Bayreuth schlägt zurück

Bayreuths Kult-Lokal "Eule" (Judith von Sternburg, Frankfurter Rundschau, 2017): "Das Bayreuther Künstler-Lokal ist nicht mehr das, was es war. Das Bayreuther Publikum aber auch nicht."

Was soll man zu dieser "Das waren noch Zeiten"-Haltung noch sagen außer, dass sich die Zeiten eben ändern. Und womöglich verklärt dieser Blick auf Bayreuth auch die Vergangenheit und tut der Gegenwart damit unrecht. Ja - was waren das für Zeiten, als Prinz Charles und Loriot und Michail Gorbatschow noch zu den Festspielen kamen? Die waren aber nicht alle auf einmal da.

Wahrscheinlich gab es schon früher Festspieljahre, in denen - abgesehen von den Politikern, die immer da sind - Stars vom Format eines Robert Blanco das höchste der Gefühle waren. Und heuer waren mit dem schwedischen Königspaar absolute A-Promis dabei. In ein paar Jahren kommt garantiert ein Journalist von außerhalb und wird schreiben: Was waren das noch für Zeiten. Wetten?

Ein Rollkoffer verlässt Bayreuth (David Hugendick, Zeit-Online, 2014): "Muss man auch erstmal schaffen, sich in Bayreuth zu verlaufen."

Als ob es die Schuld einer Stadt wäre, wenn sich jemand in ihr verläuft. Aber es ist ein gängiger Kunstgriff der Bayreuth-Hasser, die Stadt als verschlafenes Nest darzustellen. Und ein versnobtes noch dazu. Hier fahren angeblich nur Porsches rum, die nicht mal einen verlorenen Anhalter mitnehmen. Dabei sollte es für den Autor ein Leichtes sein herauszufinden, dass das Festspielhaus zwar Weltruf genießt, Bayreuth aber eben nur 72.000 Einwohner hat.

Was erwartet der? Die Stadt hat deutlich mehr zu bieten als viele andere Städte dieser Größe. Dass einer für die schönen Dinge Bayreuths blind ist und nur auffällige Autos sieht, wenn er für einen Kurztrip aus Hamburg oder Berlin anreist, durch die Hauptstraßen irrt und offenbar nicht einmal einen Stadtplan im Rollkoffer hat - wen wundert's?

Zwei Stunden in Bayreuth (Lara Felicitas Wilke, Zeit-Online, 2017): "Falls Sie jetzt bedauern, hier gestrandet zu sein, sind Sie in guter Gesellschaft. So ging es auch der preußischen Königstochter Wilhelmine"

Die Autorin meint es noch einigermaßen gut mit Bayreuth. Dass der Rote Main in seinem Betonbett nicht schön aussieht, dass das Rathaus "ein wenig repräsentativer Nachkriegsbau" sei - stimmt. Sie hat wenigstens noch ein Auge für schöne Ecken der Stadt. Und die Autorin empfiehlt die Bayreuther Bratwurst, von der Richard Wagner schon seinem Hund Russ immer ein Stück abgegeben habe.

Heute ruht Russ bei der Familiengrabstätte. Wundern Sie sich nicht, wenn sich dort demnächst die angebissen Würstchen der Touristen stapeln. Denn der Artikel empfiehlt: "Wenn Sie Ihre Wurst noch nicht verputzt haben, lassen Sie ihm (dem Hund, die Redaktion) doch eine Hälfte da. So machte es auch der Meister."

Warum Bayreuth die urdeutsche Hölle auf Erden ist (Dennis Sand, Die Welt, 2014): "Ich bin mir sehr sicher, dass es in diesem Land keinen Ort gibt, der der Hölle näher seien könnte."

Es war der bisher bösartigste aller Bayreuth-Verrisse. Ein kulturloser Ort sei die Stadt. Und wenn der Rote Teppich am Festspielhaus wieder eingerollt ist, regiere "das Elend, das nackte Elend, und ich weiß das, weil ich in diesem Elend gelebt habe", behauptete der Autor. "Oberfränkisches Nirwana", "kulturelle Ödnis", "ortgewordener Stillstand" - all das hat er Bayreuth an den Kopf geworfen. Und schlimmeres. Dass im "Rotmain" (Roter Main, die Redaktion) aufgrund eines Unfalls gerade ein paar Fische gestorben waren, nahm er als Anlass zu mutmaßen, Bayreuth sei der Ort, an dem die Apokalypse beginne.

Kurier-Kulturchef Florian Zinnecker hatte schon damals die richtige Antwort parat. "Bayreuth ist nichts für Anfänger." Aber in einem hatte der Welt-Autor schon Recht: Bayreuth ist das oberfränkische Nirwana, der Ort an dem man in Ruhe und Glückseligkeit lebt - wenn nicht gerade wieder ein Großstadtjournalist durch die Stadt zieht.

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Montag, 13. November 2017 - 11:06