Sex-Prozess: Opfer weggeschickt?

Seinen 50. Geburtstag feierte der einst gefeierte Gefäßchirurg Heinz W. in Untersuchungshaft. Zu seiner Familie durfte er nicht. Nach langer Pause – der Angeklagte war krank – geht der Chefarztprozess am Bamberger Landgericht in die nächste Runde. Mit einer Überraschung: der Aussage einer Fachärztin (51) aus dem Forchheimer Krankenhaus. Bei ihr war die Hauptbelastungszeugin Lisa S. (28, Name geändert). Aufgewühlt saß sie mit ihrem Lebensgefährten am Abend des 28. Juli vergangenen Jahres vor der Ärztin und flehte um eine Blutentnahme. Doch die Ärztin weigerte sich. Sie wisse nicht, wonach sie suchen solle. Außerdem sei eine Blutprobe „zu teuer“.

Sie arbeitet als Fachärztin für Innere Medizin am Forchheimer Krankenhaus. In ihrem Nachtdienst, 21.10 Uhr, rief die Nachtschwester an. Lisa S., die Medizinstudentin, habe an einer Studie am Klinikum Bamberg teilgenommen. Nach einem Kontrastmittel, das sie gegen 17 Uhr gespritzt bekommen habe, sei sie „kurz weggetreten“ gewesen, für die Zeit danach habe sie eine Erinnerungslücke von etwa einer Stunde. Jetzt fühle sie sich schlecht und wünsche eine Blutentnahme, um zu wissen, warum sie sich so schlecht fühlte.

Ein Verfahren gegen die Ärztin wurde eingestellt

Die Ärztin verstand nicht, warum S. überhaupt nach Forchheim kam. Denn wenn bei einer Studie Komplikationen auftreten, sei für sie „das Naheliegende, dass der Arzt, der die Studie leitet“, die Untersuchung mache. „Aus medizinischer Sicht bestand für mich keine Indikation“ Blut abzunehmen, sagte die Ärztin.

Weil sie das nicht gemacht hatte, wurde auch gegen sie ermittelt – aber das Verfahren wurde längst wieder eingestellt. Ihr sei erstens nicht klar gewesen, wonach sie suchen sollte. Und zweitens sei die Blutprobe einfach zu teuer. Zu oft kämen Menschen in die Klinik, die eine Blutprobe wollten, weil sie fürchteten, sie hätten K.o.-Tropfen bekommen. Kostendruck statt Hilfe für verängstigte Menschen.

Allerdings sei S., als sie bei der Ärztin im Krankenhaus war, völlig klar gewesen. Sowohl von der Sprache als auch vom Auftreten. Und „S. ist nicht als Patienten aufgetreten“, sagt die Ärztin. Sie habe nichts von Beschwerden gesagt, sondern wollte nur eines: eine Blutentnahme. Sie wollte nur wissen, was W. ihr gespritzt hatte. Damit sollte geklärt werden, ob zwischen Erinnerungslücke und „Kontrastmittel“ ein Zusammenhang bestand.

Heinz W. tat Beschwerden als "harmlos" ab

Die Ärztin fragte, ob S. an eine Straftat glaube, an eine sexuelle Belästigung oder gar eine Vergewaltigung. Das habe S. verneint. „Sonst hätte ich sie zur Polizei geschickt.“ Der Lebensgefährte von S. brachte daraufhin sogenannte K.o.-Tropfen ins Spiel. Daraufhin rief die Ärztin W. an, überlegte und kam zum Ergebnis: kein Ergebnis. W. wusste, dass es Lisa S. „nicht so gut ging“. Er habe es „als harmlos abgetan“. Für die Ärztin war es einfach ein „vorübergehender Blutdruckabfall“ – ein Kreislaufproblem.

Und sie schickte S. wieder weg. Nach fast einer Dreiviertelstunde Gespräch.

Darüber war S. sauer, sprang auf, beschwerte sich bei der Ärztin („Das wird Folgen für Sie haben“) und später beim Forchheimer Krankenhaus. Allerdings kam die Klinikleitung zu dem Ergebnis, die Ärztin habe keine falsche Entscheidung getroffen.

Hätte die Ärztin damals S. Blut abgenommen, die Sache wäre wahrscheinlich viel klarer. Denn Lisa S. fuhr noch in der Nacht in Richtung Bamberg und traf sich mit ihrem Vater, ebenfalls einem Internisten. Der nahm ihr irgendwo auf einem Parkplatz, genauer kann es keiner mehr sagen, Blut ab und schickte es in ein Labor. Die Werte aber können nach Ansicht der Verteidiger von W. nicht stimmen. Sie seien viel zu hoch. S. hätte ihnen zufolge völlig betäubt gewesen sein müssen. Das war sie aber nicht, wie eine Videoaufnahme von der angeblichen Studie zeigt. S. war ansprechbar und reagierte auf Anweisungen des Chefarztes.

Der Prozess zieht sich

Ein Ende des Prozesses ist noch nicht in Sicht. Noch keine einziges der angeblichen Opfer hat bisher ausgesagt. Das Gericht hatte vorsichtshalber die Liste der Termine bis ins neue Jahr verlängert. Denn seit fast 20 Verhandlungstagen treten die Beteiligten auf der Stelle. Anträge, Anträge, Anträge. Erst in zwei Wochen sollen die ersten Frauen gehört haben, an denen er sich als Arzt sexuell vergangen haben soll.

Zunächst war W. gegen einzelne Gutachter, dann startete er einen Befangenheitsantrag gegen das ganze Gericht. Und er versuchte mehrmals, wenigstens unter strengen Auflagen aus der Untersuchungshaft zu kommen. Alles vergeblich. Das Gericht schmetterte alle Anträge ab – und seit Ende letzter Woche steht auch fest: W. bleibt weiter in Haft, weil „dringender Tatverdacht“ besteht. Bestätigt hat das auch das Oberlandesgericht in Bamberg, wo seine Beschwerde landete. Eine Entscheidung allerdings steht noch aus: Ob einer der drei Gutachter beim Prozess bleiben darf. Seit Wochen sitzt er einfach nur dabei. Und muss schweigen.

Zur Vorgeschichte:

Doping-Experte soll Chefarzt helfen

Erneute Chance auf Freiheit

Chefarzt beleidigt Anwalt: "Sie sind der Affe"

Bamberger Chefarzt bald frei?

Missbrauchs-Prozess dauert deutlich länger

"Ich bin weder Sex-Arzt noch Dr. Pervers"

Nicht bewertet

Anzeige