Bayreuther Festspiele: Ausverkauf(t)

Fragt man im Festspielhaus nach, was das für Karten sind, erfährt man: Die seien alle schon verkauft gewesen, sind aber zurückgegangen, und wenn die Begründung für die Rückgabe triftig sei, dann helfe man gern, sie noch einmal zu verkaufen. Auch, um den Schwarzmarkt einzudämmen, der – anders als vor ein paar Jahren – heute für jeden nur noch zwei, drei Klicks entfernt ist.

Aus der sagenumwobenen Überbuchung macht sich der kaufmännische Direktor Heinz-Dieter Sense ohnehin wenig. Es wäre ihm lieber, sagt er, wenn es keine Überbuchung gäbe, denn dann wären die Festspiele immer noch ausverkauft, nur ohne den Ärger wegen der Überbuchung. Auch dieser Satz ist, laut ausgesprochen: neu.

Aus Sicht der Kartenkäufer hat dieser Gedanke ja sogar etwas für sich: dass man, wenn man Karten bestellt, auch wirklich Karten kriegt. Ob die Festspiele langfristig ausverkauft sind oder nicht, hat damit ohnehin nichts zu tun. Diese Gründe liegen anderswo. Nicht im Kartenbüro, sondern – natürlich – auf der Bühne.

Das Jahr, in dem auf dem Grünen Hügel auf den ersten Blick nichts Neues stattfindet, könnte das Jahr werden, in dem dort oben der Wind endlich in eine günstigere Richtung bläst.

Katharina Wagner ist als Festspielleiterin bis 2020 ausgerufen. Für das, was sie mit ihrer Schwester seit 2008 gestaltet und bewirkt hat, unter Bedingungen, die nun wirklich einfacher sein könnten, zollt ihr die Fachwelt durchaus Respekt. Mehr aber auch nicht.

Es gibt keinen besseren Moment als dieses Jahr, um das zu ändern: mit ein paar wirklich großen Namen – und mit ein paar Namen, mit denen keiner rechnet – als Regisseure, als Dirigenten und als Sänger. Aber vor allem: Namen, die nicht nur als Name funktionieren.

Die „Meistersinger“-Regie für 2017 ist noch nicht vergeben, auch die musikalische Leitung nicht. Die „Lohengrin“-Regie für 2018 ist noch nicht vergeben. Wer 2019 „Tannhäuser“ inszeniert und dirigiert, ist offen. Wer 2020 den „Ring“ inszeniert und dirigiert, auch. Um Bayreuth wieder ins Gespräch zu bringen, reichen diese vier Produktionen vollkommen aus. Die Entscheidung fällt jetzt.

Die „Welt“ raunt bereits, als Elsa für 2018 sei Anna Netrebko im Gespräch. Selbst wenn das stimmt, wird es damit nicht getan sein.

Der Termin, bei dem neue Namen traditionell verkündet werden, war in den vergangenen Jahren die Pressekonferenz am Premierentag. Dann kamen die Kulturreporter, auch die, die sich nur an diesem Tag für Bayreuth interessieren, und notierten eifrig mit.

Dieses Jahr ist der Termin abgesagt, es gebe nichts Neues zu verkünden, heißt es. Und das ist – nach der manchmal paradoxen Logik der Festspiele – ein ziemlich sicheres Zeichen für das Gegenteil.

Wie die Gegenwart der Festspiele aussieht, wird sich nächste Woche zeigen, vor allem bei den Wiederaufnahmen des „Rings“. Aber wie auch immer die Gegenwart aussieht: Es ist überhaupt nicht einzusehen, dass die Zukunft der Festspiele nicht noch besser werden könnte.


florian.zinnecker@kurier.tmt.de

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Montag, 13. November 2017 - 11:06