438 Billionen Mark Umsatz

1893 war Friedrich Wilhelm Raiffeisen schon fünf Jahre tot, seine Genossenschaftsidee kam aber erst da in der Region so richtig an. Die treibende Kraft war meist die Kirche. Nicht nur in Aufseß, in nahezu allen 17 Genossenschaften, die heute den Stammbaum der Raiffeisenbank Hollfeld-Waischenfeld-Aufseß bilden, war zunächst der örtliche Pfarrer entweder Vorstand oder Aufsichtsrat. Unterstützt wurde er oft vom Dorfschullehrer. Schließlich konnten beide gut rechnen und schreiben.

Kleine Einheiten

Es waren kleine Einheiten auf den Dörfern, oft mit gerade einer Handvoll Mitgliedern – vor allem Bauern, die sich bessere Bedingungen beim Kauf von Saatgut und Maschinen erhofften. Ein weiter Weg zur heutigen Bank mit einer Bilanzsumme von gut 163 Millionen Euro. Damit gehören die Hollfelder im Konzert der Banken immer noch zu den Kleinen – und haben naturgemäß trotzdem nur noch wenig mit den Ursprüngen zu tun. Dennoch legen die beiden Vorstände Peter Lang und Heiko Dippold Wert auf die Feststellung, dass sich ein paar Dinge nicht geändert haben: „Wir sitzen hier vor Ort und nicht in irgendeiner Großstadt oder gar im Ausland. Die Mitglieder und viele Kunden kennen die Vorstände und wir viele von ihnen. Und wir gehören immer noch unseren Mitgliedern.“

Die große Inflation

Peter Lang hat sich für eine Jubiläumschronik etwas eingehender mit der Geschichte der 17 Ursprungsgenossenschaften seines Hauses befasst und kann deshalb einiges erzählen. Von der großen Inflation im Jahr 1923 etwa. Als die kleine Raiffeisenkasse Wiesentfels mit ihren gerade 38 Mitgliedern auf eine Bilanzsumme von einer Billion Euro kam. Oder die Genossenschaft in Schönfeld, die mit 53 Mitgliedern auf 49 Billionen Mark Verlust machte. Stattdessen durften sich die 119 Mitglieder der Raiffeisenkasse Nankendorf über 73 Billionen Mark Gewinn freuen. Und in Königsfeld wurden 438 Billionen Mark Umsatz ausgewiesen. „Ein US-Dollar war 4,2 Billionen Mark wert“, sagt Lang kopfschüttelnd. 1924 war der Spuk erst mal vorbei, mit der Währungsreform wurden viele Nullen gestrichen – und die Bilanzsumme in Wiesentfels betrug wieder 4600 Mark.

Die Nazizeit

Die dunkle Seite der Genossenschaften – so ist das Kapitel der Chronik über die Jahre 1933 bis 1945 überschrieben. Der Erlass der Nationalsozialisten von 1934, nach dem Genossenschaften nur noch Mitglieder arischer Abstammung aufnehmen dürfen, ist auch in den Protokollbüchern der eigenen Ursprungsgenossenschaften zu finden, weiß Lang. Eine Umsetzung des Erlasses von 1938 zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben finde sich dort aber ebenso wenig wie Hinweise auf Ausschluss oder Entlassung einzelner Mitglieder oder Mitarbeiter. „Wurde hier etwas bewusst verschwiegen oder gab es bei uns keine Ausschlüsse? Eine Antwort hierauf können wir nicht geben“, heißt es in der Chronik.

360 Vorstände

Insgesamt 360 Vorstände in den 125 Jahren hatten die 17 Genossenschaften, die in den 60er-Jahren eine erste Fusionswelle erfasste. Wie im ganzen Land: Anfang der 70er gab es noch mehr als 1600 Genossenschaftsbanken in Bayern, heute sind es noch knapp 240. Größere Anforderungen an Finanzkraft, Technik, Personal – so hießen die Herausforderungen und Fusionsgründe damals und ähneln damit durchaus denen von heute.

Das Ende der Lohntüte

Kurz darauf der nächste Umbruch, der mit dem Ende der Lohntüte kam. Die Menschen brauchten jetzt ein Konto, bei den Genossenschaften gewann das Bankgeschäft endgültig die Oberhand gegenüber dem Warengeschäft. Erste Computer wurden angeschafft und irgendwann Geldautomaten und Kontoauszugsdrucker.

Fusion im zweiten Anlauf

Die letzte große Fusion fand schließlich 1992 statt – und war die Folge eines zunächst gescheiterten Anlaufs. Denn für ein Zusammengehen von Waischenfeld und Hochstahl-Aufseß kam 1990 nicht die nötige Zweidrittelmehrheit der Mitglieder zustande. Die gab es dann 1992, nachdem auch noch Hollfeld ins Boot geholt und damit die heutige Struktur geschaffen worden war.

Eine Struktur, die auch in Zukunft trägt? Vorstand Dippold drückt es so aus: „Wir prüfen ständig, was gut für die Bank, ihre Mitglieder, Mitarbeiter und Kunden ist.“ Drei, vielleicht auch fünf Jahre könne man voraussehen. Und da gebe es aus jetziger Sicht dank Kooperationen mit anderen VR-Banken und dem großen genossenschaftlichen Verbund keinen Fusionsdruck. Aber was in zehn Jahren angesichts der anhaltenden Niedrigzinsphase und zunehmender Regulatorik ist, das könne man nicht sagen. Was 1893 auch nicht viel anders gewesen sein dürfte.

Die Jubiläumsfeier

Am Freitag (15. Juni) feiert die Raiffeisenbank Hollfeld-Waischenfeld-Aufseß ihr Jubiläum. Im Beisein des bayerischen Genossenschaftspräsidenten Jürgen Gros gibt es eine Aufführung des Brandner Kaspar durch das Holevelt Ensemble in der Inszenierung des Fränkischen Theatersommers auf dem Hollfelder Marienplatz. Mitglieder kamen in den Genuss verbilligter Eintrittskarten. Mehr als 500 der insgesamt 700 Karten sind schon weg, so dass die Vorstände Peter Lang und Heiko Dippold schon jetzt sehr zufrieden sind. Sollte es Restkarten geben, werden diese für zwölf Euro an der Abendkasse verkauft.

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