A6: Gaffer behindern Rettungskräfte

Auf der Autobahn A6 bei Schwabach sind die Einsatzkräfte am Montagvormittag kurz vorm Verzweifeln: Sie wurden zu verschiedenen Auffahrunfällen gerufen, doch kommen erst gar nicht zum Unfallort durch. Dicht an dicht stehen Lastwagen auf der rechten Spur. Sie müssen erst umrangiert werden, damit wenigstens im Ansatz eine Rettungsgasse gebildet werden kann. Einige Auto sind verlassen. Die Fahrer haben sich mit ihren Handys zur Unfallstelle begeben, um Schnappschüsse von einem Getränkelaster zu machen, dessen Ladung - vor allem Getränke-Dosen - sich quer über die Fahrbahn verteilt hat.

Bei der Unfallserie in der Nähe von Schwabach in Mittelfranken wird der Fahrer eines Kleintransporters schwer verletzt und muss mit dem Rettungshubschrauber in ein Krankenhaus geflogen werden. Etwa 60 bis 80 Gaffer zählt die Polizei am Ende.

"Katastrophale Zustände"

Polizeisprecher Michael Petzold spricht später von „katastrophalen Zuständen“. Die Leute hätten in mehreren Reihen mit ihren Handys und Kameras gestanden. Die Polizei musste letztlich absperren, um die Schaulustigen zurückzudrängen. Der Polizeisprecher schätzt den Zeitverlust der Rettungskräfte allein durch die nicht gebildete Rettungsgasse im zweistelligen Minutenbereich.

„Das alles hat zudem eine große Zahl Einsatzkräfte gebunden, die eigentlich dazu da sind, Leben zu retten“, betonte Petzold. Zwar kann die Polizei Gaffern einen Platzverweis erteilen und diese Personen bei Nichtbefolgen sogar in Gewahrsam nehmen. „Doch die Einsatzkräfte müssen sich natürlich bei so einem Serien-Unfall mit weitaus Wichtigerem beschäftigen“, erläutert Petzold. Dennoch seien am Montag auf der A6 zahlreiche Platzverweise ausgesprochen worden.

Handgreiflich

Ende April musste sich vor dem Amtsgericht Bremervörde in Niedersachsen ein 27-Jähriger verantworten. Ihm wurde vorgeworfen, er habe im Juli 2015 in Bremervörde Fotos eines schweren Unfalls mit zwei Todesopfern in einem von der Polizei abgesperrten Bereich gemacht. Der Fall sorgte bundesweit für Aufsehen. Tatsächlich konnte der Vorwurf nicht bewiesen werden, denn das Handy des Angeklagten fehlte. Das Gericht verurteilte den Mann dennoch zu vier Monaten Freiheitsstrafe, sogar ohne Bewährung, wegen Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte und Körperverletzung - denn er hatte den Platzverweis der Beamten einfach ignoriert und war handgreiflich geworden.

Als Reaktion auf den Fall brachte Niedersachsen im vergangenen Jahr im Bundesrat eine Initiative für ein Gaffer-Gesetz auf den Weg. Es sieht bis zu einem Jahr Gefängnis oder Geldstrafe für diejenigen vor, die bei Unglücks- oder Notfällen Hilfeleistende der Feuerwehr, des Katastrophenschutzes oder des Rettungsdienstes behindern. Bislang gibt es aber erst einen Gesetzentwurf.

Sichtschutzwände

Bayern will von diesem Sommer an mobile Sichtschutzwände gegen Gaffer testen. „Die Planungen dazu laufen bereits auf Hochtouren“, sagte Innenminister Joachim Herrmann (CSU). Er bezeichnete es als abstoßend, „wenn Schaulustige das Leid anderer dann auch nutzen, um sich selbst beispielsweise in sozialen Netzwerken mit Aufnahmen von der Unfallstelle wichtig zu machen“.

Nicht bewertet

Anzeige

Kommentare

Und wie ist das mit Fotos zwecks Unfalldokumentation? Früher hieß es, man sollte eigentlich für solche Fälle immer eine Einwegkamera im Handschuhfach haben.
Ich glaube nicht, das dieser Bericht der Anlass für einen humoristischen Beitrag sein sollte...
Auch wenn die meisten meiner Kommentare nur bedingt ernst zu nehmen sind: das war in keinster Weise humoristisch gemeint. Mir ist klar, dass die Mehrheit der "Unfallfotografen" das aus Sensationslust machen, wegen "cooler" Bilder bzw. um sie bei Facebook zu posten. Und Rettungskräfte zu behindern ist ganz klar ein No-go. Aber im Zweifelsfall denke ich, dass bei der Aufarbeitung vor Gericht bzw. gegenüber der Versicherung jedes Bild nützlich sein kann.
Unfalldokumentation ist ja nur notwendig, wenn man selbst in den Unfall verwickelt ist. Niemand ist jedoch dazu aufgerufen Unfälle, die einen nicht persönlich betreffen, zu dokumentieren und Fotos zu verbreiten.
Mich stört das Wort "Gaffer". Wenn ein Unfall passiert ist, ist es selbstverständlich, dass man sich erst einmal informiert. Vielleicht kann man noch helfen, vielleicht sind Bekannte beteiligt, vielleicht kann man noch etwas dazulernen. Neugierde ist eine zutiefst menschliche Eigenschaft. Selbstverständlich muss ich alles dazu tun, um die Rettungsmaßnahmen nicht zu behindern.
Der einzig richtige Satz ist Ihr Letzter! Und um das zu erreichen, fährt man weiter, wenn's geht, wenn nicht, bildet man eine Gasse und bleibt vor allem vom Unfallort weg.
Nachfolgende Anmerkungen gelten selbstverständlich nicht für Ersthelfer (aber ich glaube, um die geht's in dem Bericht nicht...)
Etwas dazulernen? Was denn zum Beispiel?
Wenn Bekannte dabei sind...Die Möglichkeit ist ja nie auszuschließen, aber was änderte das?
Diese von Ihnen als menschliche Neugier bezeichnete Eigenschaft ist nichts anderes als Sensationsgeilheit.
Und wer sich wie ein Gaffer benimmt, bleibt einer, auch wenn Ihnen die Wortwahl missfällt.
Ganz richtig, Grossvater!
Es ist sehr schade, wenn Sie als Mensch nicht mehr neugierig sind.
Zwischen hilfsbreiter Neugier und den hier beschriebenen Szenarien sollte man schon unterscheiden Können. und für letztere ist die Bezeichnung "Gaffer" noch zu freundlich, finde ich?
@Uwart:
Tut mir leid, dass mein Forschungsdrang in diser Hinsicht tatsächlich degeneriert zu sein scheint.
Aber ich bin sehr zuversichtlich, dass Sie mich diesbezüglich gut vertreten und meine augenscheinliche Schwäche mehr als kompensieren können.
Ich schrieb in meinem ersten Beitrag: "Selbstverständlich muss ich alles dazu tun, um die Rettungsmaßnahmen nicht zu behindern."
Genau darum geht es! Es sind nicht die neugierigen "Gaffer", sondern die rücksichtslosen und egoistischen Personen, welche einen Einsatz behindern. Die Feuerwehren und Polizisten können doch froh sein, wenn ihr oft ehenamtlicher Einsatz von den Bürgern auch angesehen wird. Oder wollen wir eine Wegschaukultur?