Auch das Tölpeln will gelernt sein

"Bleibst du jetzt hier! Bleibst du jetzt bei mir?“ Sven Schenke spricht energisch. Zupft einen am Hemd. Und lacht dazu. Alles parallel. Das kann nicht jeder. Er schon. Kein Wunder. Der 52-Jährige ist Schauspieler. Ein Profi. Und er ist der Hauptdarsteller in Molières „Schule der Frauen“. Jenem Werk , das bei den am 16. Juli beginnenden Faust-Festspielen als zweites Stück neben Goethes Geniestreich aufgeführt wird. Heute ist Probe auf der Festwiese auf dem Schlossberg. Und heute haben Intendant Daniel Leistner und seine Mitstreiter einen Amateur zu Gast. Einen absoluten Schauspiellaien. Der Pegnitzer Kurier-Redaktionsleiter Stefan Brand versucht sich an einer Szene. Und vergisst dabei immer wieder, wo Sven Schenke steht. Und damit, wo die Mitte ist. Dort soll er nämlich bleiben. Und nicht einfach weglaufen.

Das schaut so einfach aus

Auf der Leinwand, auf dem Bildschirm: Es schaut irgendwie so leicht aus, was die da treiben, diese Schauspieler. Spielerisch eben. Ist es aber nicht. Ganz im Gegenteil. Da ist zunächst einmal die Sache mit dem Text. Den sollte einer schon beherrschen, auch wenn er nur mal so eben in eine Probe hineinschnuppert. Halbwegs zumindest. Der ist in diesem Fall überschaubar von der Länge her. Die Szene umfasst eine knappe DIN-A-4-Seite. Der Mann vom Kurier spielt den Tölpel. Also den Diener von Hauptfigur Arno alias Sven Schenke, der sich in einem Kloster ein junges Mädchen bildungsfrei zur völlig arglosen und damit auch extrem pflegeleichten Braut erziehen ließ und es jetzt, als er sich am Ziel seiner Wünsche wähnt, plötzlich mit einem Konkurrenten zu tun hat.

Ziemlich dusselige Truppe

Die Tölpel-Familie ist eine ziemlich dusselige Truppe, die nix auf die Reihe bringt und mehr Unheil anrichtet, als etwas Produktives auf die Beine zu stellen. So natürlich auch nicht den von ihrem Dienstherrn geforderten herrschaftlichen Empfang nach seiner Rückkehr.  Wobei der arme Tölpel noch das Problem hat, dass seine Gattin Liese kaum Respekt vor ihm hat und ihm schon auch mal eine verpasst. Das will er seinem Herrn nicht nur sagen, sondern auch zeigen. Und macht das auch.

Richtig hauen? Ja, bitte!

Nun, seinen Text hat der Schauspiel-Novize vom Kurier ganz gut drauf. Auch wenn ab und zu schon mal ein Blick auf das vorsichtshalber ausgedruckte Skript nötig ist. Aber wie geht das mit dem Hauen? Gemeint ist damit im Falle Molière nicht rüpelhaftes Drauflosprügeln à la Bud Spencer und Terence Hill. Vielmehr eher ein dezenter Klaps auf den Hinterkopf. „Von unten nach oben aufstreichen“, wie es Intendant Leistner nennt.  Aber man kann doch seinem Bühnenkollegen nicht einfach so eine mitgeben? Doch, man kann, sagt Sven Schenke. „Ich darf da schon was merken.“

Flüchten mit Plan

Also gut, wenn er meint. Dann eben ein echter „Aufstrich“. Klappt, auch beim fünften Durchgang ist Schenke noch beulenfrei unterwegs. Apropos unterwegs. Da war ja diese Sache mit der Mitte. Der Mitte des Abschnitts Festwiese, auf dem sich das Probengeschehen abspielt. Und die der Tölpel nicht verlassen soll. Auch dann nicht, als ihm Herr Arno nach der dritten Demonstration der Art und Weise, wie ihn seine Liese gehauen hat, so langsam an den Kragen will und sich hinter ihm hermacht. Des Tölpels Flucht soll aber nicht planlos kreuz und quer über den Rasen erfolgen. Sondern um die Mitte herum. Im Kreis quasi. So nach dem sechsten Durchlauf hat’s auch der Mann vom Kurier kapiert und tut, was ihm gesagt wird.

Als Zweitbesetzung geht das durch

Spätestens jetzt weiß der Journalist, dass die Schauspielerei echte Kunst ist. Und die Fähigkeit erfordert, mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen. Denn der Text will ja nicht nur einfach so vorgetragen, er will gestaltet und akzentuiert sein. Beim guten Tölpel garniert mit einem weinerlichen Unterton, wie Daniel Leistner einfordert. Und endlich richtig im Kreis rennen genügt auch nicht. Ein wenig tölpelhafte Gestik sollte schon auch im (Schau-)Spiel sein. Am Ende fällt das Fazit von Daniel Leistner, Sven Schenke und Festspiel-Organisator Uwe Vogel – er mimt Arnos Widerpart – durchaus positiv aus. Als Zweitbesetzung könne das eventuell schon durchgehen, was der Redakteur da gezeigt hat.

Statisten immer willkommen

Der atmet erst einmal tief durch. Und fragt sich, ob es eine Statistenrolle nicht auch täte. Denn auch die gibt es bei den Faust-Festspielen. Diese Probe war die erste mit einigen Freiwilligen, die da mitwirken wollen. Ein halbes Dutzend ist es geworden. Intendant Leistner ist sich ziemlich sicher: „Da kommen im Lauf der Zeit noch mehr, weil es oft so ist, dass einer, dem das gefallen hat, beim nächsten Mal ein oder zwei Leute mitbringt, so ist meine Erfahrung.“ Am Ende werden es jedenfalls genügend sein, ist Uwe Vogel überzeugt:

Zu viele können es gar nicht sein

Zehn waren ja schon bei der Faust-Vorpremiere im November im Gymnasium dabei, weitere zehn haben sich schriftlich beworben. Und nun noch einmal sechs, das könne sich sehen lassen. Zu viele können es nicht werden, betont Daniel Leistner: „So um die 25 bräuchten wir auf jeden Fall, aber wir bringen 40 Leute unter, kein Problem.“ Schon allein deshalb, weil ja nicht jeder für jede der 25 Aufführungen Zeit hat.

Jedes Wochenende Probe

Geprobt wird übrigens auch an den kommenden Wochenenden: Immer samstags und sonntags ab 15 Uhr auf der Festwiese. Jeder kann dazu auf den Schlossberg kommen, eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Nicht bewertet

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