Blitzer-Abzocke: Stimmt der Vorwurf?

"Muss mal kurz Dampf ablassen!", schrieb Jürgen S. unter anderem an den Kurier: "Tolle Idee heute am Sonntag in Bad Berneck alle Skifahrer zu blitzen. Da kann man so richtig Beute nachen! Das hat mit Verkehrsüberwachung nichts zu tun....Abzocke! Wegelagerei! Wir sind drei Familien die eigentlich gerne am Ochsenkopf Skifahren... Diesen Winter nicht mehr, wir fahren lieber zum Arber. Da geht's mir nicht mal um die 20 Euro die ich zahlen muss... Es ist einfach nur dummfrech. Die Region Fichtelgebirge hat es einfach nicht drauf, so ne primitive Abzocke machen ja nicht mal mehr die Italiener. Bitte diese Mail an den zuständigen Beamten in Bad Berneck weiterleiten. Die Stadt hat heute bestimmt viel verdient, die Region hat verloren."

Der Geblitzte irrt

Jürgen S. irrt in einigen Punkten. Zunächst ist es so, dass die Stadt Bad Berneck an der Blitzerei nicht einen Euro verdient. Zwar bedient sich die Kurstadt eines Dienstleisters, wenn es um die Überwachung von Tempo und Parkplätzen geht. Aber dafür bekommt die Stadt keinen Euro aus den Einnahmen und muss umgekehrt auch nichts zahlen. "Das Risiko trägt der Dienstleister", erläutert der Bad Bernecker Geschäftsleiter Christian Hohlweg. Einen positiven finanziellen Effekt für die Kurstadt gibt es doch, räumt Hohlweg ein: Seit auch die Parkplätze mit Parkuhren überwacht werden, ist hier die Zahlungsmoral deutlich gestiegen.

Der Dienstleister, der in gleicher Funktion unter anderem auch für Bischofsgrün und Goldkronach tätig ist, ist die "Kommunale Verkehrsüberwachung Fichtelgebirge" (KVF) mit Sitz im Rathaus Marktleuthen - keine Privatfirma, sondern eine öffentlich-rechtliche Veranstaltung, bei der die Stadt die Federführung hat. Die KVF wurde nicht gegründet, um kommunale Einnahmen zu verbessern. Sondern weil die Poilzei den vielen Wünschen aus einzelnen Kommunen, an neuralgischen Raserstellen das Tempo zu überwachen, nicht nachkommen kann.

Die üblichen Verdächtigen

Indes: Die KVF hat am Sonntag, 8. Januar, als es Jürgen S. erwischt hat, gar nicht in Bad Berneck geblitzt. Die Suche nach den üblichen Verdächtigen führt vor die Tore der Stadt Bayreuth, zur Verkehrspolizeiinspektion. Hier ist Harald Grzonka als "Leiter Zentrale Verkehrsaufgaben" für das Blitzen in Stadt und Land Bayreuth und Kulmbach zuständig. Der  Polizeihauptkommissar bestätigt, dass die Polizei am Sonntag in Bad Berneck geblitzt hat, und zwar an der B 303 auf Höhe des Sportplatzes von 11 bis 15.30 Uhr. Die Bilanz: von insgesamt 1120 Fahrzeugen waren 79 zu schnell, was sieben Prozent entspricht. Der Schnellste war mit 84 Sachen unterwegs bei erlaubten 50 Stundenkilometern. Das bedeutet einen Monat Fahrverbot, zwei Punkte und 160 Euro Strafe.

Was sagt Grzonka zu dem Vorwurf, dass ausgerechnet an einem Sonntag in Bad Berneck geblitzt wurde, als zahlreiche Skifahrer auf dem Weg ins Fichtelgebirge waren? "Ursprünglich war an diesem Tag eine Abstandsmessung auf der Autobahn geplant. Wenn das Wetter zu schlecht ist, sollte alternativ an zwei Punkten im Landkreis geblitzt werden. Das wurden dann Bad Berneck und Allersdorf." Das sei schon zwei Wochen vorher entschieden worden, "da war noch gar nicht absehbar, dass an diesem Tag viele Skifahrer ins Fichtelgebirge fahren."

B 303 ist Kontrollschwerpunkt

Grzonka räumt ein, dass die B 303 zu den Kontrollschwerpunkten für die Verkehrspolizei gehört. Und sagt, warum: "Wir orientieren uns am Unfallgeschehen. Im Stadtbereich Bad Berneck wird häufig zu schnell gefahren. Wir merken das an Unfällen beim Abbiegen, im Kreuzungsbereich, aber auch an der Tankstelle. Und auf der Strecke sind viele Ausländer unterwegs, die nach Hause wollen und sich dabei an unsere Gesetze nicht halten." Weitere Kontrollschwerpunkte an der B 303 sind bei Bischofsgrün auf Höhe des Bauhofs und des Ortsteiles Glasermühle sowie bei Karches: "Dort haben wir schon 200 gemessen."

In Bad Berneck steht auch oft am westlichen Ortsausgang ein auffällig unauffälliges Auto. Kurz vor dem Ortsschild, wo es keinen Gehweg gibt, die  Bebauung aufhört und die Leute am ansteigenden Berg Gas geben. Also doch Abzocke? Grzonka erläutert: "Wenn wir dort stehen, messen wir die Autos bereits im Kreuzungsbereich." In diesem Zusammenhang räumt der Verkehrspolizist mit einem weit verbreiteten Irrtum auf. Der Moment, wenn das rote Licht aufleuchtet, ist nicht identisch mit dem Moment der Geschwindigkeitserfassung. Die findet bereits deutlich vorher statt. Und Grzonka hat für alle erbosten Knöllchenzahler eine simple, unwiderlegbare Wahrheit parat: "Wir drücken nicht auf den Auslöser."

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Montag, 13. November 2017 - 11:06