06.02.2012, 09:09 Uhr
Von Florian Zinnecker
MÜNCHEN. Der Rhein ein Meer aus Körpern: Die Münchner „Rheingold“-Premiere an der Staatsoper hat die Messlatte hochgesetzt.
Die Bühne ist offen, von Anfang an. Darauf sitzen Menschen, sie lachen und plaudern, und eigentlich ist ab diesem Moment klar, dass diese Inszenierung genau die richtige ist für dieses Stück an diesem Abend: weil sie mit guter Laune beginnt und nicht mit verkrampfter Ernsthaftigkeit. Und dann ziehen die Menschen ihre Kleider aus, schmieren sich, beinahe nackt, mit blauer Farbe ein und werden zum Rhein. Die Kontrabässe setzen ein mit dem berühmten tiefen Es; der Rhein, ein Meer aus Körpern, genauer: aus Paaren, wogt und wellt, es ist der stärkste Moment des Münchner „Rheingolds“, und man nimmt dabei gerne in Kauf, dass der stärkste Moment dieser Inszenierung also genau dann stattfindet, als das Stück beinahe noch gar nicht begonnen hat.
Die Münchner Premiere von Richard Wagners „Rheingold“ – als Erster der vier „Ring“-Teile, die in München in dieser Spielzeit zu sehen sein werden – ist mit Spannung erwartet worden. Auch mit Blick auf Bayreuth, wo in eineinhalb Jahren das gleiche Werk zu sehen sein wird, natürlich besser, intelligenter, schöner – so zumindest die Erwartung.
Organische Inszenierung
Das wird nicht leicht. Was Regisseur Andreas Kriegenburg und Dirigent Kent Nagano in München zeigen, vermittelt eine ziemlich gute Idee davon, wie Wagners „Ring“ heute auf die Bühne gehört. Kriegenburg lässt die Geschichte von Menschen erzählen; der Rhein, Walhall, Nibelheim: All das wird, buchstäblich, verkörpert von Männern und Frauen. Es ist keine technische Inszenierung, sondern eine organische. Und das macht den Unterschied: zu all den Inszenierungen, bei denen vorher viel herumgedacht wurde, bis ein Konzept auf der Bühne steht.
Und dann kommt der Zuschauer und stellt fest, dass er nichts davon versteht, weil sich nichts erschließt, weil sich die Gedanken in Takt und Tonart eklatant von der Musik unterscheiden. Genau diesen Fehler macht Kriegenburg nicht. In seinem „Rheingold“ kommt alles aus der Musik, und das macht seine Inszenierung zu einem Stück großer Kunst. Was es bedeutet, hat Kriegenburg vorher selbst immer wieder erklärt: Alle Gedanken, alle Blicke, alle Gefühle kommen aus dem Orchestergraben; man müsse nur darauf hören.
Und zusätzlich dieser einen großen Idee, den Fehler der anderen nicht zu wiederholen, hatte Kriegenburg auch selbst noch ein paar nette Einfälle: dass Alberich nicht mit einem Seil gefesselt wird, sondern – indem ihm Wotan den Speer durch die Ärmel steckt – gekreuzigt wird; dass die Riesen erst auf der Bühne ihre Riesenhände und Riesenstelzen anlegen; dass Nibelheim nicht von der Beleuchtungsbrücke aus, sondern von – auf der Bühne herumlaufenden – Grubenlampen-Trägern beleuchtet wird.
Besondere Musik
Und die Musik, aus der alles kommt, ist an diesem Abend auch besonders. Kent Nagano ließ die Münchner Philharmoniker die zweieinhalb Stunden nicht einfach nach Spielanweisung heruntermusizieren. Wenn die Zuschauer so etwas wie Wagner-Sound erwartet haben, mussten sie bis zu den allerletzten Takten warten. Die Strecke bis dorthin war leiser, differenzierter und, man hat den Eindruck, genauer. Zumindest in den Momenten, in denen Nagano die Sänger nicht ausbüxen.
Aus dem Sängerensemble ragten vor allem Johan Reuter als Wotan, Johannes Martin Kränzle als Alberich und Sophie Koch als Fricka hervor. Aber auch jeder von ihnen war in dieser Inszenierung nur: einer von vielen.
Dies ist eine Nachricht aus unserem Archiv.
Es können daher keine neuen Kommentare verfasst werden.
| zurück | weiter |
| Singen Sie uns Ihren Lieblingssong vor! 25.05.2012 |