650 Kilometer mit 290 Kilometern Anlauf

Der Bayreuther war auf seinem klassischen Rennrad unterwegs, „leicht und schnell“, wie er es selbst einstuft. Eines mit dem Prädikat „robust“ wäre wohl geeigneter gewesen. „Wahrscheinlich wäre die Teilnahme mit einem sogenannten Travelbike das Beste gewesen“, lautete die (zu) späte Erkenntnis von Rücker, auf den viele Kilometer auf Schotter und unbefestigten Wegen sowie Geländepassagen gewartet hatten.

Er überstand das Abenteuer aber ohne Sturz, Schaden oder Panne. „Auf der Abfahrt nach Imst in Tirol wies ein Schild auf eine Strecke hin, wo Mountainbiker ihr Rad besser nach unten schieben“, sagt der „Renner“ lachend. Er nahm die „Direttissima“. Nur: „Insgesamt vier oder fünf Mal habe ich anhalten müssen, um mein Rad mittels Wasserstrahl von dem Dreck zu befreien.“ Als durchaus richtig erwies sich die Maßnahme, eine schützende Allwetterjacke mit Kapuze ins Gepäck genommen zu haben. Die kam sehr rasch zum Einsatz. „Kälte kann den Willen brechen. Zwei Pässe mit nasser Kleidung bei Temperaturen um fünf Grad machen einem nach zirka 500 gefahrenen Kilometern zu schaffen, keine Frage“, gibt Rücker zu.

Auf Navi verlassen - ein Fehler

Zu den kleinen Fehlern, die er machte, gehört der Satz: „Nein, danke, brauche ich nicht.“ So hatte er gegenüber den Organisatoren das Angebot abgelehnt, eine detaillierte Streckenkarte mitzunehmen. Er vertraute seinem Navigationsgerät, das mit den passenden GPS-Tracks gespeist worden war. Allein: Keine 30 Kilometer hinter einer kurzen Rast in Bozen mit Frischmachen, kurzem Nickerchen, Zähne putzen und Wasserflaschen auffüllen zeigte das Navi-Display plötzlich immer dasselbe Bild. Rücker: „Keine Chance, es wieder zu aktivieren, kein Reset möglich, nichts ging mehr. Und in meiner Tasche hatte ich eine aufgeweichte und komplett zerfallene Karte, ziemlich unbrauchbar.“

Erste Abhilfe schaffte das Smartphone, auf dem sich der Bayreuther die Strecke grob ansehen konnte. Er orientierte sich zudem an Schildern, „was nachts etwas stressig ist“. Streckenkenntnisse, die von einer Tour von Bozen über Riva nach Verona zwei Jahre zuvor herrühren, halfen ihm weiter. „Zwar fuhr ich eine Schleife, die nicht nötig war, aber es geht auch ohne Garmin“, kommentierte er nun trocken.

Apropos trocken. Am Anfang schien die Sonne. Rücker fuhr leicht bekleidet gen München. Warum überhaupt die Anreise per Rad, wo doch noch rund 40 Stunden im Sattel beim Brevet auf ihn warteten? „Damit konnte ich mich noch ein paar Kilometer einfahren“, antwortet der Grafik-Designer. Mitte Juni nimmt er den „Hardcro“ (1487 km durch Kroatien) unter die Räder.

Nur 90 Minuten Pause bis zum Start

Hinter Parsberg bei Regensburg setzte der Regen ein. Er war der ständige Begleiter bis zum Startort Marienplatz München, wo Rücker nach 3 Uhr in der Nacht ankam. Um 5 Uhr sollte die Langstreckenfahrt beginnen, doch um die bereits komplett anwesenden Teilnehmer nicht unnötig lange im Regen stehen zu lassen, ging es eine halbe Stunde früher los.

Der Radweg Via Claudia Augusta war teilweise die Route. Über Garmisch in Richtung Reutte zum Fernpass. Auf die Strapazen dort folgten viele flache Radwege am Inn entlang bis nach Landeck und weiter gen Süden nach Pfunds. Dann kurz in die Schweiz hinein. Schier endlose Serpentinen waren beim Anstieg nach Nauders zu bezwingen. Nächster Checkpoint: der Reschenpass, 1455 Meter hoch. „Klettern macht richtig Spaß“, sagt Bernd Rücker. Die Nachfrage, ob das pure Ironie sei, verneint er. Aber auch Abwärtsfahren genießt er. „Nun nur noch rollen bis Meran, ein Traum im wunderschönen Vinschgau.“ Eine Stunde Schlaf gönnte sich der Radsportler auf einer Parkbank „irgendwo im Nichts zwischen Bozen und Trient“.

Das Gefühl im Ziel: "Ich war glücklich"

Aufwachen! Die Radkleidung blieb klamm. „Ich kann mich nicht erinnern, an diesem Wochenende einmal komplett trocken gewesen zu sein“, sagt der Sportler. „Regen macht Reibung. Zu viel Reibung kann schmerzen.“ Doch die Tour war noch nicht zu Ende. Mantua war die nächste Zwischenstation, rund 100 Kilometer von Ferrara, dem Ziel der Fahrt, entfernt. Zunächst schien die Sonne, und auch wenn bald wieder Regen einsetzte, diesmal garniert mit heftigem Wind, hatte Rücker keine Mühe, in der vorgegeben Zeit von 43 Stunden zu bleiben. 38 Stunden nach dem Start bekam er seinen letzten Stempel. „Die Alpen überquert, 650 Kilometer mit 6000 Höhenmetern zwischen München und Ferrara gefahren, mit der Anreise aus Bayreuth auf etwa 940 Kilometer und 9000 Höhenmeter gekommen. Und ich war glücklich“, formuliert es Bernd Rücker. Dem „Hardcro“ in Kroatien schaut er nun optimistisch entgegen. „Der Rando Imperator hat bei mir viel im Kopf bewegt. Er war eine gut Härte-Schulung.“

Übrigens: Als der Akku des Navi ganz leer und dann wieder aufgeladen war, funktionierte das Gerät wieder. Aber nun verzichtete Rücker auf seine Dienste…

Nicht bewertet

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