Badeunfall: Wird der Prozess abgeblasen?

"Für mich reicht das nicht", sagt Ruslana Koska, die aus der Ukraine stammt und schon lange in Deutschland lebt. Ihre Tochter Vanessa starb vor beinahe drei Jahren an den Folgen des tragischen Schwimmunfalls. Das Mädchen konnte nicht schwimmen und trieb plötzlich bewusstlos im Wasser. Weder der Bademeister noch die Betreuerin standen nach Zeugenaussagen am Beckenrand, um das Kind daran zu hindern, ins tiefe Wasser zu gehen.

"Das ist ein Skandal!"

Deshalb wurde schließlich gegen beide wegen fahrlässiger Tötung ermittelt. Laut Strafgesetzbuch kann, wer durch Fahrlässigkeit den Tod eines anderen Menschen verursacht, mit einer Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder einer Geldstrafe bestraft werden. Dass der Tod ihrer Tochter nun lediglich auf dem Strafbefehlswege verhandelt werden soll, empört Ruslana Koska: "Das ist ein Skandal!" Denn zu viel Zeit und Kraft hat sie bereits darauf verwendet, den Tod von Vanessa juristisch aufarbeiten zu lassen. Ganz zu schweigen von den seelischen Schmerzen, mit denen sie bis heute kämpft.

Aufsichtspflicht verletzt?

Die Staatsanwaltschaft in Bayreuth ließ nach dem Unglück die Ermittlungen zunächst einstellen und ging von einem tragischen Unfall aus. Erst als sich der Bayreuther Anwalt Gert Lowack im Namen der Mutter beim Oberlandesgericht in Bamberg beschwerte und eine öffentliche Klage erzwang, wurde der Fall von der Justiz 2015 wieder aufgenommen. Das Oberlandesgericht sah sehr wohl Hinweise darauf, dass Aufsichtspersonen schuldhaft ihre Pflicht verletzt hätten.

Und jetzt soll der Badeunfall ohne öffentliche Aufmerksamkeit in aller Stille abgeschlossen werden? Für Ruslana Koska kann das nicht sein. Sie beharrt weiterhin auf einen Strafprozess: "Das ist mein Kind! Wenn ich das nicht mache, wer dann?" Die verzweifelte Mutter will nicht aufgeben, "selbst wenn das alles noch zwanzig Jahre dauert, die zwei müssen vor Gericht".

Höchstens ein Jahr Freiheitsstrafe

Mit einem Strafbefehl würde sich die Höchstfreiheitsstrafe auf ein Jahr mit Bewährung beschränken, widerspricht auch Anwalt Lowack dem Ansinnen des Kulmbacher Amtsgerichts. "Eine solche Strafe kann weder den Folgen der Tat noch den Tatumständen gerecht werden", schreibt Lowack an das Amtsgericht in einer Stellungnahme. "Bislang fehlt es an jeglicher Einsicht der Beschuldigten, von Reue und Geständnis ganz zu schweigen. Eine Entschuldigung durch die Angeschuldigten ist bis zum heutigen Tag nicht erfolgt." Die Nebenklage habe ein erhebliches Interesse daran, die konkreten Tatumstände während einer Hauptverhandlung aufzudecken.

Großes mediales Interesse

Nun werde der Eindruck erweckt, dies zu klären, sei nachrangig. "Dies kann gerade im Hinblick auf das mediale Interesse kein angemessener Umgang mit dem Fall sein", stellt Lowack fest. Der Fall ist bundesweit in mehreren Medien thematisiert worden.

Amtsgerichtssprecher Stefan Grawe sagt auf Kurier-Nachfrage, es handele sich bislang nur um eine Empfehlung des Gerichts. "Den ersten Schritt muss jetzt die Staatsanwaltschaft in Bayreuth tun und entscheiden, ob sie einen Strafbefehl erlässt oder nicht." Im Übrigen sei es nichts Ungewöhnliches, bei nicht vorbestraften Beschuldigten den Strafbefehlsweg zu beschreiten. Beschuldigten, Zeugen und Geschädigten erspare er die Aussage vor Gericht. Und die Justiz könne schneller entscheiden. Das Ergebnis komme ohne Einspruch einem rechtskräftigen Urteil und einem Geständnis gleich. Der Bayreuther Oberstaatsanwalt Herbert Potzel wollte sich zu der noch offenen Entscheidung nicht äußern. Es sei Anklage erhoben worden, jedoch habe das Amtsgericht Kulmbach noch Nachermittlungen angestellt und Gutachten eingeholt.

Staatsanwaltschaft Hof klagt Betreuerin an

Bei einem ähnlichen Fall 2016 in Hof, wo ein achtjähriger Nichtschwimmer im Schwimmbad ertrank, wird dagegen Anklage erhoben. Die Staatsanwaltschaft Hof geht gegen die Betreuerin vor. Sie wird ebenfalls der fahrlässigen Tötung beschuldigt. "Warum ist das in Hof möglich und bei uns nicht?", fragt Ruslana Koska. Die rothaarige Frau will nicht nachlassen, bis es endlich zu einem Verfahren kommt. Das Amtsgericht und die Staatsanwaltschaft hätten viel Zeit verstreichen lassen. "Ich aber habe in 40 Minuten mein ganzes Leben verloren, alles", sagt die Mutter und kämpft im Gespräch mit dem Kurier mit den Tränen. Sie hofft, bis Ende April die Entscheidung des Gerichts zu erfahren.

Der Himmelkroner Bürgermeister Gerhard Schneider, zugleich Vorsitzender des Sportvereins, war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Er hatte jedoch stets betont, dass er davon ausgehe, die Aufsichtspersonen hätten nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt. Die Eltern hätten ein Schmerzensgeld erhalten. Auch der Anwalt des beschuldigten Bademeisters war am Mittwoch nicht zu sprechen.

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