Barbarischer Akt gegen die Moderne

Die Bilder werden chaotisch gehängt und mit Hetzparolen an den Wänden garniert. Die bedeutendsten Vertreter der Moderne sollen dem Spott und Hohn preisgegeben werden: Wassily Kandinsky, Oskar Kokoschka, Franz Marc, Ernst-Ludwig Kirchner, Emil Nolde, Max Beckmann, George Grosz und Otto Dix. Einer ist mit sieben Arbeiten darunter, der jüngst als Maler der „Engel von Traindorf“ entdeckt worden ist: Constantin von Mitschke-Collande.

Der Künstler kommt am 6. Juni 1945 mit seiner Frau Hilde und der vierjährigen Tochter Constanze nach einer abenteuerlichen Flucht vor der Roten Armee in Guttenberg an. Einziges Gepäckstück ist ein Rucksack. Ihr sonstiges Hab und Gut, darunter ein Großteil der Arbeiten Collandes, wurden bei der Bombardierung Dresdens am 14. Februar 1945 ein Raub der Flammen. Die Flüchtlinge werden im Unteren Schloss aufgenommen. Während des halbjährigen Aufenthaltes beauftragt ihn Elisabeth von Guttenberg mit der Chorbemalung des Kirche von Traindorf oberhalb Guttenbergs.  Der Künstler malt im Stil der Neuen Sachlichkeit vier Engel, die den Triumphbogen überspannen. Sie sind, wie die Kunsthistorikerin Lisa Kern vom Lenbachhaus München urteilt, ein „einzigartiges Zeugnis“. Dies nicht nur, weil sie die Gesichtszüge prominenter Schlossbewohnerinnen haben, sondern weil sie das einzige Kirchengemälde des Künstlers, durchdrungen von einer Empfindsamkeit, die sich aus den leidvollen Erfahrungen nach 1933 speist.

Künstler als Verkünder einer besseren Zeit

27 Jahre vorher, am Ende des Ersten Weltkrieges, haben religiöse Motive bei Collande eine ganz andere Funktion. Sie sind politisch. Die von ihm aufgegriffenen Bilder aus der Passionsgeschichte und der Johannes-Apokalypse dienen dazu, Mord und Tod darzustellen – und die Schuldigen sichtbar zu machen. 1919 gründet er zusammen mit Conrad Felixmüller, Otto Dix und anderen die spätexpressionistische Künstlervereinigung „Dresdner Sezession“. Sie verstehen sich als Verkünder einer besseren Zeit, des Neuen Menschen. Enthusiastisch schwärmen sie von Aufbruch, Revolution, Solidarität, Brüderlichkeit.  Die Mehrheit der Mitglieder steht dem kommunistischen „Spartakus“ nahe.

Inmitten des Bürgerkriegs arbeitet Collande eine Serie mit sechs aufwühlenden Holzschnitten. Sie illustrieren Walther Georg Hartmanns Erzählung „Der begeisterte Weg“. Es sind Blätter, die die Nazis 1937 aus dem Staatlichen Kupferstichkabinett in Dresden holen und in München zeigen werden. Das Titelblatt zeigt in harten Schwarz-Weiß-Kontrasten einen Soldaten, der mit weit emporgereckten Armen der Revolution entgegenstrebt. Die Figur umgibt ein Heiligenschein, der als zarter heller Kreis hinter dem zurückgeworfenen Kopf erscheint.  

Das Pendant dazu ist das Bild „Du hast deinen Bruder getötet“. Es demonstriert die Ermordung des Revolutionärs durch einen Freikorpsmann. Der, der ihn abgeknallt hat, der eigentlich sein Kamerad sein sollte, steht mit diabolischem Blick links im Dunklen. Drei Figuren halten den Leichnam im Arm, drei weitere knien in betender Haltung. Über dieser, an die Beweinung Christi erinnernden Szene, ziehen an der oberen Bildhälfte drei Reiterfiguren mit Waage, Bogen und Schwert heran  – die apokalyptischen Reiter aus der Offenbarung. Die Bedeutung ist klar: Die Apokalypse ist gegenwärtig. Nicht nur im Gemetzel des Kriegs, sondern auch in der barbarischen Schlachterei in der Heimat.

Eine 1922 entstandene Bildfolge gilt den Nazis ebenfalls als „entartet“. Collande greift in vier Holzschnitten die Ballade „Montezuma“ des expressionistischen Schriftstellers Klabund auf. Es geht um die die Zerstörung des Aztekenreichs und die Gewaltakte christlicher Missionierung. Die erste Szene fängt die exotische Atmosphäre ein: Montezuma schießt mit Bambusrohren nach der Sonne, die orangefarben hinter üppigen grünen Pflanzen erscheint. Götterbeschwörung, mystischem Opferkult und Orakel-Glaube schwingen der Szene mit.

24 Bilder Collandes sind in der Datenbank aufgeführt

 24 Bilder Collandes sind aktuell in der Online-Datenbank „Entartete Kunst“ der Freien Universität Berlin aufgeführt. Der Künstler gerät kurz nach der Machtergreifung ins Visier der Reichskammer der Bildenden Künste. Die Bilder werden beschlagnahmt und in sogenannte Schreckenskammern gebracht, um sie für Schmäh-Ausstellungen parat zu haben. Bei Collande sind es die Arbeiten der „Sezession“-Jahre (bis 1922), die konfisziert werden, seine späteren Werke mit unverfänglichen Themen bleiben unbehelligt. Im Herbst 1933 findet eine erste Ausstellung „Entartete Kunst“ im Innenhof des neuen Rathauses in Dresden statt. Darunter ist Collandes  Holzschnitt „Madonna” (1920).

Die Dresdner Schau ist ein Testlauf, doch nach dem sensationellen Publikumsansturm geht man daran, weitere Ausstellungen zu organisieren, zunächst in Nürnberg und Dortmund. Auch hier ist Collande unter den diffamierten Künstlern. Die Hitler-Jahre übersteht er durch „Innere Emigration“. Finanziell hält er sich notdürftig mit einer kleinen privaten Malschule in Dresden über Wasser, ab 1941 als Dozent an der Berliner Textil- und Modeschule, bis ihm auch diese Einnahmequellen entzogen wird. Mit seiner Ankunft in Guttenberg vier Wochen nach Kriegsende sind die wirtschaftlichen Sorgen nicht vorbei, der künstlerische Stillstand aber ist beendet.

5 (1 vote)

Anzeige