Albert Dohmen: Bayreuth ist nicht Pusemuckel

Ihr erster Alberich in Bayreuth, Herr Dohmen, und das aus einem traurigen Grund: Sie sind für Oleg Bryjak eingesprungen, der mit der Germanwings-Maschine abgestürzt ist.
Albert Dohmen: Als kurz danach die Anfrage aus Bayreuth kam, habe ich auch vier Wochen Bedenkzeit gebraucht. Ich musste das erstmal verkraften. Ich habe mit Oleg seinen letzten Abend in Barcelona verbracht, wir standen zusammen im ,Siegfried‘ auf der Bühne. Man verabschiedete sich und sagte, wir sehen uns dann und dann wieder. Und auf einmal ist er nicht mehr da. Was für mich besonders schlimm ist: Oleg hätte an diesem Montagabend gar nicht in Barcelona sein müssen. Er gehörte zur anderen Besetzung und hatte seine letzte Vorstellung schon am Samstag gesungen. Er ist nur zur Sicherheit länger geblieben, weil sich der Alberich unserer Besetzung nicht so wohl fühlte. Wenn man sich diese Umstände klar macht, merkt man, dass wir alle an Fädchen hängen.

Wie haben Sie von dem Absturz erfahren?
Dohmen: Am Dienstag sind wir alle von Barcelona zurück, ich selbst flog nach Basel. Die Nachricht, dass ein Opernsänger abgestürzt ist, verbreitete sich, während ich in der Luft war. Als ich hörte, dass die Maschine nach Düsseldorf betroffen ist, war mir sofort klar, wer da gemeint war. Und das hat mich so schockiert. Jetzt treffe ich hier in Bayreuth die halbe Barcelona-Besetzung wieder. Das ist hochemotional. Der Absturz hat ja nicht nur Oleg betroffen, sondern auch Maria Radner und ihre Familie. Du kriegst den Gedanken daran nicht los.

In der Ring-Inszenierung von Tankred Dorst haben Sie Wotan gesungen, jetzt kommen Sie als Alberich nach Bayreuth zurück.
Dohmen: Damit musste ich mich erst auseinandersetzen, welches Zeichen ich damit setzte, von Wotan zu Alberich zu wechseln. Gerade in Bayreuth. Das ist ja nicht Pusemuckel. Heißt das den Abschied von Wotan für immer?

Rache durch Raub

Und? Heißt es das?
Dohmen: Im Moment sage ich: Ich möchte mich vorerst nur auf Alberich konzentrieren. Dohmen als Wotan haben wir nun wirklich in der ganzen Welt gehört, das ist jetzt bekannt. Jetzt ist Alberich an der Reihe. Im Vergleich ist er natürlich die entspanntere Partie. Und im "Rheingold" auch die von Wagner zentral gewollte Partie. Das Faszinierende an Alberich ist seine Entwicklung, der Weg, den er zurücklegt. Er ist anfangs der lüsterne Naivling, wird gedemütigt. Aus dieser Verletzung entsteht sein Zorn, der Wunsch nach Rache. Den lässt er aus im Raub an der Natur.

Mit Alberich haben Sie ja manches gemeinsam. Einen ähnlichen Vornamen, und Sie kommen beide vom Rhein.
Dohmen: So ist es. Ich fühle mich auch wesensverwandt mit dem Jungen. In dem Sinn, dass er so menschlich ist. Das Machtstreben, dem Alberich verfällt, sein Wunsch, den materiellen Wohlstand immer mehr zu vervielfältigen. Das ist ein Thema, das wir unter den Menschen immer haben: Gib dem Mächtigen die Macht und er muss immer mehr haben. Wie wir alle, die wir immer von allem mehr haben wollen. Damit machen wir die Natur kaputt, und die Natur schlägt zurück. Die Wassermassen, die in Italien den Berg runterkommen und alles zerstören: die sind die Konsequenz unserer Ausbeutungspolitik. So ist es auch im "Ring". Dort gewinnt am Ende die Natur.

Lange vorbereiten konnten Sie sich diesmal nicht.
Dohmen: Es war eine der stressvollsten Studienphasen in meinem Leben. Zum Glück habe ich Alberich schon vor 25 Jahren in Wiesbaden gesungen, und das nur durch die Intrige eines Kollegen. Ich war dort eigentlich als "Rheingold"-Wotan engagiert. Da kam der Intendant und sagte: Herr Dohmen, was halten Sie davon, wenn Sie mal in die Unterwelt steigen. Was, habe ich gesagt - ich junger Sänger - , erlauben Sie mal! Ja, sagte der, da ist ein Kollege, der möchte Ihren Wotan singen. So wurde ich damals Alberich, für dreißig Vorstellungen. Jetzt bin ich dem Kollegen dankbar. Ohne diese Erfahrung hätte ich Olegs Rolle nicht so kurzfristig übernehmen können.

Wie ist Ihr Bayreuther Alberich angelegt?
Dohmen: Ich möchte ihn so differenziert wie möglich gestalten, nicht in der Schiene des deklamatorisch-abgesungenen Sängers. Der Schlüssel dazu ist die Sprache, das Wort ist die musikalische Basis. Es ist ein Privileg, das zusammen mit Petrenko machen zu können. Der ist von der Musik besessen. Wenn man sieht, mit welcher Detaillust und Freude der sich selbst in Verwandlungsmusiken des Rheingolds stürzt, die ich noch nie so geprobt gehört habe. Da ist er wirklich unerbittlich. An Alberichs Fluch sind Petrenko und ich sehr analytisch rangegangen, wollen ein dynamisches Klangspektrum anbieten, das vielleicht so nicht unbedingt die Norm ist. Wir gehen da an den Grenzbereich heran, ganz ins Pianissimo zurück, damit Alberichs Verletztheit richtig rauskommt.

Auf der Bühne treffen Sie mit Wotan zusammen, den Sie selbst jahrzehntelang gesungen haben. Und Wolfgang Koch, der hier Wotan singt, hat jahrzehntelang Ihren Alberich gesungen.
Dohmen: Diese Konstellation ist ziemlich einzigartig. Dass ich einen Kollegen habe, der meisterlich meine eigene Partie beherrscht, weil er Jahre in dieser Welt gelebt hat.

Was ergibt sich aus diesem Rollentausch?
Dohmen: Eine gelassene Kongenialität. Wir sind entspannt und haben Respekt voreinander, fernab von dem Geschwätz: Die bekämpfen sich. Das ist völliger Unsinn. Der Wolfgang ist ein fantastischer Kollege. Aber er raucht mir zu viel auf der Bühne. Bei allem Respekt, hab ich zu ihm gesagt, bitte rauch nicht auch noch in der Tankstelle, wo ich sitzen muss. Das tut er dann, er raucht dann weiter draußen. Phänomenal, ich könnte das nicht. Ich muss auch auf der Bühne rauchen, und nach einem Zug ist bei mir alles verkratzt. Dem macht das überhaupt nichts. Der raucht und singt wunderbar.

Petrenkos größte Sorge

Gibt‘s mal Verwirrung?
Dohmen: In einer Probe ist es mir leider passiert, dass ich die Wotanphrase gesungen habe. Um Himmels Willen, hat Petrenko gesagt, das sei seine größte Sorge, dass wir unsere Partien tauschen.

Meinen Sie, das könnte in der Vorstellung wirklich passieren?
Dohmen: Also in einer Szene muss ich höllisch aufpassen.

In welcher?
Dohmen: Verrate ich nicht.

Aber im „Siegfried“?
Dohmen: Ja, im „Siegfried“. Furchtbar. Nein, auch im Rheingold, da ist auch eine. Weil der Wotan doch so tief drin ist. Ich muss laufend meinem Unterbewussten sagen: Schweig still, das ist jetzt nicht mehr Deine Partie. Studiert habe ich den Alberich übrigens mit einer Aufnahme, auf der ich selbst Wotan singe. Da haben meine Kinder schon gesagt: Papa, spinnst du? Du machst ja immer noch dein altes Programm.

Leben wie die Nomaden

Verbringen Sie die ganze Festspielzeit in Bayreuth?
Dohmen: Ja, ich bleibe hier, die Familie kommt auch. Als ich das letzte Mal hier sang, waren meine Kinder Nibelungenzwerge. Das geht jetzt nicht mehr, sie sind ein bisschen zu groß geworden. Und in dieser Inszenierung gibt es ja auch gar keine Zwerge.

Und was machen Sie hier während des Sommers, neben dem Singen?
Dohmen: Ich kümmere mich um eine Immobilieninvestition. Ich schließe nämlich nicht aus, hier in ein paar Jahren eine ,Wagner Singing Academy‘ zu eröffnen. Ich werde so oft angesprochen von jungen Sängern, ob ich sie unterrichten will. Leider habe ich zu wenig Zeit. Aber irgendwann wird der Moment kommen, um meine Erfahrungen weiterzugeben. Die Singing Academy ist ein Projekt, das ich zusammen mit Kollegen plane, die wie ich Wagner auf der ganzen Welt gesungen haben. Wir wollen das privat organisieren und denken über Bayreuth als Standort nach. Wir wollen anbieten, dass junge Brünnhilden, Wotane, Siegfriede von uns alten Haudegen lernen können. Noch ist das ein Projekt, aber ich denke, es ist dabei, sich zu verwirklichen.

Mit Anschluss an die Festspiele?
Dohmen: Das kann ich noch nicht sagen, dafür ist es viel zu früh.

Ein Sängerleben auf Bühnen in der ganzen Welt: Da mussten Sie familiär sicher auf manches verzichten.
Dohmen: Wir haben die ersten Jahre gelebt wie die Nomaden, meine Frau und ich mit den zwei Kindern. Wir sind immer zusammen durch die Welt gezogen. Dann kam der riesige Einschnitt, als die Schulpflicht anfing. Das Familienleben reduzierte sich auf die Ferien. Deshalb habe ich den Wahnsinn gemacht, permanent im Flieger zu sitzen auf dem Weg nach Hause.

Wo liegt Ihr Zuhause?
Dohmen: Jetzt ist es Freiburg im Breisgau, nachdem wir lange in Italien gelebt haben. Die Deutsche Schule in Rom, wohin unsere Tochter und unser Sohn zuvor gingen, unterrichtet nach den Lehrplänen von Baden-Württemberg. Also wollten wir in dieses Bundesland, um den Übergang zu erleichtern. In Deutschland haben die Kinder als erstes von mir Fahrräder bekommen. Nördlich der Alpen, habe ich ihnen gesagt, fährt man mit dem Fahrrad zur Schule. Nördlich der Alpen ist sowieso vieles anders. Meine Kinder sind Halbitaliener. Sie haben zwei Kulturen und zwei Sprachen und sollen deshalb auch zwei Mentalitäten kennenlernen.

Ihre Frau ist Italienerin?
Dohmen: Ja. Ich kriege oft Kontra von italienischer Seite. Von südlich der Alpen. Wegen des Umzugs zum Beispiel, aber irgendwann habe ich gesagt: Jetzt waren wir fast zwanzig Jahre südlich der Alpen, jetzt gehen wir mal nördlich der Alpen. Und trotzdem fahren sie jede Ferien wieder runter. Tja. Nach Italien.

INFO: Albert Dohmen stammt aus Krefeld und hat nicht nur Gesang studiert, sondern auch Oboe und Jura. Sein Sängerleben begann der Bassbariton in Düsseldorf und Wiesbaden, seit 1991 arbeitet er freischaffend auf Bühnen in aller Welt. Nach Bayreuth kam Dohmen zum ersten Mal 2007 mit seiner Paraderolle: als Wotan in der "Ring"-Inszenierung von Tankred Dorst.

Nicht bewertet

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Montag, 13. November 2017 - 11:06