"Cats": Frischer und frecher

Regisseur Hardy Rudolz, der selbst würdevoll und stimmgewaltig den weisen Ober-Kater Old Deuteronomy gibt, hat ein paar neue Einfälle in die bewährte Produktion des Vorjahres eingebaut. Die durchkomponierte Revue von Andrew Lloyd Webber, die der Musical-Großmeister basierend auf T.S. Eliots Katzengeschichten erdacht hat, zeigt in einer zweistündigen, nicht eine Sekunde langweiligen Episoden-Reihe auf, „wie sehr der Mensch den Katzen gleicht“.

Mitreißende Choreographie

Jeder Schritt, jedes Räkeln auf den Felsen ist dabei Tanz. Choreograf Vanni Viscusi lässt keine Kleinigkeit ungestaltet. Es lohnt sich, mal vom Hauptgeschehen wegzuschauen und die Katzen am Rande zu beobachten. Sie sind immer in ihrer Rolle, streichen sich über die Öhrchen, lecken sich die Pfötchen oder spielen mit einem lose herabhängenden Seil. In der Gruppe sind sie – schon wegen der von Thomas Kaiser gestalteten fantastischen Kostümvielfalt – optisch ein bunter Haufen, tänzerisch aber eine homogene Truppe, in der jede Bewegung perfekt sitzt. Die 15 Neuen hat das Ensemble mühelos integriert. Professionell spielen alle weiter, wenn die Technik aussetzt.

Sogar ein bayrisches Katzenpärchen ist dabei

Die Solo-Parts fesseln die Zuschauer, die kräftig Szenen-Applaus spenden. Isabel Waltsgott und Noah Wili tollen als chaotisches bayerisches Katzen-Pärchen in Weiß-Blau spritzig und verspielt über die Bühne, der alte Theaterkater Gus (Thomas Schirano) verwandelt sich zum Piraten-Haudegen Growltiger, Gumbie (Gudrun Schade) achtet nicht nur auf perfekten Lockenwurf im Fell, sondern betreut auch die Katzenkinder. Die kleinen Statisten bereichern als putzige Fellknäuel zahlreiche Szenen. Der Gangster-Kater Macavity (Gianluca Briganti, mit Punker-Frisur und Schottenrock) besticht mit akrobatischen Sprüngen. Schwarze Magie mit reichlich Pyrotechnik entfaltet Danilo Brunetti als Mr. Mistoffelees, sympathisch schaut Skimbleshanks von der Eisenbahn (Christopher Wernecke) bei längeren Aufenthalten auch mal auf ein Schälchen Milch im Stellwerk vorbei.

Der Macho ist der Star

Publikumsliebling im Ensemble ist der selbstverliebte Macho Rum Tum Tugger. Der Nachwuchspreisträger von 2016, Fabian-Joubert Gallmeister, hat ihn bis in die Schnurrhaare verinnerlicht. Als Gespielin steht ihm Bombalurina zur Seite: Verena Kollruss ist aus der Tanztruppe in diese Solorolle aufgestiegen und meistert sie auch gesanglich beeindruckend. Selbst abseits des Geschehens sind die beiden immer ein Hingucker: Sie umschmeichelt und betört ihn, gibt ihm aber auch fauchend eins auf die Pfote, wenn er zu forsch wird.

Sophie Berner als herausragende Grizabella

Ein Gewinn ist die neue Grizabella: Sophie Berner zeigt, warum sie derzeit zu den Großen der deutschen Musical-Szene gehört. Sie spielt die gealterte Katzen-Diva gebeugt und zerbrechlich, schlurft im zerfledderten Glamour-Outfit über die Felsen, findet aber beim „Cats“-Hit „Erinnerung“ selbstbewusst zu großer Stimme. Das wunderbar klare Echo dazu kommt von Marides Lazo als Sillabub: Gänsehaut im Katzen-Steinbruch.

Ein jeder ist eigen

Das Story-Universum von „Cats“ ist eine Feier der Vielfalt und eine Verbeugung vor der Eigenart jedes einzelnen Geschöpfs. Das unterstreichen die detailreichen Masken, die Sebastian Weber und sein Team gestaltet haben, ebenso wie die stilistisch breit gefächerte Musik. Die großartige Live-Band unter Leitung von Jörg Gerlach trägt ihre Instrumente im einsetzenden Nieselregen auf die Bühne, um sich für den tosenden Schlussapplaus zu bedanken. Das Publikum klatscht die Darsteller erbarmungslos zu immer neuen Verbeugungen heraus. Den glücklichen Katzen scheint es – ganz artuntypisch – egal zu sein, dass sie dabei nass werden.

INFO: Nächste Vorstellungen am heutigen Samstag um 20.30 Uhr sowie morgen, Sonntag, um 15 Uhr. Danach wird „Cats“ bis 6. August noch 17 Mal gespielt. Für alle Shows gibt es noch Restkarten.

Nicht bewertet

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