Action Directe: Eine Legende aus Stein

"Action Directe“ beginnt eigentlich erst einige Meter über dem Waldboden des Krottenseer Forsts. Der „Waldkopf“ genannte Fels hat einen Sockel, darüber erhebt sich in einer Neigung von 40 bis 45 Grad ein Überhang wie ein Schiffsbug. Manche Normalkletterer würden schon am Sockel scheitern. Dort, am Übergang vom Sockel zum Überhang, klippte Wolfgang Güllich vor 25 Jahren eine Expressschlinge in den Metallhaken, steckte einen Finger seiner linken Hand in ein kleines Loch und sprang in den Überhang. Er kletterte die Route in einem Zug bis nach oben. Er schaffte damit etwas Historisches: die erste Kletterroute im elften Grad.

Double für Sylvester Stallone

Güllich, damals 31 Jahre alt, wurde zur Legende. Umso mehr, als er am 31. August 1992 bei einem Autounfall ums Leben kam. Kurz zuvor war er weltweit bekannt geworden – er hatte Hollywoodstar Sylvester Stallone in dem Kletter-Thriller „Cliffhanger“ gedoubelt. Die Premiere des Films war nach Güllichs Tod. Im Abspann des mit aufsehenerregenden Kletterszenen gewürzten Streifens heißt es „In Memory of Wolfgang Güllich“.

 

Wolfgang Güllich (rechts) war für den Film "Cliffhanger" das Double für den Action-Star Sylvester Stallone. Foto: Gerhard Heidorn

 

Stolz sagte er: "Ich hab's geschafft"

Gerhard Heidorn, Fotograf, Kletterer und Abenteuerer, lernte Güllich 1980 in den USA kennen. „Beim Klettern im Yosemite Valley.“ Es entstand eine Freundschaft, Heidorn dokumentierte mit der Kamera die Kletterkarriere des gebürtigen Pfälzers, der sich in Franken niederließ. Hier, an den Felsen des Frankenjura, fand Güllich die äußeren Bedingungen für seine Begabung. Heidorn, heute 65, erinnert sich: „Der Wolfgang, das war ein bescheidener und zurückhaltender Mensch. Er hat nie mit seinen Leistungen angegeben. Aber als er die 'Action Directe' geklettert hatte, war er richtig stolz und sagte: „Ich hab’s geschafft’“.

Heute posten Spitzenkletterer in den sozialen Netzwerken

Heidorns Fotos von Güllich in der „Action“, aufgenommen mit einer Nikon F2 auf Diafilm, entstanden erst danach: Damals war es noch nicht so wie heute, wo Extremkletterer Videos oder Fotos ihrer Erfolge in sozialen Netzwerken verbreiten. Heidorn sagt: „Seit Güllich ist viel passiert. Als ich Jan Hojer im Jahr 2014 für eine Fotoaktion in der 'Action Directe' sah, hat das anders ausgesehen. Die Spitzenkönner klettern heute anders, dynamischer.“

Milan Sykora erschloss die Route

Güllichs Meisterstück war ein Geschenk: Sein Freund, der tschechisch-stämmige Kletterer Milan Sykora, hatte die Linie entdeckt und die fünf Sicherungshaken in den Fels einzementiert. „Als Milan feststellte, dass er sie nicht klettern konnte, hat er sie Wolfgang geschenkt.“

Markus Bock hatte einen anderen "Heiligen Gral"

Milan Sykora ist nicht nur das „Mastermind“ hinter der „Action Directe“, sondern auch hinter vielen anderen extremen Kletterrouten im Frankenjura. „Der Milan hat einen genialen Blick dafür. Ich habe ihm mindestens ein Drittel meiner Erstbegehungen zu verdanken“, sagt Markus Bock.

Der 37-jährige Sportkletterer aus Bamberg ist Wolfgang Güllichs Erbe, was das Erstbegehen von schwersten Kletterrouten im Frankenjura angeht. Bocks Können ist herausragend: Schon 1997 kletterte er seine erste Neutour im unteren elften Grad. Ein Jahr zuvor war er in Russland Jugendweltmeister im Wettkampfklettern geworden. Markus Bock kletterte im Jahr 2005 als siebter von heute insgesamt 19 Wiederholern die „Action Directe“. Für Bock, der einssiebzig groß ist, war der Einstiegssprung in den Überhang die größte Schwierigkeit. Die „Action“ ist er erst so spät geklettert, weil ihm anderes wichtiger war – etwa die 50 Züge lange Tour „Der Heilige Gral“ im Schwierigkeitsgrad 11 an einem Fels namens „Kolosseum“ nahe Burggaillenreuth, die er im Jahr 2005 erstbeging. Oder seinen ersten glatten 11er „Unplugged“ an der „Hardcore“-Wand im Ailsbachtal im Jahr 2002.

 

Markus Bock in der "Corona" im Ailsbachtal. Foto: Hannes Huch

 

"Es wurde von mir erwartet"

Bock über seine Begehung der „Action Directe“: „Zu dem Zeitpunkt hatte ich 95 Prozent der Top 100 Routen schon geklettert. Die 'Action' war eine der letzten Routen in diesen Schwierigkeitsgraden, die nicht von mir erstbegangen waren. Wenn man in diesem Schwierigkeitsbereich klettern kann, sollte man sie probiert haben. Und es wurde auch von mir erwartet. Ich habe mich dem Druck entzogen und gesagt: Ich klettere sie, wann ich es will.“

Bock sieht den Weg seines Freundes Milan Sykora grundsätzlich als absoluten Klassiker an: „Sie wird auch zukünftig ein Meilenstein sein.“ Und doch hat Bock zur „Action Directe“ ein zwiegespaltenes Verhältnis: „Der Hype um Güllichs Tour geht mir manchmal auf die Nerven. Es ist nämlich danach noch einiges passiert.“ Schon ein Jahr nach seiner Begehung am Waldkopf toppte Bock Güllich: Gegenüber der Burg Rabenstein kletterte er als erster die Tour „Corona“. 15 Jahre hatte die „Corona“, erschlossen von Andi Hofmann, auf die Erstbegehung gewartet. Sie ist ein Stück schwerer und mit 11+ bewertet.

Der Blockheld hat noch Sponsoren

Güllichs Sprung in eine neue Dimension war auch für das Sportklettern ein Sprung nach vorne: Heute können Extremkletterer von ihrem Sport leben. Klettern wurde zum Breitensport, Sponsoren suchen Zugpferde. Bock hat auch heute noch diverse Sponsoren, die renommierte Bergsportfirma Salewa ist sein Hauptsponsor. Und doch sagt er: „Ich arbeite drei Tage in der Woche.“ Er ist bei der Boulderhalle „Blockhelden“ in Bamberg angestellt, kümmert sich um den Shop für Kletterzubehör, schraubt regelmäßig neue Routen in der Halle. „Ich wollte nie 100-prozentiger Profi sein und nur mein Geld mit Klettern verdienen. Ich hätte Profi sein können, wenn ich gewollt hätte. Mir war es aber wichtiger, auf mehreren finanziellen Standbeinen zu stehen.“

Markus Bock in der Boulderhalle in Bamberg. Foto: Manfred Scherer

 

Markus Bock hat eine Familie. Seinen kleinen Sohn nimmt er regelmäßig mit an die Felsen. Mit der Familie hat er etwas erreicht, was Güllich verwehrt blieb. Kurz vor seinem Tod hatte Güllich geheiratet. Fotograf Gerhard Heidorn erinnert sich: „Er wollte ein Haus bauen.“ Es kam anders.

 

Die Fränkische Schweiz ist und bleibt ein Paradies für Kletterer. Gerade erst ist ein neuer Felsen für Kletterer erschlossen worden.

Was die Sportler an ihrem Hobby so fasziniert (und wie das aus ihrer Perspektive aussieht), zeigt unser Video.

Nicht bewertet

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