86-Jähriger: Mit dem Sani ins Rathaus

Manfred Hagen geht es nicht gut. Der 86-Jährige aus Mistelbach hat Probleme mit dem Kreislauf. Wahrscheinlich, weil er zu wenig trinkt, sagt sein gesetzlicher Betreuer, der gelernte Krankenpfleger Ewald Bauer. Aber Manfred Hagen müsste seinen abgelaufenen Personalausweis verlängern lassen. In seinem Zustand könnte er sich zwar von der Ausweispflicht befreien lassen, aber das will der 86-Jährige nicht. „Einen Ausweis muss man haben, sonst fühlt man sich nicht wie ein mündiger Bürger“, findet er.

"Am Ende kippt er mir noch um"

Sein Betreuer Ewald Bauer sagt aus Erfahrung: „Sitzend transportiere ich den Manfred nirgendwo hin. Am Ende kippt er mir noch um.“ Ein Anruf in der Gemeindeverwaltung ergibt aber: Hausbesuche gibt es nicht. Will Manfred Hagen seinen Ausweis wirklich verlängern, muss er ins Rathaus. Und Ewald Bauer sagt: „Der Manfred entstammt einer Generation, die so viel geleistet hat. Ich wollte ihm seinen Wunsch einfach erfüllen.“

Also ruft Bauer bei der Integrierten Leitstelle an und meldet einen Krankentransport ins Hummeltaler Altenheim an. Auf der Station für Kurzzeitpflege soll sich Manfred Hagen zwei Wochen von seinen Kreislaufproblemen erholen. Und Bauer bittet die Sanitäter um einen Zwischenstopp am Rathaus.

"Ein riesiger Aufwand"

Bei der Integrierten Leitstelle habe man so einen Fall noch nie gehabt, heißt es. Dem Wunsch habe man auch nur entsprochen, weil das Rathaus auf dem Weg gelegen habe. Und Thomas Schleicher, einer der Mitarbeiter in der Leitstelle, sagt: „Wir wussten, dass die Sache mit dem Ausweis für Herrn Hagen sonst ein riesiger Aufwand gewesen wäre.“ Allein des Ausweises wegen hätte man den 86-Jährigen aber nicht mit dem Krankenwagen abgeholt. Vor allem die Kostenfrage sei nämlich überhaupt nicht geklärt. An Bord eines jeden Krankenwagen führen schließlich zwei Rettungssanitäter mit.

Und so fährt kurze Zeit später ein Krankenwagen vor der Mistelbacher Gemeindeverwaltung vor. Zwei Sanitäter laden Manfred Hagen aus, schieben ihn auf einer Liege zur Passstelle und vier Unterschriften und einen Fingerabdruck später wieder hinaus. Wie er sich dabei gefühlt habe? „Das merke ich doch nicht mehr, ich bin 86 Jahre alt“, sagt Hagen.

Mehr Probleme in der Zukunft?

Sein Betreuer Ewald Bauer sagt, er habe mit der Aktion auch ein Exempel statuieren wollen. Habe die Kommunalpolitik auf ein Problem aufmerksam machen wollen, das sich künftig häufiger stellen könnte. Dass die Menschen nämlich immer älter würden und den Weg ins Rathaus nicht mehr schafften. Es müsse doch möglich sein, sagt Bauer, einen Laptop mit Fingerscanner anzuschaffen, notfalls über den Landkreis, der das Gerät dann verleiht. So wären Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung für Hausbesuche ausgestattet.

Begrenzender Faktor: Standleitung

Ganz so einfach ist es aber nicht, klärt der Leiter der Verwaltungsgemeinschaft Mistelbach, Siggi Müller, auf. Einen Laptop mit Fingerscanner könne sich die Gemeinde freilich jederzeit anschaffen. Ausweise ließen sich damit aber nicht von unterwegs verlängern. Denn dazu sei eine Standleitung zur Anstalt für kommunale Datenverarbeitung in Bayern, kurz AKDB, nötig. Ein Fingerabdruck dürfe nämlich aus Sicherheitsgründen in den Gemeinden nicht zwischengespeichert werden, sondern werde der AKDB direkt aus dem Rathaus übermittelt. Die Anstalt wiederum übermittle den Fingerabdruck dann weiter an die Bundesdruckerei in Berlin.

Nicht normal

Auch Müller sagt, dass er in seiner bald 40 Jahre langen Dienstzeit noch nie von einem vergleichbaren Fall gehört habe. Dass in Zukunft häufiger ein Krankenwagen vor der Gemeindeverwaltung vorfahren werde, glaubt er nicht. Weil Leute, die so wenig mobil seien wie Manfred Hagen, normalerweise keinen Ausweis mehr beantragen würden.

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Kommentare

Herr Hagen kann sich glücklich schätzen, einen gesetzlichen Betreuer zu haben, welcher nicht nur aufmerksam das gesundheitliche Wohlergehen des alten Herrn im Auge hat, sondern für ihn offenbar auch bei nicht leicht umzusetzenden Anliegen Lösungen findet. So einen engagierten Betreuer kann man nur jedem älteren, auf Hilfe angewiesenen Menschen wünschen.
Wir Berufsberteuer erleben viele interessante Gegebenheiten. Bei durchnittlich 3,1 Std. vergüteter Arbeitszeit sind oft innovative Lösungen zu finden.
Herr Hagen konnte seinen Wunsch und Willen äußern. Manchmal ist dieser, bzw. der mutmaßliche Wille erst zu erforschen. Manchmal findet man nicht die erforderliche Unterstützung bei Hilfsdiensten. Herr Hagen hatte auch Glück, dass die Rettungsdiensstelle die Fahrt wunschgemäß mit Zwischenstopp übernommen hatte.