AOK: Noch Zwangsarbeiterakten im Keller

In dem hellen und aufgeräumten Aktenkeller stehen in einer Doppelreihe insgesamt 75 hellgraue Karteikästen mit den Versicherungskarten. Die Dokumente im DIN-A-4-Format sind aus dünnem, braunen, grünen oder roten Karton und von A bis Z nach den Nachnamen geordnet. Sie sind teilweise mit Schreibmaschine oder akribisch mit blauem Füller ausgefüllt. Ihr Zustand ist sehr gut.

Mit blauer Tinte ausgefüllt

„Wir können nicht feststellen, ob jemand als normaler Beschäftigter oder als Zwangsarbeiter krankenversichert war“, erläutert Werner Böhner, Bereichsleiter Verwaltung bei der AOK-Direktion Bayreuth-Kulmbach. Auch die Arbeitgeber können aus den Karteikarten nicht gezielt herausgesucht werden. Man müsste alle Karten einzeln durchschauen, um herauszufinden, wer Zwangsarbeiter und wo er beschäftigt war. Auf den Karten sind persönliche Daten, Familienangehörige und stichpunktartig Krankheiten vermerkt.

Böhner erläutert, dass es in der Vergangenheit viele Anfragen aus Australien gegeben hat. Die ehemaligen Versicherten waren ausgewandert und wollten für die Rente ihre Beschäftigungszeiten bestätigt haben. „Wir haben ganz selten entsprechende Karteikarten gefunden“, berichtet er. Anfragen ehemaliger Zwangsarbeiter habe es nur wenige gegeben. Bis Mitte der 80er Jahren sei mit den Karteikarten gearbeitet worden, dann wurden Computer eingesetzt.

Akten aus dem Krieg auch in Bayreuth

Auch im Archiv der Direktion Bayreuth-Kulmbach in Bayreuth befinden sich noch Krankenversicherungsunterlagen aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges, berichtet Pressesprecher Marko Ahrens. Auch diese seien – wie in Pegnitz – nicht mit dem Merkmal „Zwangsarbeit“ versehen. Wie das Staatsarchiv Bamberg mitteilt, will die AOK die Pegnitzer Karteikarten im Herbst komplett abgeben. Dies habe man vor kurzem vereinbart, berichtet Archivchef Stefan Nöth. Er nennt die gesamten Dokumente „archivwürdig“, da sie Aufschluss über Zwangsarbeiter, normale Beschäftigte und regionale Firmen geben. Nöth bedauert, dass die AOK die Unterlagen nicht schon früher angeboten habe. Anhand der Dokumente hätten vom Staatsarchiv sicherlich in den Jahren 2000 bis 2007, als es um die finanzielle Entschädigung früherer Zwangsarbeiter ging, Beschäftigungszeiten nachgewiesen werden können. Das Staatsarchiv gilt in solchen Fragen als erster Ansprechpartner.

Enkeltochter fragte nach

Dass die Existenz der Karteikarten überhaupt bekannt wurde, ist Erika Kalkofen-Frahne aus Dortmund zu verdanken. Ihr längst verstorbener Großvater Franz Frank, Jahrgang 1901, war ab 1943 als Zwangsarbeiter im Metallwerk Creußen in der Rüstungsproduktion eingesetzt. Zwangsarbeiter waren teilweise krankenversichert. Die Enkeltochter schrieb im Juni 2016 an die AOK-Geschäftsstelle Pegnitz und fragte nach Unterlagen über den Großvater, um dessen nationalsozialistische Verfolgung dokumentieren zu können. Frank war als Kommunist im Widerstand gegen die Nazis aktiv, wurde festgenommen, verurteilt und unter anderem im Zuchthaus Bayreuth inhaftiert. Die AOK antwortete wenige Tage später: „Aufgrund der gesetzlichen Aufbewahrungsfristen liegen uns aus dieser Zeit keinerlei Unterlagen mehr vor.“ Unabhängig davon dürfe die AOK der Enkeltochter „aus Datenschutzgründen sowieso keinerlei Auskunft erteilen.“

Das Archiv schaltete sich ein

Kalkofen-Frahne wunderte sich und informierte unter anderem das Staatsarchiv in Bamberg über die Auskunft. Und so wies Archivleiter Stefan Nöth im September 2016 die Direktionsleitung in Bayreuth schriftlich darauf hin, dass die AOK als Körperschaft des öffentlichen Rechts laut Archivgesetz nicht mehr benötigte Unterlagen dem zuständigen staatlichen Archiv zur Übergabe anzubieten habe. Allein das Archiv bewerte die Dokumente und treffe über deren Archivierung die letztendliche Entscheidung. Nöth forderte zeitnah eine „Aussonderungsliste“ von Unterlagen zu Zwangsarbeitern des Zweiten Weltkriegs an. Und er stellte klar, dass die Akteneinsicht durch Kalkofen-Frahne als Abkömmling in direkter Linie selbstverständlich möglich sei. Es sei nicht nachvollziehbar, die Angaben zum 1901 geborenen Großvater „als geheim einzustufen“. Doch laut AOK sind über den Großvater keine Akten vorhanden.

Historiker: Kein Herz für Zwangsarbeiter

Wie viele Zwangsarbeiter während des Zweiten Weltkrieges krankenversichert waren, ist unklar. Im Staatsarchiv Bamberg liegt ein Schreiben der AOK-Verwaltungsstelle Pegnitz vom 20. August 1946 an das Landratsamt Pegnitz. Darin ging es um den Nachweis über Militär- und Zivilpersonen der Vereinten Nationen und alle anderen Ausländer, die sich nach dem 2. September 1939  in der US-Zone befanden. Die AOK hatte 53 ausgefüllte Formblätter übermittelt, darin waren 1740 Namen genannt. Man kann also davon ausgehen, dass mindestens 1740 Zwangsarbeiter versichert waren. Deren Zahl liegt vermutlich weit höher. Der Selber Historiker Albrecht Bald, der ein Buch über Zwangsarbeiter in Oberfranken geschrieben hat, sagt: „Die Nationalsozialisten haben nicht plötzlich ein Herz für Zwangsarbeiter entdeckt. Sie haben Arbeitskräfte gebraucht.“ Die Zwangsarbeiter hätten sicherlich nicht die gleichen guten Medikamente erhalten wie die Deutschen. Während des Krieges habe Arzneimangel geherrscht.

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