Das bringt die Festspielzeit 2017

Wir blinzeln in den Bayreuther Festivalhimmel – und reiben uns verwundert die Augen. Kein dunkles Wölkchen - gar nichts. Und darüber müssen wir, im Gegensatz zu unseren sonstigen Gepflogenheiten, natürlich berichten. Tatsächlich darüber, dass nichts zu sehen ist.

Das ist die Sensation des Jahres, Stand Freitagabend, nicht allzu lang vom Redaktionsschluss entfernt: Kein geflohener Dirigent, kein Hügelbann, kein Sänger mit einem Hakenkreuz-Tattoo, kein in der Kantine verhafteter reiner Tor, kein geschasster Regisseur. Nein, die Festspiele kommen heuer möglicherweise ohne Theaterdonner aus. Kein Skandal, sozusagen kalter Entzug für das fränkische Hollywood! Da bebt Bayreuth.

Die Festspiele besinnen sich also auf ihre Kernkompetenz und lassen es mit den neuen „Meistersingern“ der Kunst gelten. Und da gibt es heuer, genau genommen, Sensationelles genug. Wir fangen mit einem alten Bekannten an. Machen uns Gedanken über den viel gefeierten Regisseur Barrie Kosky und seine „Meistersinger“, begleiten „Parsifal“ zur Gralsburg. Und verabschieden den „Ring“ von Frank Castorf. Zumindest drei Viertel davon.

 

Der „Tristan“

Extraklasse. Unser erster Eindruck: Mit einer so starken Besetzung wird man ihn kaum woanders hören und sehen können. Vor dem neuen Marke tritt sogar ein überragender Georg Zeppenfeld (zum Glück als Gurnemanz und Hunding weiterhin zu erleben) den Hut ziehend zurück. Motto: Wenn man René Pape bekommen kann, dann muss man ihn einsetzen. Es wird Papes Comeback nach 20 Jahren Hügel-Abstinenz. Katharina Wagners Inszenierung hat im dritten Jahr das Zeug zum Klassiker.

 

Die „Meistersinger“

Darüber dürfen wir nichts verraten, fast nichts. Soviel dazu: Barrie Kosky hat das Stück von Anfang bis Ende in Franken und damit mitten in Deutschland verortet. Er beweist ganz großes Können in der Personenführung. Sie werden sehen: viel Wagner, zunächst sehr clever bis in kleine Regieanweisungen hinein umgesetzt. Sie werden außerdem sehen: viele Wagners, einen Franz Liszt, dazu den Uraufführungsdirigenten des „Parsifal“. Und einen Hans Sachs, der als Beckmesser in Bayreuth den großen Schustermeister schon mal an die Wand gesungen hat.

 

Der „Parsifal“

Klingsor ist gestorben, und sein Tod schockte die Festspielgemeinde: Gerd Grochowski ist im Januar einem Herzinfarkt erlegen, kurz nachdem er in Wiesbaden einen überragenden Wotan gesungen hatte. Zwei neue Klingsore erleben die Festspiele daher heuer. Und einen neuen Parsifal, da ja Klaus Florian Vogt den Stolzing in den „Meistersingern“ übernommen hat. Andreas Schager ist vergangene Saison schon eingesprungen, heuer ist er die Hauptbesetzung. Ein Weltstar mehr in Bayreuth. Klaus Florian Vogt trauert dem Hamam nach (mehr dazu demnächst im Interview).

 

Der „Ring“

Schließt sich nun. Es wird beim „Siegfried“ voraussichtlich ein Krokodil mehr geben. Frank Castorf wird sich nach seinem Abgang von Bayreuth und von der Berliner Volksbühne weiterhin dem Theater und der Oper widmen. Gerne auch in München, das steht zu vermuten. In Bayreuth wird er womöglich nächstes Jahr noch einmal ein Comeback erleben, mit einem Dirigenten, den man so in Bayreuth noch nicht erlebt hat. Das allerdings ist nur ein erster Eindruck aus der großen Gerüchteküche. Wir halten Sie auf dem Laufenden.

 

Und sonst?

Der Ärger im Haus ums Sicherheitskonzept hat sich gelegt. Die Sänger sind’s zufrieden, auffallend oft war vom familiären Klima die Rede. Vorm Festspielhaus sorgt das Sicherheitskonzept für lange Schlangen vorm Taschencontainer sogar in den Pausen. Tipp: Größere Taschen zu Hause lassen, ebenso Regenschirme, Flaschen etc.

Den Kiosk mit Wagner-Literatur wird es auch in dieser Saison geben. Die Markgrafenbuchhandlung hat das Zeitliche gesegnet. Aber: Teilhaber Tim Decker will sich das Geschäft am Grünen Hügel nicht entgehen lassen. Am Luitpoldplatz gibt es seit Samstag eine weitere Buchhandlung mit Wagner-Büchern und sogar Signierstunden.

Wieland Wagner wurde vor hundert Jahren geboren. Mit einem Festkonzert am Tag vor der Festspieleröffnung, mit Symposien und Ausstellungen gedenken Stadt und Festspiele des Wunderknaben.

Die Prominenz? Ist heuer – hoffentlich – wieder da, nachdem im vergangenen Jahr Terror und Amoklauf die Festroutine unmöglich gemacht hatten. Das schwedische Königspaar kommt, die ersten Königs seit Königin Margrete von Dänemark Mitte der Neunziger! Und die Schweden bleiben zum Staatsempfang.

Kanzlerin Angela Merkel wiederum darf heuer Eigenheiten der Bayreuther Infrastruktur genießen. Da der Seulbitzer Berg gesperrt ist, muss sie ihr Stammquartier im Waldhotel Stein womöglich auf dem Umweg über Neunkirchen anfahren lassen. Gelegenheit, gleich allen Bayreuthern vertieft über den „Parsifal“ nachzudenken: Zur Zeit wird da der Raum.

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Kommentare

Zitat: Kanzlerin Angela Merkel wiederum darf heuer die Eigenheiten der Bayreuther Infrastruktur genießen. Da der Seulbitzer Berg gesperrt ist, muss sie ihr Stammquartier im Waldhotel Stein womöglich auf dem Umweg über Neunkirchen anfahren lassen.

1. Eigenheiten der Bayreuther Infrastruktur: Ich glaube nicht, dass in irgendeiner anderen Stadt eine Kanalsanierung ohne Aufriss der Straße möglich ist.

2. Gerade die Kanzlerin wird dafür Verständnis haben, weil eine Regierung in NRW unter anderem gerade deshalb abgewählt wurde, weil solche Maßnahmen nicht, oder zumindest nicht ausreichend vorgenommen wurden.

3. Ich glaube, dass Kanzlerin Merkel in Berlin die ein oder andere Baustelle gewöhnt ist und entfernungs mäßig schon weitere Strecken als über Neunkirchen nach Seulbitz zurückgelegt hat.

4. Sie würde sich aber, wenn Sie den Kurier häufiger lesen würde, schon darüber wundern, wie eine Tageszeitung permanent die eigene Stadt schlecht schreibt. Das ist auf jeden Fall eine Bayreuther Eigenheit.

Stephan Müller
Montag, 13. November 2017 - 11:06