgespräch? Damit der KURIER etwas zu berichten hat?
Frau Launert hat definitiv meine Stimme. Sie Macht einen sehr, sehr patenten und kompetenten Eindruck. Wobei ich das Engagement von Frau Kramme nicht schmälern möchte. Auch sie macht als Staatssekretärin einen passablen Job denke ich. War sehr überrascht über die ehrlichen Worte in diesem Artikel.
Montag, 13. November 2017 - 11:06