BAYREUTH. Das rote Hemd spannt gewaltig unter seinem dunklen Sakko. Wäh! Er bezeichnet sich als Menschen der Kategorie B, der, wenn Scheiße etwas wert wäre, noch nicht einmal ein Arschloch hätte. Zitat. Wäh! Und der Tod ist für ihn ein harter Keks, eine dunkel gestrichene Raufasertapete. Also einfach nur dunkel. Wäh!
Matthias Egersdörfer, Kabarettist aus Lauf mit breitem mittelfränkischen Dialekt, zog am Freitag im Zentrum auf eine Art und Weise vom Leder, die für manchen Besucher in der realen
Welt wohl eine Nummer zu arg wäre.
Oder würden Sie in einer gemütlichen Sonntagmorgen-Frühstücksrunde lachend ein „Aus dem wird amol nix!“ in den Raum werfen, wenn der behinderte Sohn der
Bekannten zum x-ten Mal gegen eine Glastüre läuft, weil er es einfach nicht rafft? Sehen Sie. Wenn Egersdörfer das aber auf der Bühne tut, dann lacht der ganze Europasaal
schallend. Meinung dazu? Gut so.
Denn viele Themen, die Egersdöfer anreißt, werden von ihm so derb bis zynisch und dabei aber dermaßen nah dran an dem, was Tag für Tag hinter vorgehaltener Hand mit einem
dreckigen Lachen geflüstert wird, dargereicht, das man sich denkt: Ja, genau so san's, die Leut! Vornerum so, und dann hintenrum so. Wäh! Nicht für das, wie sie hintenrum sind,
sondern weil sie vornerum so blenden. Wäh! Wäh!
Anekdotenhaft
Definitiv hat Egersdörfer eine Begabung, Situationen anschaulich zu beschreiben, da er zwischen blumiger Bildersprache und passgenauer Charakterdarstellung (sehen Sie das nächste mal
genau hin, wie Bud Spencer kurz vor dem Schlag die Augen zukneift) locker-leicht wechselt, aber thematisch denkt man sich im Zuschauerraum oft: Gut, wenn ich eine Anekdote aus meiner Kindheit
… Warum lässt er seine derbe Kunstfigur nicht öfter intelligente Bezüge zwischen dem diamantähnlichen Popel, den er sich aus der Nase gezogen hat, und dem liberianischen
Ex-Brutalo-Diktator Charles Taylor schaffen?
Egersdörfer wird weitermarschieren,und mit ihm seine Figur. Vielleicht wird sie ja irgendwann auch noch ein politischer Mensch. Bis der unterste Hemdknopf platzt. Wäh!
Foto: Mularczyk
Dies ist eine Nachricht aus unserem Archiv. Es können daher keine neuen Kommentare verfasst werden.
Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich bei der Community registrieren und einloggen.