Berliner Philharmoniker holen Petrenko

Die Mienen der Männer, die am Montag im Foyer der Berliner Philharmoniker ans Pult traten, zeugten von Erleichterung. Ja, bei näherem Hinsehen sogar mehr als das: Der eine oder andere strahlte. Die Nachricht, die Philharmoniker-Intendant Martin Hoffmann und die Orchestervorstände verkündeten, hatte zuvor schon die Runde gemacht, allerdings noch als Gerücht. Dann endlich, kurz nach 13 Uhr: die Bestätigung. Kirill Petrenko (43), 2013 der Senkrechtstarter in Bayreuth, wird Simon Rattle nach 2018 als Chef der Berliner Philharmoniker beerben.

Es sei ein "toller Tag", sagte Hoffmann, man sei "wunderbar froh" über die Entscheidung des Orchesters. Die Berliner verlasen auch gleich einen Gruß des neuen Chefs. "Ich umarme das Orchester", ließ der Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper wissen.

Es gratulierte auch Nikolaus Bachler aus München, und zwar "herzlich". Dann sagte der Intendant der Staatsoper etwas an, was im ersten Jubel in Berlin untergegangen zu sein scheint. Kirill Petrenko wird ab 2018 womöglich gar nicht allein den Berlinern gehören, sondern weiter auch dem Antipoden im Süden der Republik. Denn Bachler fügte seinen Glückwünschen noch eine Nachricht an: "Gleichzeitig freue ich mich, dass Herr Petrenko und ich gemeinsam eine vom Bayerischen Kultusminister angebotene Vertragsverlängerung an der Bayerischen Staatsoper anstreben.“

Durchbruch in Bayreuth

Kirill Petrenko hatte sich von 2002 an als Chef der Komischen Oper in Berlin Respekt erworben. Seinen endgültigen Durchbruch als einer der aufregendsten jüngeren Dirigenten derzeit erlebte er 2013 als Dirigent des "Rings des Nibelungen" in Bayreuth. Während sich Regisseur Frank Castorf einem lauten Buh-Sturm stellen musste, gab es für den jungen Dirigenten heftigen Beifall, der manchem Beobachter wie die Kür des neuen Königs vorkam. Ebenfalls 2013 trat er sein Amt als Generalmusikdirektor an der Bayerischen Staatsoper an.

Vergangenes Jahr gab Petrenko bekannt, dass er nur noch 2015 in Bayreuth den "Ring" dirigieren werde. Er wolle sich noch stärker auf seine Arbeit in München konzentrieren. Nebenbei sei der „Ring“ einfach zu anstrengend. „Es ist körperlich zu viel. Das sind 16 Stunden Musik“, sagte der russische Dirigent seinerzeit. „Wäre es eine Oper nur gewesen in Bayreuth, hätte ich es vielleicht fünf Jahre gemacht.“

Die Berliner Philharmoniker hatten bereits vor sechs Wochen eine Dirigentenwahl anberaumt, sich aber in insgesamt zwölf Stunden nicht auf einen neuen Chef einigen können. Christian Thielemann war als Favorit ins Rennen gegangen, offenbar aber bei einem Teil des Orchesters auf Widerstand gestoßen. Spekulationen und Gerüchte, er sei eine treibende Kraft hinter dem Hügelverbot für Festspielleiterin Eva Wagner-Pasquier gewesen, dürften seine Aussichten beim Wahlgang in der Dahlehmer Jesus-Christus-Kirche nicht verbessert haben.

Thielemanns Gegenmodell

Nun haben sich die Berliner quasi für das Gegenmodell entschieden. Während Thielemann die Öffentlichkeit durchaus nicht scheut und bestimmend auftritt, gilt Petrenko als öffentlichkeitsscheu und sehr zurückhaltend. Das Markenzeichen des nur 1,60 Meter großen Maestro ist das verschmitzte, gleichwohl schüchterne Lächeln.13 Jahre jünger als Thielemann, hat er in der Verbindung von Analyse und Frische Meisterschaft erreicht.

Die Vertreter seines künftigen Orchesters lobten Petrenkos bodenständige, akribische Art. Petrenko sei bescheiden, konzentriere sich allein auf Werk und Partitur, nicht aber auf den Rummel um seine Person, sagte Peter Rieglbauer. Am Abend aber, beim Konzert, könne Petrenko den Saal in "wunderbarer Weise" verwandeln. Von Von einem Wunschkandidaten sprach auch Orchestervorstand  Ulrich Knörzer. Normalerweise frage sich das Orchester, ob es einen Dirigenten wieder einlade oder nicht? Petrenko habe zwar nur dreimal in Berlin dirigiert. "Doch bei ihm haben wir uns nur gefragt, wann laden wir ihn wieder ein?"

Äußerst erfreut äußerte sich der Solo-Oboist der Philharmoniker, Albrecht Mayer. "Ich kenne Kirill schon sehr lange, seit Meiningen", sagte der Bamberger dem "Kurier". Zweimal habe Petrenko ihn eingeladen, zu sehr anspruchsvollen Programme: "Es war unglaublich schön, sehr viel Detailarbeit, aber auch menschlich sehr angenehm. Ich kann nur in den höchsten Tönen schwärmen." Petrenko sei weit entfernt, der Öffentlichkeit zu schmeicheln, er sei zurückhaltend, aber auch "unglaublich herzlich". Mayer, der seine Laufbahn als Weltstar bei den Bamberger Symphonikern begonnen hatte, sagte: "In seiner Art, bei der Arbeit unbedingt dranzubleiben, ist ein Hauch von Carlos Kleiber."

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Montag, 13. November 2017 - 11:06