Bayreuth? "Nie einen Kopf gemacht"

Ihr Konzert in Bayreuth wirkt auf mich wie ein Anfang und ein Ende.

Marcus Bosch: Wie meinen Sie das genau?

Weil es Ihr Debüt in Bayreuth ist, aber so etwas wie der Beginn einer Abschiedstournee. Sie stehen vor Ihrer letzten Saison als Generalmusikdirektor in Nürnberg, konzentrieren sich bald auf Ihr Lehramt in München...

"Ein sehr spezielles Programm"

Bosch: Genau. Jetzt aber ist es der erste Besuch mit meinem Orchester, der Staatsphilharmonie Nürnberg, in Bayreuth, und das mit einem sehr speziellen Programm.

Ein Beethoven-Abend, mit zwei Symphonien und einer Arie, in kleiner Besetzung.

Bosch: In sehr kleiner Besetzung. Jeweils nur 4 erste und 4 zweite Violinen, 4 Violas, 2 Celli und 2 Bässe - wie bei der Uraufführung seiner 3. und 4. Sinfonie. Die Konzerträume der damaligen Zeit hatten ja einen viel längeren Nachhall, deshalb ist das Programm ursprünglich für den Rathaussaal in Nürnberg konzipiert, der dem historischen Vorbild nahe kommt.  Im Zentrum bin ich das erste Mal, ich bin gespannt, wie unser Beethoven in diesem Raum klingt, in dieser kleinen aber umso eindringlicheren Besetzung, bei der sich das klangliche Gewicht zugunsten der Bläser verschiebt.

"So wahnsinnig modern"

Sie sprachen von einem besonderen Programm. Nun wird Beethoven ja nicht unbedingt selten gespielt.

Bosch: Stimmt, aber selten in dieser Besetzung. Und in der Konzentration auf Beethoven hört man auch, dass schon die erste Symphonie so wahnsinnig modern ist. Das muss man sich zu der Zeit mal vorstellen:  mit einem Septakkord einzusteigen. Da zeigt sich, dass ein Komponist dezidiert sagt, hört her, hier ist was Neues. Da macht ein Platzhirsch auf sich aufmerksam. Die zweite hat auch ihre besonderen Seiten, aber eigentlich sind schon die Symphonien mit den ungeraden Zahlen die Werke, die sozusagen nach vorne denken. Die mit den geraden Zahlen sind eher die, die das Revolutionäre wieder einfangen, wenn auch natürlich in einem Tonfall, der etwas ganz eigenes hat. Auch die 2. Symphonie ist kein Schritt zurück, das würde ich nicht sagen, sie hat durchaus etwas Verbindendes zum Lehrmeister Haydn.

"Eine Arie, auf den Leib geschrieben"

Und aus welchem Grunde schrieb Beethoven eine einzelne Arie?

Bosch: "Ah Perfido!" ist einer Lieblingssängerinnen Mozarts - Josepha Duschek - für ein Konzert in Leipzig auf den Leib geschrieben. Da packt er außerordentliche vokale Kunstfertigkeiten in diese im Geist der Rachearie geschriebene Musik hinein. Ich empfinde diese Arie als schönen Kontrapunkt zu den Symphonien. 

War eine Opernsängerin früher von der Ausbildung her in der Lage, eine solche Arie so zu singen, wie sie Beethoven aufgeschrieben hat?

Bosch: Ich war nicht dabei (schmunzelt) Wie wir eine damalige Sängerin, deren Technik und musikalischen Geschmack mit unseren heutigen Ohren hören würden, das sind Fragen, die wir weder fürs Instrumentale noch für das Vokale wirklich beantworten können.

"Auch in der kommenden Saison haben wir einiges vor"

Was Sie ganz sicher beantworten können, ist der Stand in Nürnberg: Wenn Sie die vergangenen sechs Jahre Revue passieren lassen, welche Bilanz ziehen Sie?

Bosch: Ich denke, dass sich das Haus in den vergangenen Jahren mit seinem Intendanten Peter Theiler international auf ein unglaubliche Weise aufgestellt hat. Wir als Orchester haben uns daneben unter anderem  stark durch unsere Dvorak-Gesamtaufnahme positioniert, durch neue Konzertformate und Aufführungsorte. Ich konnte eine Vergrößerung des Orchesters erreichen, die Gründung einer Akademie, eine deutliche Steigerung des Konzertpublikums... Ebenso denke ich, dass wir mit unserem "Ring", der weitgehend sehr gut besprochen ist und jetzt zweimal im Zyklus kommt, ein Zeichen gesetzt haben. Oder denken Sie an unsere "Meistersinger" auf "Arte" und DVD und an unseren "Tristan", der gleichzeitig die erste Premieren Live-Übertragung im Kino war - das sind schon ein paar Ausrufezeichen! Und auch in der Saison 2017/2018 haben wir einiges vor, mit Regisseuren, die international zur ersten Garde gehören.

Nicht nur in Marcus Boschs Augen ein Ausrufezeichen: Die "Meistersinger" in Nürnberg. Quelle: YouTube

Sie werden sich auf Ihre Lehrtätigkeit in München, an der Hochschule für Musik, und auf die Opernfestspiele Heidenheim konzentrieren. Wird Ihnen der Job des Generalmusikdirektors mit regelmäßigem Kontakt zum Publikum fehlen?

Bosch: Ich glaube nicht, dass ich in Zukunft soweit davon weg bin. Die Kombination meiner Tätigkeit hat großen Reiz. Die Opernfestspiele leite ich seit 2010. Sie sind unglaublich gewachsen, qualitativ wie quantitativ - und unterrichtet habe ich schon immer gern. Die Hochschule für Musik in München ist eine der größten in Deutschland, da kann man auch mit dem Hochschulorchester spannende Projekte realisieren, die wahnsinnig viel Freude machen. Ob ich da das tägliche GMD-Dasein nach fast 20 Jahren vermissen werde, ich weiß es nicht. Ich glaube, ich bin eher froh, das mal nicht zu haben.

"Bayreuth? Ich habe mir da nie einen Kopf gemacht"

Sie sind nur wenige Kilometer von Bayreuth entfernt, werden weithin beachtet für Ihre Wagner-Produktionen. Da wirkt es wie Ironie, dass Sie am Freitag zum ersten Mal in Bayreuth dirigieren.

Bosch: Meinen Sie, weil ich bisher bei den Festspielen nie dirigiert habe?

Auch das.

Bosch: Ich war als Stipendiat dort, das war meine erste Begegnung mit Bayreuth. Aber es hat sich dann eben auch nicht weiter ergeben. Es ist gute Tradition, dass ein Nürnberger Generalmusikdirektor, so lange nicht in Bayreuth dirigiert, so lange er Generalmusikdirektor in Nürnberg ist (er schmunzelt) Aber ich habe mir daraus nie einen Kopf gemacht, ich freue mich jetzt darauf, mit Beethoven in Bayreuth zu sein.

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