Chemie-Nobelpreisträger spricht in Bayreuth: "Amerikaner kochen auch nur mit Wasser"

Den Abgaskatalysator im Auto kennt jeder. Dass aber mehr als 80 Prozent aller chemischen Produkte über Katalyseprozesse erzeugt werden, ist kaum bekannt. Gerhard Ertl geht diesen Prozessen auf den Grund. Seit Mitte der 60er Jahre beschäftigt er sich mit atomaren Vorgängen bei der Stoffumwandlung an Oberflächen von Katalysatoren. Ein Beispiel dafür ist die Umwandlung von Kohlenmonoxid und Sauerstoff zu Kohlendioxid auf der Platinschicht des Kats.

Welche praktischen Auswirkungen hat Ertls Forschung? Seine Arbeiten führen zurück ins frühe 20. Jahrhundert: Fritz Haber (Nobelpreis 1918) und Carl Bosch (Nobelpreis 1931) fanden damals die Grundlagen der Kunstdünger-Produktion. Ertl: „Nach Schätzungen müssten 30 Prozent der Weltbevölkerung ohne das Haber-Bosch-Verfahren verhungern. Was damals die Frage der Ernährung war, sind heute Energie- und Umweltprobleme.“ Also im Wortsinne weltbewegend.

Es gibt noch viel zu tun"

Ein großer Teil der aktuellen Umweltprobleme hängt mit der Energieumwandlung und -speicherung zusammen. Nachteil der Sonnenenergie ist, dass sie nicht dann zur Verfügung steht, wenn man sie vielleicht am nötigsten braucht. Man muss die Energie also speichern können. Hierbei können Katalyseverfahren eingesetzt werden, die beispielsweise Strom in Gas umwandeln. Allerdings sind diese Prozesse noch nicht wirtschaftlich. Ertl lässt sich keine Prognose für einen Zeitrahmen entlocken: „Es gibt noch viel zu tun in dieser Richtung. Aber ich bin da recht optimistisch!“

Aus welcher Region der Welt könnte eine Lösung kommen? Ertl: „Deutschland kann in der Forschung durchaus mithalten. Die Amerikaner kochen auch nur mit Wasser. Die Max-Planck-Gesellschaft hat erst kürzlich ein neues Institut in diesem Forschungsbereich gegründet.“

Ertls Arbeit – sie ist an der Grenze zwischen Chemie und Physik angesiedelt - gilt als bahnbrechende Forschung zur Aufklärung der atomaren Prozesse an Oberflächen von Katalysatoren. Dabei treten auch sogenannte nichtlineare Phänomene auf. Ertl erklärt das so: „Wir fragen uns, wie es kommt, dass in der Natur vieles so wohlgeordnet ist. Wieso kommt es nicht zum Chaos?“ Ein Beispiel für ein nichtlineares Phänomen sind Spiralwellen, die am Herzmuskel bei Erregung registriert werden können. Bei seinem Vortrag in Bayreuth wird der Berliner Physiker die faszinierenden Hintergründe allgemeinverständlich erläutern.

Der Wissenschaftler ist mit Bayreuth eng verbunden, war in die Gründung der chemischen Fakultät der Hochschule involviert und kennt Professor Dr. Walter Zimmermann vom Physikalischen Institut seit langem: „Außerdem war ich zweimal bei den Wagner-Festspielen.“ Den Nobelpreis erhielt er „exakt an meinem 71. Geburtstag.“ Ein großartiges Geschenk, wenngleich er damals schon ahnte, zum Kandidatenkreis zu gehören. Obwohl offiziell im Ruhestand, hat Ertl noch immer ein Büro im Fritz-Haber-Institut der Berliner Max-Planck-Gesellschaft. Hier verfasst er wissenschaftliche Artikel und entwirft seine Vorträge. Er gilt als humorvoller Redner, der seine Zuhörer begeistert: „Es ist die wichtigste Aufgabe, die wir haben. Wir müssen die Ware nicht nur produzieren, sondern sie auch verkaufen“, sagt er zur Frage, ob Wissenschaftler ihre Arbeit nicht stärker in der Öffentlichkeit präsentieren sollten.

„Wir müssen auch die nachfolgende Generation für unsere Arbeit begeistern"

„Wir müssen auch die nachfolgende Generation für unsere Arbeit begeistern.“ Dabei kommt den Schulen eine wichtige Rolle zu: „Ich zum Beispiel hatte einen guten Physik-, aber einen schlechten Chemielehrer, deshalb habe ich Physik studiert“, sagt Ertl. Hat er

für Eltern einen Tipp, deren Kinder so gar nichts mit Naturwissenschaften anzufangen wissen? „Ich habe selbst zwei Kinder. Die Tochter ist Ärztin, der Sohn Maschinenbauingenieur. Meine Enkelin fängt jetzt ein Lehramtsstudium an. Man kann die Begeisterung für Naturwissenschaften nicht gezielt angehen. Eltern sollten die natürliche Neugierde der Kinder unterstützen. Und die Schulen müssten dafür sorgen, dass diese Neugierde erhalten bleibt.“


INFO: Nobelpreisträger Gerhard Ertl hält die „8. Lorenz-Kramer-Gedenkvorlesung“. Die Vorlesungsreihe wurde zu Ehren des 2005 verstorbenen Professors Lorenz Kramer ins Leben gerufen; einer der Initiatoren ist Professor Walter Zimmermann. Kramer war einer der Mitbegründer des Profilfeldes „Nichtlineare Dynamik und Strukturbildung“ an der hiesigen Universität, wofür die Physik in Bayreuth weltweit bekannt ist. Ertls Vortrag am Dienstag um 18 Uhr im Audimax ist öffentlich, Eintritt frei.

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