Als Wilhelmine die Puppen tanzen ließ

Frau Henze-Döhring, was können Sie aus Adolph Menzels Gemälde „Das Flötenkonzert Friedrichs des Großen in Sanssouci“ herauslesen?

Sabine Henze-Döhring: Das Gemälde zeigt, wie man im 19. Jahrhundert auf die Hofmusik Friedrichs des Großen geschaut hat. Er ist hier im Kreis seiner Musiker und im Mittelpunkt seiner Familie und den engsten Angehörigen seines Hofstaats zu sehen. Aber das ist eine Fiktion und kein Dokument. Das hat so nicht stattgefunden.

Das Gemälde legt die Vermutung nahe, dass die Musikkultur bei Hofe eine wichtige Rolle gespielt hat und hier die Wurzeln für die Musikbegeisterung Wilhelmines, die uns vom Sofa aus anblickt, gelegt wurden.

Henze-Döhring: Die Musikausbildung war außerordentlich hoch. Friedrich der Große hatte den berühmten Flötisten Johann Joachim Quantz zum Lehrer gehabt, und bei der Markgräfin Wilhelmine können wir davon ausgehen, dass sie schon als kleines Kind am Berliner Hof eine exzellente musikalische Ausbildung bekommen hat.

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Als Wilhelmine nach Bayreuth kam – was hat sie hier an Musikern vorgefunden?

Henze-Döhring: Das muss kläglich gewesen sein. Sie musste feststellen, dass die Instrumentalmusiker ihren Anforderungen nicht genügten. So hat sie sie ruckzuck entlassen. Wilhelmine hatte ja die Verantwortung für die ganze Hofmusik. Im Frühjahr 1737 hat sie erkannt, dass sie sich völlig neu orientieren muss und hat daraufhin aus Italien Musiker verpflichtet, darunter auch einen Komponisten und eine Sängerin.

Offenbar hatte zunächst die Kammermusik den höheren Stellenwert.

Henze-Döhring: Genau. Die Infrastruktur für Oper war ja noch nicht gegeben. Die einzige Ausnahme, wo sie versucht hat, kleine kammermusikalische Werke szenisch aufzuführen, war anlässlich des Geburtstages ihres Gatten am 10. Mai. Da hat sie immer geschaut, dass sie etwas Besonderes zustande bekam. Aber der Alltag wurde doch sehr von der Kammermusik bestimmt.

Für das Musikleben in Bayreuth hatte sich Wilhelmine ja den Dresdener Hof zum Vorbild genommen.

Henze-Döhring: Das kann man nicht nur für Wilhelmine sagen, sondern auch für ihren Bruder Friedrich, der schon als kleiner Junge in Begleitung seines Vaters nach Dresden kam und dort das Musikleben kennengelernt hat. Bei Wilhelmine war ebenfalls Dresden das Vorbild, zumindest in den frühen 40er Jahren. Erst zu einem späteren Zeitpunkt ging sie eigene Wege.

Dresden dürfte ja wohl ein völlig unerreichbares Vorbild gewesen sein.

Henze-Döhring: Wilhelmines Mittel waren natürlich beschränkt. Für ihre Unternehmungen hatte sie, als sie 1737 in Bayreuth anfing, ungefähr 1000 Taler jährlich zur Verfügung. Als es dann darum ging, die Hochzeit ihrer Tochter auszustatten, ging es richtig los. Da musste sie erreichen, dass eine Fürstenhochzeit in einem Opernhaus zustande kommt, die ihren Anforderungen genügt. Da waren natürlich Investitionen nötig.

Welche Strahlkraft ging von diesem Ereignis in die Musikwelt aus?

Henze-Döhring: Der Komponist Johann Adolph Hasse kam 1746 und 1748 nach Bayreuth. Wilhelmine versuchte zu erreichen, dass er eine Oper vertont. Er hat dann im Juni 1748 einige Arien für die Opern, die bei der Hochzeit gespielt wurden, komponiert. Hasse war damals ein Superstar. Dass sie das geschafft hat, ist irre.

Kann man davon ausgehen, dass das musikalische Niveau der Aufführungen zur Hochzeit entsprechend hoch war?

Henze-Döhring: Ja, das muss man sagen. Ob dann tatsächlich alles so ablief, wies es geplant war – wer will das schon wissen? Jedenfalls war es vom Anspruch her auf Augenhöhe mit Dresden. Allein schon durch das Gebäude. Es geht bei der Oper ja nicht nur um die Musik, es kommt auf den ganzen Rahmen an.

Gab es nach der Fürstenhochzeit noch weitere Hochphasen auf ähnlich hohem künstlerischem Niveau?

Henze-Döhring: Nach der Hochzeit musste erstmal gespart werden. Dann aber ging es erstaunlich gut weiter. 1752 bekam Wilhelmine einen unglaublichen Schwung. Da hat sie dann vor allem intellektuell und literarisch einen Neuansatz gemacht. So hat sie zum Beispiel nach der Tragödie von Voltaire den Entwurf für „Semiramide“ gemacht. Auch für den Besuch Friedrichs des Großen in Bayreuth hat sie sich richtig kräftig ins Zeug gelegt. Dieser große Aufschwung hielt bis 1756 an. Dann brach der Siebenjährige Krieg aus, Wilhelmine erkrankte und dann war diese Epoche bald zu Ende.

Zu welchen Jahreszeiten wurde denn im Opernhaus gespielt?

Henze-Döhring: Vor allem im Sommer. Mit einigen Ausnahmen, wie dem Geburtstag ihres Mannes. Der 10. Mai war ein fester Termin. Davon abgesehen war die Oper ein Sommerereignis.

Waren das nur punktuelle Ereignisse oder gab es einen richtigen Spielbetrieb?

Henze-Döhring: Dass man wie in Dresden oder Berlin Stücke ensuite gespielt hat, hatte es in dieser Form hier nicht geben können.

Wie stark war die Hofkapelle der Wilhelmine besetzt?

Henze-Döhring: Das dürften circa 20 bis 30 Musiker im Orchester gewesen sein und einige Sänger, so dass sie die Opern besetzen konnte. Aber wenn hier nichts los war, gingen die Sänger wieder nach Italien zurück.

Hat Wilhelmine ihre Musiker gut bezahlt?

Henze-Döhring: Ich habe die Rechnungsbücher aus der Frühzeit gesehen. Welche Rückschlüsse man daraus ziehen kann, weiß ich nicht. Aber Wilhelmine hatte immer mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen.

Woher kam das Geld?

Henze-Döhring: Das hat sie aus der Schatulle des Markgrafen bekommen.

Inwieweit konnte der gemeine Bayreuther an den Aufführungen im Opernhaus teilhaben?

Henze-Döhring: Zu den Aufführungen im Opernhaus hatte der Hof Zugang. Vor allem in den ersten Rängen. In Berlin war es so, das für den obersten Rang auch weitere Interessierte eine Einlasskarte bei einem Hofbeamten erhalten konnten. Geld wurde dafür nicht genommen. Bei der Eröffnung des Opernhauses in Berlin wurde genau festgelegt, wer in welchem Rang sitzt. Man konnte daran ablesen, welchen Rang man innerhalb dieser Hofgesellschaft einnahm. Es gab eine richtige Sitzordnung. Es war strengstens untersagt, den Platz zu wechseln. Man kann sagen: Das Placement innerhalb dieses Opernhauses war ein Spiegel der Struktur und der Hierarchie der Hofgesellschaft. Ganz oben war dann auch Raum fürs Volk.

Wie beurteilen Sie die Anziehungskraft des Markgräflichen Opernhauses in der Ära von Wilhelmine?

Henze-Döhring: Da kann man nur spekulieren. Das Haus war ein Top-Gebäude, innen ausgestattet von dem herausragenden Architekten Galli da Bibiena und seinem Sohn Carlo. Was wollte man mehr? Das war sensationell. Wilhelmine hat sehr gute Violinisten engagiert und Sänger aus Venedig. Sie hat sich richtig ins Zeug gelegt.

Konnte Bayreuth zu Dresden aufschließen?

Henze-Döhring: Nein. Wilhelmine hat in diesen bescheidenen Verhältnissen im Rahmen ihrer Möglichkeiten jedoch alles versucht. Sie hat nie vergessen, dass sie eine königliche Hoheit ist. Es war ihr Ansporn, aus dieser Position einer Königstochter heraus, in diesem kleinen Bayreuth auf hohem intellektuellem und künstlerischem Niveau die Puppen tanzen zu lassen.

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