Hauptzeugin sagt gegen Ex-Chefarzt aus

Im Gerichtssaal sitzt eine taffe, junge Frau, Die dunklen Haare streng zu einem Zopf gebunden, helles Hosenkostüm, weiße Bluse. In klarem, fast schneidendem Ton beantwortet sie die Fragen, manchmal lacht sie. Und dem Blick des Verteidigers Klaus Bernsmann hält sie stand. Ebenso seinen Fragen. Gerade seinen Fragen.

Bernsmann (68), Anwalt von Heinz W. (50), ist Professor für Jura an der Universität Bochum und hat über Aussagepsychologie seine Doktor-Arbeit geschrieben. Er hält, daraus hat er noch nie einen Hehl gemacht, die Aussage der Hauptbelastungszeugin für absolut zweifelhaft. Und als „Beweis“ sei das, was Lisa S.(27)  sage, gleich gar nichts wert. Deshalb wollte er einen aussagepsychologischen Sachverständigen bei ihrer Aussage dabei haben.

Klassische Aussage-gegen-Aussage-Konstellation

Es handle sich um eine klassische „Aussage-gegen-Aussage“-Konstellation, so Bernsmann. Die Patientin gegen ihren Professor. Schon lange gelte sie als „Opfer“. „Vorschnell“, sagt Bernsmann. Außerdem sei sie bei jedem Verhandlungstag vor Gericht dabei gewesen und habe bereits so viele Details mitbekommen, dass ihr Gehirn gar nicht mehr unterscheiden könne, ob es die eigenen Erinnerungen sind oder das, worüber es im Laufe des Prozesses ging. Bernsmann spricht von „Erinnerungsverfälschungen durch Aktenkenntnis“, nennt „die Beeinflussung des Aussageverhaltens durch Zeugencoaching“ sogar „inakzeptabel, weil sie die Beweisquelle in irreversibler Weise trübe.“ Auf Deutsch: Nach zig Verhandlungstagen hat Lisa S., wenn überhaupt, nur noch „falsche Erinnerungen“.

Bernsmann zog alle Register, um ihre Aussage von einem Experten prüfen zu lassen. Sogar „verfassungswidrig“ nannte er es, dass S. ihre Aussage ohne machen dürfe. Aber das Gericht schmetterte seine Anträge ab. Die Kammer sei sich der „erhöhten Anforderung bei der Würdigung“ der Aussage von Lisa S. bewusst, sagte der Vorsitzende Richter Manfred Schmitt.

Aussagen der Zeugin widersprüchlich

Die Geschichte von S. ist hinlänglich bekannt; dem "Stern" hatte sie vor Prozessbeginn ein langes Interview mit ihrer Version gegeben. Hatte erzählt, wie sie als Studentin im Praktischen Jahr an einer Studie teilnehmen sollte. Wie sie sich mit W. traf, wie sie ins Sprechzimmer der Ambulanz gingen. Eine einzige Liege, Krankenhauslicht, ein Plakat, mit dem W. ihr die medizinischen Zusammenhänge der Untersuchung erklärt. Später sperrt er die Tür zu.

Das Video, das W. gemacht hat, will S. sich nicht anschauen. Dass er ihr Anal-Stöpsel eingeführt hat, erfährt sie erst von der Polizei. W. sagt, dieses Sex-Spielzeug habe er nur aus medizinischen Gründen eingeführt, um bessere Aufnahmen zu bekommen. Daran, dass er ihr vorher die drei unterschiedlich großen Teile gezeigt hat, „habe ich keinerlei Erinnerung“, sagt S..

Die Erinnerung an diesen späten Nachmittag des 28. Juli setzt bruchstückhaft erst zwei Stunden nach der Untersuchung ein. Ihre Aussagen weisen viele Ungereimtheiten auf, genau das, was Verteidiger lieben. Zwischen der Zeit, in der Lisa S. betäubt wurde, den angeblichen sexuellen Handlungen und ihrem „Erwachen“ im Parkhaus sollen fast zwei Stunden vergangen sein. Obwohl es Video-Aufnahmen gibt, die zeigen, dass Lisa S. ansprechbar war.

Inzwischen vier Versionen

Inzwischen gibt es vier Versionen davon, wie und wo sie sich spät in der Nacht von ihrem Vater Blut abnehmen ließ, um es in ein Labor zu schicken. Gegen 21 Uhr war sie „völlig klar“, wie es eine Notärztin aus dem Forchheimer Krankenhaus bestätigte – und dies, obwohl sie nach den hohen Blutwerten, die ein Labor herausgefunden hatte, gegen 17.20 Uhr bewusstlos hätte sein müssen. Und Lisa S. sagte, sie habe kein Dokument mit ihrer Einwilligung unterschrieben. Allerdings gibt es ein Dokument. Eine „allgemeine OP-Aufklärung“, ein Formular also. Wobei OP durch „Studie“ ersetzt worden war. Vermerkt sind dort Gewicht, Größe, Angaben zu eventuellen regelmäßigen Medikamenten-Einnahmen, das Geburtsdatum sowie der Satz „Eine weitere Unterrichtung wurde von ihr nicht verlangt“. Datum, unterschrieben von S. und von W..

W., in grauem Anzug mit dunkler Krawatte und hellblauem Hemd, schaut seine ehemalige Studentin nicht an, während sie ihre Aussage macht. Geschäftig macht er sich Notizen, blickt ständig in seinen Block. Wenn er nicht schreibt, hält er den Blick gesenkt. Aber selbst wenn er den Kopf hebt, schaut er sie nicht an. Nur einmal fragt er sie etwas, blickt sie an, etwas länger, dann wendet er seinen Blick wieder ab.

Auch hier bleibt die Stimme der jungen Frau klar. Sie wiederm blickt W. andauernd an. Als es eine Pause gibt, setzt sie sich draußen auf eine Bank. Sie weint. Am Nachmittag, das weiß sie, wird es um die verschiedenen Versionen der Blutabnahme gehen. Und der Verteidiger wird ihr wieder nicht glauben.

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