Behinderte als Urlauber immer wichtiger

In Mehlmeisel erhielten erhielten nun 17 Einrichtungen nach einer umfassenden Prüfung die Zertifizierung für Barrierefreiheit. Eine von ihnen ist der Gasthof Specht in Fichtelberg-Neubau.

Die Türen sind breiter als sonst, der Spiegel im Bad lässt sich kippen, Kleiderhaken hängen auf halber Höhe. In der Dusche kann man einen Stuhl an der Wand einhängen. Und alles scheint irgendwie großzügiger und geräumiger. Die neuen Zimmer und Ferienwohnungen des Gasthof Specht sind 100 Prozent rollstuhlgerecht.

Vor einigen Jahren kauften die Spechts einen unmittelbar benachbarten Gasthof, rissen ihn teilweise ab und bauten direkt an ihren Gasthof ein neues Haus mit zwei Zimmern, zwei Ferienwohnungen und vier Apartments. „Unsere Gäste werden immer älter“, sagt Marianne Specht. Deswegen fiel vor über vier Jahren die Entscheidung, die Unterkünfte im Neubau komplett barrierefrei und rollstuhlgerecht zu planen und bauen. Das Haus hat einen Aufzug. Zusätzlich zu den Toiletten im Keller des Gasthofs wurde im Durchgang eine rollstuhlfähige Toilette eingebaut. „Wir hatten auch schon vorher Gäste mit Rollstuhl, aber das war sehr beschwerlich“, so Specht.

Die Baumehrkosten, die die Barrierefreiheit ausmacht, kann Marianne Specht nicht beziffern: „Es war von Anfang an so geplant.“ Auch fällt es ihr schwer, mit Zahlen zu belegen, was ihr das besondere Investment an Mehrgeschäft brachte. Schließlich profitieren von der Barrierefreiheit auch Menschen mit Handicap, die nicht auf einen Rollstuhl angewiesen sind. Bei der Werbung für das gar nicht mehr so neue Angebot sieht sie noch Luft nach oben: „Es ist bis jetzt wenig bekannt.“

"Die Menschen haben die Möglichkeit, älter zu werden. Und sie wollen und werden reisen“, so Landrat Hübner bei der Übergabe der Zertifikate in Mehlmeisel. Und die Behindertenbeauftragte der Staatsregierung, Irmgard Badura, die selbst stark sehbehindert ist, sagte in Mehlmeisel: „Menschen mit Behinderungen sind eine treue Kundschaft. Wenn es uns wo gefällt und wir Teilhabe finden, kommen wir auch wieder und machen es bekannt.“

Andreas Munder von der TMO Ochsenkopf hatte sich für die Region mit Erfolg bei der Bayern Tourismus GmbH beworben und 10 000 Euro erhalten, die in die Zertifizierungsarbeit einflossen. Damit wurde der Ochsenkopf auch zu einer von zehn „Pilotdestinationen“ für barrierefreies Reisen im Freistaat.

Und das spezielle Angebot für Blinde und Sehbehinderte in Bischofsgrün macht die Region unter den zehn Pilotdestinationen sogar einmalig. Hier hat sich vor allem der Gasthof Hotel Siebenstern seine Nische gesucht. Kerstin Zinnert – ihr Bruder und ihre Schwägerin sind beide blind – hatte schon seit vielen Jahren treue Gäste mit Handicap von verschiedenen Lebenshilfegruppen. Seit rund drei Jahren setzt sie insbesondere auf Blinde und Sehbehinderte. Für die es im Ort inzwischen sogar eigene Wanderungen gibt. Zwischenbilanz nach rund drei Jahren der Spezialisierung: Weit über 100 Gäste allein aus diesem Segment.

Jan Schiefer vom „Deutschen Seminar für Tourismus“ in Berlin begleitete das Zertifizierungsprojekt fachlich. Er sagte, zu den Mankos des Themas gehörte bisher das Fehlen einer einheitlichen Kennzeichnung, die sich an klaren Kriterien orientierte. „Die Betroffenen sagen: Wir würden gerne verreisen, aber wir finden die Angebote nicht.“

Die einheitliche Kennzeichnung gibt es nun unter dem Oberbegriff „Reisen für Alle“. Das Prädikat ist wiederum stark unterdifferenziert: Grad der Barrierefreiheit, nach Art der Behinderungen. Ein Zertifikat kann aber auch eine Einrichtung erhalten, die Betroffene umfassend zum Angebot in der Region informieren kann.

Die Bewerbung der neu verliehenen Zertifikate läuft unter anderem über die Internetseiten des deutschen und des bayerischen Tourismusverbandes sowie über die der Erlebnisregion Ochsenkopf. Hier werden auch konkrete Pauschalen und Arrangements für Urlauber mit Beeinträchtigungen angeboten.

Kerstin Zinnert vom Gasthof Siebenstern ist im Katalog eines Chemnitzer Anbieters für behinderte Urlauber, was ihr viele Anfragen bringt. Doch noch wichtiger sei die Mund-zu-Mund-Propaganda unter den Betroffenen, ist ihre Erfahrung. Und die unerlässlichen Umbauten im Haus sind nicht alles: „Barrierefreiheit beginnt im Kopf und im Herzen des Gastgebers.“

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