Breakdance: "Wagner haut rein"

 

Ihr von der DDC habt auf jeden Fall etwas mit Wagner gemeinsam.

Marcel Geißler: Was genau? Ich komme nicht drauf...

Breakdance ist eine sehr athletische Kunstform, und athletisch begabt war auch Richard Wagner, der gerne mal auf Bäume oder Fassaden kletterte, Kopfstände machte…

Geißler: Ok, das war mir nicht so bewusst. Wir haben uns mehr mit der Musik befasst, als mit der Person Richard Wagner. Wir haben uns schon Informationen und ein bisschen Background eingeholt, aber diese Seite seiner Persönlichkeit blieb uns verborgen.

"Wagner ist ein echt schwieriges Thema"

Wie kamt ihr eigentlich dazu, Hochkultur auf die Straße zu holen?

Geißler: Das begann mit „Breaking Mozart“, mit Mozarts Musik, kombiniert mit Tanz. Clemens Lukas (Veranstalter von den Kulturpartnern, Anm. der Red.) und wir, wir haben uns gemeinsam mit der Stadt Schweinfurt überlegt, warum wir nicht mal was mit Wagner machen. So ist die Idee entstanden, wir haben das dann energisch vorangetrieben, und dann haben wir im Schweinfurter Nachsommer Premiere gefeiert. Dann folgten einige ausverkaufte Shows.

Der Mythenschmied Wagner und die Breakdance-Weltmeister von DDC: Reibt und hakt das eher, oder sprühten da die kreativen Funken?

Geißler: Beides. Wagner ist echt ein sehr schwieriges Thema. Teilweise waren wir schon ganz schön verzweifelt, weil wir uns den Kopf zerbrochen haben, darüber, wie wir das machen sollen. Seine Musik ist sehr eigen, sehr speziell. Mozart ist viel rhythmischer, bei Wagner ist dieser poppige Charakter einfach nicht da. Der macht das auf eine ganz andere Art und Weise. Dafür mussten wir unseren Tanzstil weiterentwickeln, mussten uns ein Stück weit anpassen, damit das miteinander funktioniert. Auch, was die Arrangements betrifft: Da mussten wir Remixe machen, aber auch darauf achten, dass der Charakter seiner Musik nicht verloren geht. Ein Auf und Ab war das …

"Nach dem Training tot ins Bett"

Wie lange habt ihr denn daran gearbeitet?

Geißler: Ein halbes Jahr vor der Premiere haben wir angefangen. Haben uns überlegt, welche Story wir erzählen können, haben daran gefeilt und die Story zugespitzt. Haben erste Konzepte gemacht und gemeinsam mit Christoph Hagel Passagen aus den Partituren rausgeschrieben. Dann kommt die heiße Phase, fünf, sechs Wochen davor, man macht sich jeden Tag Gedanken über die Inszenierung, übt, trainiert, feilt an der Choreographie. Premiere war im September, wir hatten von der Stadt Schweinfurt eine Turnhalle zur Verfügung gestellt bekommen, in der wir während des Sommers schon fast gelebt haben. Eine Woche vor der Premiere haben wir dann auch noch die Bühne eingerichtet – mit viel Abstimmungsarbeit, weil wir ja auch viel mit Video arbeiten.

Ein Sommer in der Turnhalle, romantisch. Träumt man irgendwann von Wagner?

Geißler: Das nicht. Nach dem Training fällst du tot ins Bett. Dann wachst du auf und sagst dir: weiter geht’s! Du hast gar keine Zeit, dich daran zu erinnern, was du geträumt hast.

Lohengrin im Klassenzimmer

Wie schaltet man ab? Sicher nicht mit Wagner.

Geißler: Nein, so ehrlich muss man sein. Wenn man‘s rauf und runter hört, ist man aber auch froh, was anderes zu hören.

Ist eure Show vom Film „Fack ju Göhte“ inspiriert?

Geißler: Jein, der Name auf jeden Fall, die Story ist aber dann doch eine andere. Schule wäre so ein Thema, dachten wir uns, dabei ist es auch geblieben, aber eben anders als bei „Fack ju Göhte“. Bei uns gibt es einen Fremden, einen neuen Schüler, der kommt in die Klasse rein. Sein Charakter ist angelehnt an Lohengrin. Es versucht sich zu integrieren, reinzukommen in die Klasse, dann gibt es aber auch Charaktere wie den coolen Sportler, der ihn ein bisschen mobbt, dann gibt es aber das Mädchen, das sich mit ihm versteht. Er wendet sich dann aber ab, weil sie ihm zu anhänglich wird. Und nach einem Jahr verlässt er die Schule wieder.

Die Kombination von „Fuck you“ und „Wagner“ könnte manchen Wagnerianer auf die Palme treiben.

Geißler: Die Idee dahinter ist natürlich, ein bisschen zu provozieren, damit wir Aufmerksamkeit bekommen. Es ist nicht negativ gemeint, sondern sagt eher aus, dass wir es anders machen, dass wir Wagner neu interpretieren, ohne dass seine Charaktere verloren gehen. Die Wagnerianer können gerne reingehen, danach können sie sich ein Urteil bilden und auch gerne mit uns diskutieren, ob das ein Angriff war. Wir empfinden die Show nicht als Angriff gegen Wagner. Es ist eine Interpretation auf eine jugendliche Art und Weise.

Wagner selbst hätte es vielleicht sogar gemocht. Er wollte ja auch immer Neues…

Geißler: Ja, Kinder, macht Neues! hat er gesagt Das ist auch ein bisschen unser Slogan.

Vom Schwanenritter zum Abendstern: "Fuck You Wagner". Video: Halgelvideo

"Keine Musik zum Chillen"

Auf welche Musik außer der Walküre darf man sich denn freuen?

Geißler: Natürlich einiges aus dem Lohengrin, das ist sehr schöne Musik, natürlich der Ritt der Walküre, es kommt aber auch die Prügelfuge aus den „Meistersingern“ vor. Oder der „Abendstern“ aus dem „Tannhäuser“, live mit Cello und Klavier.

Und jetzt mal ehrlich: Wie cool ist denn Wagner, wenn man ihn nicht in kleinen elektronisch aufbereiteten Happen serviert, sondern in Originallänge?

Geißler: Es ist keine Musik, die man zum Relaxen und Chillen hört. Es ist der Anfang der Filmmusik, sagt man so, und das stimmt. Seine Musik ist eine Untermalung der Geschichte, eine Verstärkung. Wir haben uns die Originalmusiken schon angehört, aber nicht gleich eine ganze Oper am Stück. Wenn man eine Stunde lang Musik von Wagner anhört, dann braucht man Luft. Das haut eben so rein. Cool ist die Musik von Wagner an sich eher nicht. Einzelne Stücke aber schon, wie der Ritt der Walküre. Eine ganze Oper von ihm habe ich noch nicht gesehen.

INFO: "Fuck You Wagner" geht am Dienstag, 30. Mai, ab 19.30 Uhr in der Reihe "Musica Bayreuth" in der Oberfrankenhalle über die Bühne. Karten in der Theaterkasse. Eine Schülervorführung gibt es am Mittwoch, 31. Mai, um 11 Uhr.

Die nächste Veranstaltung der Musica ist am 1. Juni das Konzert des Dieter Ilg Trios in Haus Wahnfried. Beginn: 19.30 Uhr.

Nicht bewertet

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