30.01.2012, 13:07 Uhr
Felix Brummer von Kraftklub sprach mit uns über seine Heimatstadt, die Musik der Band und ihre Einstellung zu Nazis.
Wer in den letzten ein, zwei Jahren beim Konzert von Fettes Brot, Casper oder den Beatsteaks zugegen und rechtzeitig anwesend war, der dürfte Kraftklub bereits in den jeweiligen Vorprogrammen über die Bühne toben gesehen haben. Die meisten jedoch wurden erst so richtig auf diese fünf Jungs zwischen Anfang und Mitte 20 aufmerksam, als sie beim letztjährigen „Bundesvision Song Contest“ nicht nur für Sachsen den fünften Platz holten. Steffen Rüth sprach mit Felix Brummer, dem Rapper der Band.
Frage: Felix, wie war denn der Auftritt mit den aufgemalten Anzügen?
Felix Brummer: Das war kein Spaß sondern eine einzige Qual. Am Tag vorher mussten wir uns den kompletten Körper rasieren, vor der Show haben wir uns dann fünf
Stunden lang im Stehen bemalen lassen. Das war ganz bestimmt eine einmalige Sache.
Frage: Hat sich aber gelohnt, oder? Zumindest redete man anschließend über euch.
Brummer: Das stimmt. Dabei hätten wir mit so einer guten Platzierung beim Bundesvision-Songcontest damals niemals gerechnet. Wir wollten nur wegen der geilen
After-Show-Party teilnehmen.
Frage: Es gibt euch noch gar nicht so lange, oder?
Brummer: Nein. Seit zwei Jahren jetzt. Karl und Max kenne ich seit der ersten Klasse, Steffen seit der fünften und Till, meinen zwei Jahre jüngeren Bruder, schon mein
ganzes Leben.
Frage: In euren Liebesliedern geht meist alles schief, eine Songtitelzeile lautet „Mein Leben ist ein Arschloch“. Ein bisschen spätpubertär, oder?
Brummer: Wir sind spätpubertär. Wir sind die Repräsentanten für ein sympathisches Verlierertum. Ohnehin fällt es uns leichter über Sachen zu
schreiben, die wir blöd finden.
Frage: In „Eure Mädchen“ heulen Sirenen auf, die Indiepolizei kommt und will euch verhaften ...
Brummer: Genau. Uns einzuordnen ist verhältnismäßig schwierig. Wir sind textlich nicht intellektuell, aber auch nicht so parolenhaft bescheuert. Wir sind irgendwo
dazwischen und das stößt manchen Menschen auf. Wir wollen raus und rauf auf die Bühnen. Wir wollen spielen. Die Leute sollen zu unseren Konzerten kommen und dafür ist es
schon wichtig, dass sie auch mitbekommen, dass es uns gibt.
Frage: Was ist überhaupt die Aussage von „Ich will nicht nach Berlin“? Dass ihr Landeier seid?
Brummer: Als wir unseren Manager gefunden hatten meinte er, dass es cool sei, wenn wir nach Berlin ziehen. Der Song handelt davon, dass wir das eben nicht tun. Weil wir nicht
wollen. Die Leute da, diese ganzen Medienmenschen, diese Hipser, dieses Überkandidelte – wir finden das alles zum Kotzen. Der Berlinbewohner an sich ist sehr damit beschäftigt,
sich selbst darzustellen und allen zu berichten, wie großartig er ist. Das ist uns alles zu viel, das sind wir nicht gewohnt.
Frage: Ihr lebt in Chemnitz. Was ist so schön da?
Brummer: Gar nichts! Das ist es ja. Chemnitz hat nichts Besonderes, kann nichts Besonderes, und deshalb sind wir so gerne dort. Es ist unsere Heimat. Chemnitz ist sogar relativ,
sagen wir, uneinladend. Alle Leute, die von woanders kommen und mal da waren, also denen hat es nicht gefallen. Es ist einfach nicht cool, dort aufzuwachsen, wo wir herkommen.
Frage: Wofür steht Chemnitz denn?
Brummer: Chemnitz hat den höchsten Altersdurchschnitt Deutschlands und in 15 Jahren wird es die älteste Stadt Europas sein, sofern der Trend anhält. Wenn du auf
der Straße bist, begegnen dir entweder überhaupt keine Menschen oder sie sind über 50.
Frage: Reizend. Wie sieht es mit gleichaltrigen Mädchen aus?
Brummer: Man muss sich das Stadtbild ein bisschen so vorstellen wie in einem Zombiefilm. Die letzten jungen Menschen in Chemnitz, also die Gesunden und die Überlebenden,
halten zusammen und treffen sich alle immer im Musikclub „Atomino“. Dort sind alle ganz stolz auf uns, dass wir jetzt bekannt sind.
Frage: „Karl Marx Stadt“ ist euer Liebesbekenntnis zur Heimatstadt. Warum habt ihr für Chemnitz den alten DDR-Namen gewählt?
Brummer: Weil das cooler ist. Und weil wir selbst alle „Karl Marx Stadt“ sagen, wenn wir unter uns sind. Wir sind Wendekinder, waren alle ein paar Jahre alt, als die
Mauer fiel. Man ist schon viel gehänselt worden, im Urlaub und so, deshalb finden wir es lustig, den Ossi jetzt extra raushängen zu lassen. Unser überzeichneter Lokalpatriotismus,
dieses „Jetzt erst recht“, kommt auch daher. Als Chemnitzer kriegst du ein dickes Fell.
Frage: Habt ihr in der Stadt Probleme mit Rechtsradikalen?
Brummer: Leider gibt es bei uns viele Jugendliche, die in diese Richtung gehen, ja. Uns allen, die denken können, war immer klar, dass man alles sein kann – aber nicht
Nazi. Die Nazis, das waren in der Schule schon immer die Dummköpfe, die auf Streit aus waren. Und die Trottel, die nie ein Mädchen dabeihatten. Als intelligenter Typ wirst du kein Nazi,
das ist überhaupt nicht möglich.
Foto: dpa
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