Bayreuth: Christiane Fichtners spannende Doppelexistenz

Im „Tannhäuser“, im „Ring“, auch im „Fliegenden Holländer“ waren ihre Kreationen zu sehen – im „Holländer“ die kleinste Arbeit, auf dem Kopf des Hotelboys: Christiane Fichtner arbeitet als Hutmacherin für die Wagner-Festspiele. Wie viele andere hinter den Kulissen der Festspiele, ist sie in ihrem anderen Leben als eigenständige Künstlerin tätig: als freie Konzeptkünstlerin.

Nun, da die Produktionen gelaufen sind und alle Hüte drauf, hat sie Zeit für ein Gespräch. In Kladde 113, ihrem grauen Notizbuch mit schwarzem Rücken, das zwischen uns auf dem Tisch liegt, hat sie eine Passage aus Siri Huvstedts Buch „Die gleißende Welt“ herausgeschrieben: „Hume fand nichts, woran er sich halten konnte“, steht da in der Handschrift der Künstlerin, „kein Selbst in dem Bündel von Sinneswahrnehmungen, die zu Erinnerungen werden. Unvollkommene Identität.“

„Unvollkommene Identität“ könnte auch das Leitmotiv des Werks von Christiane Fichtner lauten. Die reisefreudige Künstlerin spielt in ihren künstlerischen Arbeiten mit den größten aller philosophischen Fragen: Wer bin ich? Und wie verändere ich mich, im Zusammenspiel mit anderen, mit der Welt?

Identitäten zum Anziehen

Sie spielt das in ihrer Serie „Biografien“ durch. Ausgangsidee ist, wie Fichtner sagt, die „flüssige Identität“, die Veränderungen des Selbst durch andere: Im Gespräch, in der Begegnung. Fichtner fragt Menschen. Und die sollen sich Geschichten ausdenken, fiktive Biografien Fichtners. Drei Sachen stehen fest: Der Name Christiane Fichtner, geboren 1974, von Beruf Künstlerin. Alles Weitere obliegt der Fantasie der Partner, die eine Geschichte schreiben, zu deren Darstellerin die Künstlerin wird. Wie einen „Staffellauf“ hat sie das Projekt beschrieben: vom Text zum Bild sind Regie, Schauspiel, Kostüm, Maske und Fotografie beteiligt. Dabei entstehen spannende, völlig unterschiedliche Porträts, in denen Selbst- und Fremdbilder entstehen – und auch Klischees zutage treten. „Künstler haben anscheinend immer psychische Probleme, folgt man den Geschichten“, erzählt sie.

Teile der „Biografien“ wurden als Ausstellung in vielen Städten gezeigt, auch in Bremen, wo Christiane Fichtner auch studierte: Modedesign, mit Diplom. Ab dann galt’s ganz der freien Kunst, ebenfalls im Studium mit Diplom. „Ein offenes Meer“, sagt Christiane Fichtner. Diesem Ozean Grenzen zu setzen, ist bereits eine der großen künstlerischen Handlungen.

Die andere Christiane

Dass sie auch Handwerkerin ist, ausgebildete Hutmacherin, erklärt, warum sie nach Bayreuth kam. Seit 2010 kommt sie jedes Jahr im Mai oder Juni an den Grünen Hügel, um in den Festspielwerkstätten für die Aufführungen zu arbeiten. „Übersetzung“ nennt sie das: Künstlerische Vorgaben und Ideen durch präzises Handwerk erfahrbar machen. Auch dabei geht es darum, Identitäten zu schaffen, Rollen auszustatten und zu verändern.

Als „Verdauungssystem für die Vielheit“ ist Christiane Fichtners online zu besichtigendes Heftarchiv bezeichnet worden, in das Auszüge aus ihren Kladden wandern. Vielleicht findet sich dort auch bald das Zitat zu Hume, das ihre Arbeit so treffend beschreibt. Christiane Fichtner selber findet ganz einfache Worte für ihre vielschichtige Kunst. Im Heftarchiv steht: „Ich schlüpfe in meine erfundene Biografie mit dem entsprechenden Kostüm und Maske. Ich lasse mich fotografieren und bin eine andere Christiane.“

INFO: Alle bisherigen „Biografien“ sind auf der Internetseite www.christiane-fichtner.de zu sehen. Ein Künstlerbuch zum Thema ist bei zwoacht Edition erschienen. Mehr Infos gibt es auch auf Fichtners Website.

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Montag, 13. November 2017 - 11:06