Christi Degen: Ich habe nichts geahnt

Die IHK für Oberfranken in Bayreuth hat sich im April von Ihnen als Hauptgeschäftsführerin getrennt. Das hat viele überrascht. Sie auch?

Christi Degen: Lassen Sie mich zuallererst mal sagen, dass mein Hauptanliegen auch mit diesem Interview ist, dass ich mich verabschieden kann von vielen Menschen, von Unternehmern in Oberfranken, von denen ich mich nicht habe verabschieden können. Ich möchte mich sehr herzlich für die gute Zusammenarbeit bedanken. Ich habe sehr gerne in Oberfranken gearbeitet. Wir haben viele gute Sachen auf den Weg gebracht und daher war es mir wichtig, jetzt noch einmal einen Gruß in die Region zu schicken.

 

Waren Sie überrascht, dass Sie gehen müssen?

Degen: Ja, ich war überrascht. Ich habe nichts geahnt.

 

Was waren die Gründe für die Trennung?

Degen: Das weiß ich bis heute nicht. Da müssen Sie die derzeitige Präsidentin fragen. Mir sind keine wirklichen Gründe genannt worden.

 

Gab es kein Gespräch zwischen Ihnen und der neuen Präsidentin?

Degen: Das erste Gespräch, das es gab, war dieses, wo mir die Freistellung erklärt wurde. Vorher gab’s keine Gespräche.

 

Das ist ungewöhnlich.

Degen: Das habe ich auch so gesehen.

Haben Sie versucht, Kontakt aufzunehmen, eine Erklärung für die Personalentscheidung zu bekommen?

Degen: Ich hab zunächst, als das neue Ehrenamt gewählt war, versucht, Kontakt aufzunehmen, um die Zusammenarbeit weiter zu besprechen. Das war die ganze Zeit mein Ansinnen. Dieser Termin ist etwa drei Wochen lang nicht zustande gekommen. Da hat man sich noch nicht viel dabei gedacht, ein bisschen ungewöhnlich war’s aber schon.

 

Und dann?

Degen: Dann ist nach drei Wochen das Gespräch zustande gekommen, und in diesem Gespräch habe ich versucht, nach Gründen zu fragen. Da ist mir aber nichts Wirkliches genannt worden. Ich habe auch noch mit anderen gesprochen, im Präsidium und außerhalb. Mir ist nirgendwo ein wirklicher Grund begegnet. Das können Sie nur mit Organisationspolitik begründen.

 

Noch einmal: Nachdem Sonja Weigand zur neuen Präsidentin gewählt wurde, hat es in dieser Personalsache zwischen ihnen beiden kein Gespräch gegeben?

Degen: Nö.

 

Die IHK hat sich nach der Wahl der neuen Präsidentin ganz schnell von Ihnen getrennt. Es entstand der Eindruck, die Entscheidung stand schon lange fest.

Degen: Zu dem Schluss kann man kommen, ja.

 

Was sind die Hintergründe? Vermuten Sie ein Komplott?

Degen: Eigentlich fragen Sie jetzt die Falsche. Ich kann auch nur Rätselraten. Ich selbst war im vollen Lauf vieler Projekte. Wir haben die vielen Dinge zunächst als Strategie formuliert, dann hat man Studien in Auftrag gegeben, dann hat man identifiziert, was für Projekte gemacht werden können, dann hat man die Projekte vernetzt mit Netzwerkpartnern und hat dann quasi versucht, die PS auf die Straße zu bringen. Und just in dem Moment wird man rausgerissen. Das war ein denkbar schlechter Moment, und der kam für mich komplett überraschend. Das können Sie nur damit begründen, dass die neue Präsidentin andere Vorstellungen von einer Hauptgeschäftsführerin hat.  Aus welchen Gründen auch immer.

 

Aber dann hätte Frau Weigand das Ihnen ja mal so sagen können.

Degen: Hätte sie. Hat sie nicht.

 

Frau Weigand hat im Interview mit unserer Zeitung gesagt: „Wir sind nicht im Streit auseinander gegangen.“

Degen: Wenn man sich nicht unterhält, kann man sich auch nicht streiten.

 

Es kam alles völlig anders, als Sie gedacht haben?

Degen: Es kam völlig anders, als ich gedacht habe. Ich habe Frau Weigand ja überhaupt nicht gekannt, außer einzelnen Äußerungen in der Vollversammlung. Meine Einstellung war, ich würde ihr viel Arbeit abnehmen und sie als Galionsfigur hochheben. Das war so meine bildliche Vorstellung, wie ich ihr die Zusammenarbeit anbieten würde.

 

Sie hatten einen 5-Jahres-Vertrag?

Degen: Richtig.

 

Sie waren rund drei Jahre in Bayreuth. Der Vertrag wurde finanziell erfüllt?

Degen: Wir haben Abfindungsverhandlungen geführt.

 

Es gab einen Aufhebungsvertrag?

Degen: Ja.

 

Sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden. Hängt was nach?

Degen: Da hängt nichts nach. Ich denke, es ist für beide Seiten in Ordnung.

 

Hat die Kammer Mehrkosten?

Degen: Davon dürfen Sie ausgehen. Ich kenne aber die Details nicht. Wie hoch die Mehrkosten ausfallen, hängt ja davon ab, wie intern im Personalstab Ersatz geschaffen wird. Zumindest für eine gewisse Zeit, zwei Jahre hypothetisch, sind da Mehrkosten. Danach wahrscheinlich nicht mehr.

 

Wie beurteilen Sie die Neubesetzung des IHK-Chefpostens mit Gabriele Hohenner?

Degen: Frau Hohenner und ich haben gut zusammengearbeitet. Ob Sie’s glauben oder nicht. Dafür ist Frau Hohenner auch professionell genug. Das hat gut funktioniert.

 

Was hatten Sie mit der IHK noch vor?

Degen: Mir war es sehr wichtig, die Kammer zu modernisieren, wie es übrigens vielen IHKs guttäte. Richtung mehr Unternehmernutzen und Kundenorientierung. Konzentration auf weniger Themen, die aber effektiver bespielen.

 

Welche Themen?

Degen: Wir haben ja Profilthemen gesetzt. Standortmarketing, Innovation, Fachkräfte und wollten auf allen drei Feldern auch die Digitalisierung berücksichtigen. Mir war es wichtig, dass wir breiteren Unternehmernutzen schaffen. Die IHK hat knapp 50.000 Mitglieder, kennt aber per Kontakt vielleicht 5000. Das ist kein guter Prozentsatz. Was können wir da machen? Es müssen skalierbare Leistungen eingeführt werden. Das wäre eines meiner ganz wichtigen Ziele gewesen.

 

Etwas genauer?

Degen: Wir hatte gerade ein neues Kundenmanagementsystem fertig, was uns erlaubt hätte, die Kundschaft zu segmentieren und sie zielgruppenspezifisch anzusprechen. Da können sie vieles machen. Zum Beispiel eine interaktive Website, auf der sie Beratung anbieten. Oder einen Digitalisierungscheck für Unternehmen oder auch Gründungsberatung.

 

Sie denken trotz aller Widrigkeiten gerne an Oberfranken zurück?

Degen: Ich war immer beeindruckt in Oberfranken, wie sehr die Unternehmer sich engagieren für die Region. Immer wieder hat man gesagt, wir müssen weg von diesem Kleindorfdenken, wir müssen oberfrankenweit denken, die Stimmen bündeln, um uns überregional und international bemerkbar zu machen. Oft wurde gesagt, wenn die IHK hier die Führungsrolle übernimmt, würden wir uns freuen.

 

Was werden Sie künftig machen?

Degen: Ich bin dabei, zu sehen, was für mich zukünftige Optionen sind. Ich spreche mit vielen Personalvermittlern, mit vielen Kontakten in meinen Netzwerken.

 

Es ist belastend?

Degen: Bisher noch nicht. Es ist nicht belastend, aber wenn man es richtig betreibt, ist es schon ein Halbtagsjob. Ich fahre viel durch Deutschland, bin viel unterwegs.

 

Ist es denkbar, dass Sie nach Oberfranken zurückkommen?

Degen: Das wäre bei einer entsprechenden Stelle auch denkbar.

 

Wo wohnen Sie jetzt?

Degen: Ich wohne bei meinem Lebensgefährten in Tirol und in Köln.

 

Was verbinden Sie noch mit Oberfranken?

Degen: Ich bin ja nicht auf meine Initiative hin gegangen. Ich habe in Ihrem Artikel gelesen, ich sei in der Region nicht richtig angekommen. Ich glaube, für drei Jahre, die ich hier war, war ich gar nicht schlecht angekommen. Ich habe viele positive Kontakte. Mich haben ja auch einige angeschrieben, gefragt, was ist denn da passiert, wir haben Sie immer so gemocht, Sie haben doch so gute Arbeit geleistet. Ich habe Oberfranken wirklich in guter Erinnerung. Ich verenge meine Sicht nicht auf ein Erlebnis.

 

Das klingt fast so, als wäre Ihnen die Region ein bisschen ans Herz gewachsen.

Degen: Stellen Sie sich mal vor, man arbeitet drei Jahre lang dafür, dass eine Region gut aufgestellt ist, um sich weiterhin toll zu entwickeln, um dann auch das verdiente Ansehen zu bekommen. Ja, natürlich wächst einem das auch ans Herz.

 

Obwohl Sie doch eigentlich eher der pragmatische Typ sind.

Degen: Ich glaube nicht, dass das irgendwie ein Gegensatz ist. Man kann Herz haben und pragmatisch sein.

 

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Montag, 13. November 2017 - 11:06