6000 schwitzen bei Münchener Freiheit

Die meisten Besucher zählte man bisher mit 3500 bei der Band Six Pack, sagt Pressesprecher Mirko Streich.

Die Band:

Ein Teil der Münchener Freiheit. Foto: Andreas Harbach

Die Münchener Freiheit, das sind vier gesetzte Herren und seit vier Jahren Tim Wilhelm (38). Die Herren haben ein tragbares Symphonieorchester dabei, die komplette Keyboarddröhnung und ein paar Rockgitarren. Wilhelm, der gebürtige Bayreuther, der auf der Bühne auffallend dialektfrei agiert, gibt gesanglich den Schlagerschmelz dazu. Und bewegt sich mehr als die meisten im Publikum. Bald steht er mit schweißnassem Haar auf der Bühne. SOS, ruf mich an, Tausendmal Du - und natürlich: Ohne Dich.

Anderthalb Stunden Programm, zwei Lieder als Zugabe. Dann verflüchtigt sich ein Großteil des Publikums. Der Rest steht Schlange für Autogramme und Fotos mit Sänger Tim. Alte Bekannte kommen vorbei, sagen Hallo und werden gedrückt. "Ich komm vielleicht später auf einen Kaffee", sagt Wilhelm.

Der Super-Fan:

Nadine Jacoby aus Kiel. Foto: Katharina Wojczenko

Nadine Jacoby (38) hat für die Münchener Freiheit acht Stunden Zugfahrt von Kiel nach Bayreuth auf sich genommen. Neben ihr stehen ganz vorn Fans aus Wolfsburg, Dortmund, Magdeburg. Seit drei Jahren besucht die Buchhändlerin so viele Konzerte wie möglich. Die harten Fans treffen sich immer wieder, "es sind Freundschaften fürs Leben entstanden". Die Münchener Freiheit begleitet sie seit ihrer Kindheit, weil ihre Mutter ein Riesenfan war. "Sie ist vor kurzem verstorben", sagt Jacoby. Ihr Lieblingslied war: "Herz aus Glas". "Wenn sie das spielen, schicke ich ihr immer Grüße in den Himmel."

Ein anderer Fan trägt die Münchener Freiheit zu Füßen. Ein Unikat. Für 120 Euro und drei Monate Wartezeit kriegt man solche Schuhe mit Fotos drauf im Internet.

Die Nostalgiker:

So schaut Siggi Reichstein aus, wenn sie eine Tanzpause macht...

... und so, wenn sie wilder ist. Fotos: Katharina Wojczenko

Siggi Reichstein aus Bayreuth ist 57. Zu Liedern der Freiheit hat sie mit ihrem Mann eng getanzt, als er noch nicht ihr Mann war, "das war die Zeit, logisch". Am Samstag tanzt sie dicht an der Bühne. Seit 11 Uhr ist sie da. Um für Mann, Schwester, Nichten und Großnichten einen Schattenplatz zu verteidigen. Alle sind Dauerkartenbesitzer. Konzerte nutzen sie für Familienpicknicke. Und zu ihnen tanzt sie dann zurück.

Schwiegermutter Traudl Sailer (77) und Schwiegertochter Claudia (48) in einer Singpause. Foto: Katharina Wojczenko

Claudia Sailer (48) ist mit Mann und Schwiegermutter Traudl (77) da, beide wippen, klatschen und singen aus voller Kehle beim Refrain auf ihrer Picknickdecke mit. "Die Münchener Freiheit kennt man", sagt Traudl Sailer. Die Texte kannten sie vorher nicht. "Aber die gehen ja schnell ins Ohr", sagt ihre Schwiegertochter.

Der Jüngste:

Babys erstes Konzert: Lian (8 Monate) mit seinen Eltern Dani und Oli Haas. Im Bauch war er schon bei Andreas Gabalier. Foto: Katharina Wojczenko

Das ist wohl Lian aus Bayreuth. Mit acht Monaten ist er auf seinem ersten Konzert. Seine Mutter Dani Haas (35) ist mit der Münchener Freiheit groß geworden. Als Kind fuhr sie mit ihren Eltern in den Ungarnurlaub. Die hatten eine Kassette dabei - für zwölf Stunden Autofahrt. "Bei den alten Liedern bin ich textsicher", sagt Haas. Sonst stehen sie und ihr Mann Oli (41) auf Heavy Metal. Lian auch. "Bei Helene Fischer fängt er an zu weinen", sagt Mutter Dani. "Bei Hardrock fängt er an zu wippen." Bei der Münchener Freiheit lacht er.

Die Dauerkartenbesitzer:

Sind in der Mehrheit. Und viele von ihnen sind im Seniorenalter. Ingrid Raum (60) und ihr Partner kennen die Münchener Freiheit von früher. Sie sind aber weniger Fans, sondern vor allem Dauerkartenbesitzer: "Das Schönste sind die Veranstaltungen. Wenn schon mal etwas in Bayreuth los ist, muss man hingehen."

Der Sänger-Papa:

Rolf Wilhelm (70) aus Bayreuth steht mit seinem Cousin Thomas Ebersberger auf der Wiese und hört seinem Sohn zu. Seine Frau ist daheim, passt auf Labradormischung Seppi auf. Der Hund und Tim sind unzertrennlich. "Für Bayreuth ist die Stimmung erstaunlich gut", sagt er. Schließlich gelte das hiesige Publikum in der Branche als "nicht so ganz begeisterungsfähig". Er muss es wissen, kutschiert er doch seinen Sohn zu Auftritten. Was sein Sohn macht, findet der Papa natürlich "klasse".

Der Kanalbauer:

Mit dem Hydrantenwasser, das bergab fließt, haben sich die Kinder etwas gebaut. Foto: Katharina Wojczenko

Valentin (8) nutzt das Wasser, das vom Hydranten bergab fließt, für seine neueste Erfindung: Er baut im Kiesstrand ein Kanalsystem mit Becken, in denen sich das Wasser sammelt. "Alles Handarbeit", sagt Valentin. "Wenn sich jemand am Fuß wehtut, kann er ihn hier kühlen." Er ist nicht das einzige Kind, das planscht, während die Eltern zuhören.

Die Ausdruckstänzer:

halten sich bei so viel Hitze in Grenzen. Trotzdem sind die Bayreuther ungewohnt agil. Sie heben die Hände hoch, klatschen, wippen, tanzen, umarmen die Liebste, die Knöchel im Hammerstätter See, oder machen Minimalprogramm bei Temperaturen, wo schon Liegen schweißtreibend ist: Sie schwingen im Rhythmus Fächer oder trommeln, bäuchlings auf der Decke, mit Fuß und Hand auf den Boden.

Die Vorbereiteten:

Das sind fast alle gegen die Hitze und Sonne. Zu Füßen der Band erstreckt sich ein Meer aus kunterbunten Sonnen- und Regenschirmen, Strandmuscheln und Wurfzelten.

Wahrscheinlich sehen von den 6000 Konzertbesuchern nur ein paar Hundert die Band. Der Rest liegt flach auf der Erde, sitzt auf der Picknickdecke, in Klappstühlen oder unter dem einzigen Schatten spendenden Baum weit und breit.

Mit Kühltaschen, Brotzeit und Getränken, behütet und eingecremt. Vor dem extra angebrachten Hydranten bildet sich eine Schlange. Menschen füllen Wasserflaschen, halten Füße und Kopf unter den Schlauch. "Ich finde es klasse, dass die Security Wasser verteilt", lobt ein Besucher.

Die Retter:

Haben wenig zu tun. Statt einem sind drei Rettungswagen da. Einsatzleiter Richard Knorr vom Roten Kreuz hat fast nichts zu berichten: vier Hilfeleistungen, darunter zweimal Kreislaufprobleme. Ansonsten Kleinkram: Pflaster, eine Zecke.

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Kommentare

Da waren die von der Festspielauffahrt bekannten "Hamburger Gitter" des Stadtbauhofs um die Wiese zwischen dem unteren Betonweg und die Seebühne gestellt worden, um die Leute vom Betreten dieser Wiese abzuhalten. Bei allen bisherigen Seebühnenkonzerten, auch bei Six Pack und Oonagh, war das nicht der Fall. Da konnte man sich dort hinsetzen. Hat man diesmal Angst gehabt, dass Leute ins Wasser fallen?