Charles Schumann: Der Barkeeper wird 75

Zwölf Jahre war er nicht mehr da, bevor ihn ein Fernsehteam auf der Suche nach seinen Wurzeln begleitete. Dorthin, wo seine Eltern ihn gerne ein Haus hätten bauen sehen. Dorthin wo sein Bruder noch heute als Bauer sein Geld verdient. Während es Karl Georg Schuhmann einmal um die ganze Welt zog.

Die Eltern wollen, dass er Priester wird

Eigentlich sollte der wohl bekannteste Kirchenthumbacher Priester werden. Den elterlichen Hof weiterzuführen, dafür war Bruder Wolfgang ja da. Nach einem kurzen Ausflug ins Regensburger Priesterseminar schmeißt Schuhmann aber hin. Wechselt zum Bundesgrenzschutz nach Deggendorf, dann weiter nach München, in die Schweiz, nach Italien, Amerika und Südfrankreich. Die Welttour kommt vor der Weltkarriere. Auf Reisen entdeckt Schuhmann seine Vorliebe für das Nachtleben, für gute Bars.

Aus Karl Georg wird Charles

In Südfrankreich jobbt er das erste Mal in einem Nachtclub. Schon damals ist Charlie, wie die Franzosen den Deutschen nennen, Perfektionist. Fortan nennt er sich auch in Deutschland Charles, das klingt nach großer weiter Welt. Und Schuhmann schreibt sich künftig ohne „h“. Vom Tellerwäscher arbeitete er sich zum Manager hoch. „Ich wollte einfach den besten Club hier machen“, sagt Schuhmann in einem Porträt, das der Bayerische Rundfunk am 19. September ausstrahlt.

Bernd Eichinger zählt zu den Stammgästen

Südfrankreich, das ist zu dieser Zeit der europäische Jetset. Und Schuhmann ist mittendrin, verkehrt mit Stars wie den Rolling Stones und hat Blut geleckt. Er will die beste Bar der Welt finden, besucht die großen amerikanischen Adresse und klopft eines Tages in München an der legendären Harrys New York Bar an. Schnell ist in der Stadt vom ungemein gut aussehenden jungen Barkeeper die Rede. Schuhmann ist da gerade 30 Jahre alt. Was folgt, ist ein kometenhafter Aufstieg. 1982 eröffnet Schuhmann sein erstes eigenes Lokal. Die Schumann’s American Bar brummt. Gäste wie Filmproduzent Bernd Eichinger zählen zu den Stammgästen. Schuhmann erfindet Cocktails, die in aller Munde sind. Den Swimming Pool zum Beispiel. Dabei trinkt er selbst kaum Alkohol, sagt Anton Harrasser, in München so etwas wie seine rechte Hand. Obwohl: Früher habe er gerne Champagner auf Eis getrunken, heute, so er denn einmal ausgehe, einen Campari Shakerato.

Lieber lesen als trinken

Statt zu trinken liest Schuhmann viel lieber Bücher. Die französischen Romantiker haben es ihm angetan. Frankreich sowieso. Das Wetter, die Lebensart, die schönen Frauen. Und er schreibt selbst ein Buch, das von Experten weltweit zum Standardwerk für Barkeeper erklärt wird.

Überlebensgroß auf Werbeplakaten

Nebenbei wird er als Modell entdeckt. Designer Werner Baldessarini steckt Schuhmann in edle Anzüge. Der Werbeslogan „Separates the man from the boys“, also „Unterschiedet den Mann von den Jungs“, habe auf Schuhmann wie die Faust aufs Auge gepasst, sagt Baldessarini später. Überlebensgroß blickt er von Werbeplakaten auf die teuersten Straßen der Welt. Nicht selten wird er als Herr Baldessarini angesprochen. Und: Schuhmann wird Vater. Die Mutter des kleinen Marvin verlässt ihn - aus nichtigen Gründen, wie Weggefährten erzählen. Seinen Sohn zieht Schuhmann alleine groß. An seinen Wurzeln in Kirchenthumbach, auch das zeigt das BR-Porträt, entwickelt Marvin vielleicht auch deswegen weit mehr Interesse als sein Vater.

Bruder Wolfgang züchtet Pferde in Kirchenthumbach

Apropos Kirchenthumbach: Bruder Wolfgang hat die Faxen dicke von den ständigen Anfragen der Journalisten zu seinem Bruder. Zuviel unwahres sei verbreitet worden. Wolfgang Schuhmann macht lieber mit anderen Dingen von sich reden. Erst mit Pferdezucht, später mit der Vermarktung von Stutenmilch. Von deren gesundheitsfördernder Wirkung auf Haut und Leber ist er überzeugt. Befremdlich schaut Karl Georg dem Bruder beim Umgang mit den Pferden zu, wie eine Sequenz des BR-Porträts zeigt. Unterschiedlicher könnten die Brüder, die sich doch so ähnlich sehen, kaum sein.

Aufgewachsen mit dem Bürgermeister

Fritz Fürk ist einer der letzten Bekannten, die Schumann in Kirchenthumbach hat. Der frühere Bürgermeister der Gemeinde ist nur fünf Jahre jünger als Schuhmann, ist mit ihm aufgewachsen. Er ist der vielleicht einzige Mensch, der den Münchner hin und wieder aus der Heimat besuchen kommt. Zuletzt, als er ihm ein Filmband des örtlichen Heimatvereins vorbei bringt. Die Aufnahmen zeigen, wie der junge Karl Georg Schuhmann 1957 am Bahnhof Kirchenthumbach aus dem Zug steigt. Schon damals wird Schuhmann vom Kommentator des Films namentlich erwähnt. Dass einer die Oberrealschule in Weiden besuchte, war damals etwas besonderes. Schuhmann war damals etwas besonderes. Nicht nur deshalb kam der Aufstieg für Fürk nicht überraschend.

"Dann ziehe ich nach Timbuktu"

Der frühere Bürgermeister erinnert sich an die fleißigen Eltern, die mit Landwirtschaft und einem Kolonialwarenladen ihren Lebensunterhalt bestritten. Und an einen Karl Georg Schumann, der sich selbst als Star der Münchner Gastroszene und Werbe-Ikone nicht zu schade dafür sei, selbst Kartoffeln zu schälen und Teller abzuräumen. Genauso wenig wundert sich Fürk, dass Schuhmann jetzt, rechtzeitig zu seinem 75. Geburtstag, nach Asien verschwunden ist: „Er hat immer schon gesagt: Wenn ich das Rentenalter erreiche, ziehe ich nach Timbuktu.“

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