Bayreutherin beim Olympia-Marathon

„Manchmal kann ich es gar nicht so richtig fassen“, sagt Scherl (LG Regensburg) mit Blick auf ihre Erfolge in diesem Jahr. Beim Marathon in Hamburg lief die 30-Jährige auf den dritten Platz, verbesserte dabei ihre persönliche Bestzeit um fast neun Minuten. 2:27:50 Stunden ist die achtbeste je von einer Deutschen gelaufenen Marathonzeit – und bedeutete gleichzeitig die Qualifikation für Rio. „Olympia ist der Traum eines jeden Sportlers. Ich will die deutschen Farben würdig vertreten und viele tolle Eindrücke mit nach Hause nehmen.“

Über mögliche Platzierungen spricht Scherl nicht, sie bewahrt sich ihre Lockerheit, will alle Erlebnisse in sich aufsaugen, das Rennen genießen. Ihre großes Plus dabei: Sie verliert nie den Fokus und setzt sich realistische Ziele. „Zuerst wollte sie eine bayerische Medaille, dann eine deutsche Mannschafts- und später eine deutsche Einzelmedaille gewinnen. Irgendwann wuchs der Traum, einmal im Nationaltrikot zu starten“, beschreibt Trainer und Ehemann Marco Scherl seine Frau. „Anja ist sehr willensstark und ehrgeizig. Wenn sie sich einmal ein Ziel gesteckt hat, ist es schwer, sie davon abzubringen.“

Einstieg erst mit 21 Jahren

Das zeigt sich am ungewöhnlichen und beeindruckenden Werdegang der Langstreckenspezialistin. Auf die Laufbahn wechselte sie erst mit 21 Jahren. Doch schnell stellten sich für die gebürtige Oberpfälzerin – sie wuchs in der Nähe von Amberg auf – auf der Mittelstrecke Erfolge ein. Bei ihrem ersten Start bei Deutschen Juniorenmeisterschaften lief sie auf Rang acht – und nahm das als Ansporn. 2012 überraschte sie mit Rang vier bei der DM im Zehnkilometerlauf. 2014 und 2015 folgten die ersten Goldmedaillen auf nationaler Ebene in Mannschaftsläufen. In diesen beiden Jahren machte sich Scherl auch in Bayreuth, dort lebt sie seit knapp vier Jahren, einen Namen: Zweimal in Folge siegte sie beim Fun Run im Viertelmarathon, damals noch unter ihrem Mädchennamen Schneider. Das herausragende Karrierejahr ist aber das aktuelle – und das nicht nur dank des Podestplatzes in Hamburg: Beim Halbmarathon in Barcelona lief sie in einem stark besetzten Feld in persönlicher Bestzeit (1:11:17 Stunden) auf Platz vier. Die Qualifikation für die Europameisterschaft in den Niederlanden war perfekt. In Amsterdam war sie als 17. beste Deutsche.

40-Stunden-Woche im Beruf

Ein steiler Aufstieg – mit dem sie die deutsche Laufelite ordentlich durcheinander wirbelte. Denn Scherl ist keine Profiläuferin. Sie arbeitet 40 Stunden in der Woche als Softwareentwicklerin, nutzt vor allem ihre Freizeit und Urlaub zum Trainieren. An einem normalen Arbeitstag steigt sie am frühen Morgen in Bayreuth in den Zug, sitzt etwa eine Stunde später in ihrem Nürnberger Büro bei der Firma Datev und zieht erst nach Arbeitsende die Laufschuhe an. „Um Arbeit und Trainingsprogramm unter einen Hut zu bekommen, habe ich auch die Möglichkeit, Home Office und flexible Arbeitszeiten zu nutzen“, sagt Scherl. „Und nach dem Hamburg-Marathon hat mich mein Arbeitgeber in Form von Freistellungen für die Olympia-Vorbereitung unterstützt.“

Das Trainingsprogramm blieb dabei unverändert, aufgrund der positiven Entwicklung habe es keinen Anlass für Veränderungen gegeben, sagt Marco Scherl. Der Ehemann und Trainer stärkt seiner Frau jederzeit den Rücken, ist der wichtigste Fixpunkt in ihrem Leben. Er brachte sie zum Laufsport, entwickelt Trainingspläne, baut diese in den Alltag ein oder empfängt seine Frau nach dem Training auch einfach mal mit einem Abendessen. „Ohne ihn wären für mich diese Leistungen nicht möglich“, sagt die Marathonläuferin.

Klar, dass Marco sie nach Rio begleitet hat. Dort ist er zwar mehr Tourist und Motivator an der Strecke als Trainer – in Rio sind die Bundestrainer für die Athleten zuständig –, doch er wird seine Frau auch auf das Rennen ihres Lebens einstellen. Ihr liegt das relativ flache Streckenprofil, aber vor dem Klima in Rio hat sie großen Respekt. Am Sonntag werden Temperaturen von bis zu 28 Grad und eine Luftfeuchtigkeit um die 75 Prozent erwartet. „Das Rennen wird eine richtige Herausforderung für mich“, sagt Anja Scherl. „Aber auch die Vorfreude ist sehr groß.“

Keine Ambitionen auf Profi-Laufbahn

Ob sie ihre Bestzeit nochmals toppen kann, lässt sie offen. Das könne sie erst nach Olympia sagen, erklärt Scherl mit einem Lachen. Fest steht aber: Egal, wie der olympische Marathon endet, eine Karriere als Profisportlerin strebt Scherl nicht an: „Das ist nichts für mich. Dafür ist mir meine Arbeit zu wichtig und macht mir, besonders wegen meiner Kollegen, einfach zu viel Spaß.“

Info: Der olympische Marathonlauf der Frauen startet am Sonntag um 14.30 Uhr (MESZ). Start und Ziel ist im Stadion Sambodrom, das 88 500 Zuschauern Platz bietet.

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