Wenn das Stadtbild kein Genuss ist

Würden Sie hier einkehren? Foto: Katharina Fink

Die letzte Veranstaltung im Kulturclub "Sübkültür" in der Kämmereigasse am Dienstagabend trug den Titel "Hier kotzt die Genussregion", und deswegen müssen wir die Veranstalter tadeln. Es ist natürlich nicht die "Genussregion", die sich - pardon! - übergibt, es sind höchstens die Besucher derselben. Und auch das nur, wenn man sie auf gewisse Punkte stößt, sie an die Nicht-Orte führt, an denen sich die Lieblosigkeit austobt.

Was hat sich der Planer dieser phallischen Einschulungs-Deko in einem Bayreuther Geschäft eigentlich nur gedacht? Nix, wahrscheinlich. Gaaaaar nix. Foto: Kerstin Fritzsche

Pflanzen wie Außerirdische

Wo sich Stadtplaner, Schaufensterdekorateure und die anderen für das Gesicht einer Stadt zuständigen Menschen mit ihren Alpträumen verewigen: Pflanzen in Betonkübeln, die wie Außerirdische ausschauen. Ratshochhäuser. Schaufenster von erbitterter Trostlosigkeit. Ein Partnerschaftsplatz, dessen unglaubliche Ödnis zum sofortigen Abbruch der deutsch-französischen Freundschaft führen könnte. Müsste. Gut, passiert anderswo auch.

Beton-Blumenkübel mit den Blumen, die sie verdienen. Vermutlich. Foto: Katharina Fink

Ruinen-Porno

Und es ist nicht alles schön im Land von Bier und Bratwurst, das wusste man, das kann nicht sein, nirgendwo, in keiner Region dieser Welt. So deutliche Kontraste zu Genuss aber finden sich nicht überall und nicht aller Tage. Da hatte diese vorgebliche Konferenz Dienstagabend im Forum Phoinix, dieser als „Fachbereichstreffen der Ästhetischen Aktion“ getarnte Ruinen-Porno, schon tiefere Berechtigung. Dass die „Sübkültür“-Macher für diese ironische Bilderschau eigenmächtig das Autobahnschild der Genussregion abänderte: wiederum ts ts ts! Andererseits: Vielleicht wurzelt das ganze Übel der lieblosen Ecken ja mit dem konzeptlosen Bilderkuddelmuddel auf dem braunen Schild?

Auch in Pottenstein geht schöne Hässlichkeit. Aber da ist das vielleicht auch Mode. Foto: Katharina Fink

Venezianische Idylle. Foto: Kerstin Fritzsche

Aber die Bilder sind da

Denn jetzt mal Spaß beiseite: Tatsache ist ja, dass es diese Bilder gibt. Die gibt es nicht einfach so in unseren Köpfen, die gibt es in unseren Köpfen, weil es sie auch real gibt. Und ja, das ist klischeehaft und unangenehm und vielleicht auch wenig schmeichelhaft für eine Initiative, die sich ja dem Genuss verschrieben hat. Aber warum muss ein Stadtbild eigentlich immer schön sein? Die Verkettung immer heißen: Betonblumenkübel auf leerem Platz ist gleich trostlos? Die wahre Kunst ist doch, diese Bedeutung umzudeuten. Mut zur Hässlichkeit, Weg frei für Trostlosigkeit und Leerstand, und schon ist unsere Stadt, unsere ganze Region wieder was. Vielleicht nicht unbedingt schön im Sinne von "Schönheit". Aber halt irgendwas.

Ganz sicher ist es auch so, dass es herbe Ecken geben muss, um die Schönheit anderer Flecken noch deutlicher zu  machen. Als Kontrastmittel sozusagen.

Vor dem Rathaus. Foto: Kerstin Fritzsche

Schöne Hässlichkeit dokumentieren

Genau das machte dann die Aktionsgruppe im Zeichen der neuen Ästhetik: Schandflecken in der Stadt wurden identifiziert, und ihre schöne Hässlichkeit wird nun dokumentiert und gepflegt. Längerfristig wird sie dann zum Aushängeschild der Stadt. Vor allem die Ecken und Flächen, wo Schöntrinken auch nicht mehr hilft (Kanalstraße, Fußgängerunterführung Maxstraße Richtung B 22, Freiheitsplatz) oder schon ergebnislos stattfindet (Winterdorf in der Maxstraße).

Und Sie alle können zur Dokumentation beitragen. Das geht bequem über den Kurier. Was ist für Sie der hässlichste, trostloseste, ... oder auch interessanteste Platz in Bayreuth und/oder der Region? Vielleicht haben Sie auch noch ein Foto. Vorschläge und Fotos bitte an onlineredaktion@kurier.tmt.de.

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