Autoknacker: Anklage für rund 100 Fälle

Insgesamt sind bis Anfang Dezember 13 Verhandlungstage angesetzt. Den sieben Männern, die fast durchwegs in Hand- oder Fußfesseln vorgeführt und auf verschiedene Haftanstalten unter anderem in Bayreuth, Hof, Bamberg, Weiden und Kronach verteilt wurden, drohen hohe Haftstrafen wegen schwerem Bandendiebstahls in Tateinheit mit Sachbeschädigung. Von Juni 2015 bis Februar 2017 sollen die Männer im Alter von 26 bis 39 Jahren, die aus Rumänien, Moldawien und Tschechien stammen, Mitglieder einer Bande gewesen sein, die gewerbsmäßig und professionell Fahrzeuge in Deutschland, darunter auch in Oberfranken, gestohlen und nach Tschechien überführt haben soll.

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Kein Kontakt der Angeklagten untereinander und auch kein Kontakt mit Zuschauern ohne Wissen und Genehmigung des Richters: Diese Regel stellte der Vorsitzende Richter Christoph Gillot von vorneherein klar. Während am ersten Prozesstag noch Fotos gemacht werden durften, wurde dies für die weiteren Verhandlungstage strikt untersagt. Laut Staatsanwältin Jana Huber befindet sich mindestens einer der Angeklagten, der bereit war, gegen die anderen auszusagen, in einem Zeugenschutzprogramm.

Entwendungsschaden mehr als 1,2 Millionen Euro hoch

Inzwischen wurde die Sitzordnung geändert, vermutlich weil die Männer mittels Gebärden versucht hatten, sich untereinander zu verständigen. Auf drei Bänken mit insgesamt 24 Plätzen finden neben den streng voneinander getrennt sitzenden sieben Angeklagten nun drei der vier Dolmetscher, die simultan jeweils ins Tschechische und Rumänische übersetzen, und insgesamt 14 Anwälte Platz. Bei ihrer illegalen Tätigkeit hatten es die Männer laut Staatsanwaltschaft besonders auf Kleintransporter wie den Mercedes Sprinter und den VW T5 Multivan abgesehen. Mit speziellen Werkzeugen oder brachialer Gewalt, indem sie die Seitenscheiben der Fahrzeuge einschlugen, sollen sie diese in ihren Besitz gebracht haben. Auf zusätzlich erbeuteten Anhängern sollen sie zudem weitere gestohlene Autos untergebracht haben und mit diesen über die Grenze gefahren sein.

Bei ihren Beutezügen, unter anderem in Dörfles-Esbach und Kronach, sollen die Angeklagten 31 Personenkraftwagen, 28 Transporter, acht Anhänger, vier Baumaschinen, drei Motorräder, ein Quad, ein Fahrrad und anderes geklaut haben. Der Entwendungsschaden beläuft sich auf mehr als 1,2 Millionen Euro. Der 39-jährige Tscheche O. gilt als Kopf der Bande. Er soll laut Staatsanwaltschaft die Diebstähle gezielt bei seinem Kumpanen V., der ebenfalls als Drahtzieher gilt und für den eine eigene Anklageschrift formuliert wurde, in Auftrag gegeben haben. V. habe die Diebstähle organisiert und dazu die Angeklagten in unterschiedlicher Besetzung verpflichtet. Später habe O. die gestohlenen Fahrzeuge in seiner Werkstatt in Tschechien gezielt „frisiert“, umgebaut und durch Ausstellung falscher Fahrzeugdokumente die ursprüngliche Identität verschleiert.

Drei Fahrzeuge in einer Nacht

Einer der Angeklagten, ein 30-jähriger Rumäne, war als Fahrer eingesetzt und sagte am gestrigen Mittwoch über zweieinhalb Stunden lang aus. Er berichtete detailliert über die Vorgehensweise der Bande. So habe sie sich auf einem Parkplatz in der Nähe der Orte getroffen, in denen sie ihre Beute zuvor – teilweise per Internet, mit Markenangabe und genauer Adresse – gezielt lokalisiert hatten. V. und weitere Beteiligte hätten die Diebstähle auf Weisung von O. begangen und die Fahrzeuge nach der Tat auf dem Parkplatz zwischengeparkt, um dann erneut zum Klauen loszuziehen, erklärte er. Manchmal seien geklaute Autos auf zuvor ebenfalls gestohlene Transporter aufgeladen worden.

Ende Oktober 2015 war das auch in Dörfles-Esbach der Fall. Dort wurden in einer Nacht gleich drei Fahrzeuge geklaut: Ein Mercedes Sprinter, ein Skoda Rapid und ein Kfz-Anhänger. Bereits einen Monat zuvor schlugen die Täter in einer Nacht sowohl in Bad Lobenstein als auch in Dörfles-Esbach zu. Damals erbeuteten sie einen VW Multivan T5 und ein Motorrad der Marke BMW. Mit dem Begleitfahrzeug, in dem V. gesessen habe, sei es dann zurück über die Grenze gegangen, berichtete der Fahrer. „Mir wurde gesagt, meine Mission sei es lediglich, das Auto zu lenken“, sagte er. Beim ersten Einsatz sei er sich noch nicht sicher gewesen, ob es sich um Diebesgut gehandelt habe, antwortete er auf die Frage des Richters. Danach aber habe er gewusst, dass er sich strafbar mache. Pro Einsatz will der Fahrer 500 Euro in tschechischen Kronen, insgesamt zwischen 2500 und 3000 Euro erhalten haben.

Prozess dauert noch an

Die Bande war gut organisiert. Übernachtet worden sei in einem Hotel, die jeweiligen Fahrzeuge seien gezielt im Internet gesucht und V. mittels „weißer Zettelchen“ mit genauer Adresse und Fahrzeugtyp zum Stehlen losgeschickt worden. Mit einem speziellen Gerät hätte V. die gestohlenen Fahrzeuge auch auf verbaute GPS-Geräte hin überprüft. Auf ihren Streifzügen habe V. vorsorglich immer auch billige Mobiltelefone gekauft und neue Karten. „Davon habe ich auch eines bekommen“, berichtete der Fahrer, „benutzen sollten wir die allerdings nur im Notfall.“

Der Prozess wird fortgesetzt.

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Montag, 13. November 2017 - 11:06