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04.01.2012, 10:47 Uhr

 

Kurier-Leser Schmidt-Kessel interviewt Chefredakteur Braun zum Thema "Bild"/Wulff

BAYREUTH. Der Fall „Bild“-Zeitung gegen Christian Wulff zeigt nicht nur das mangelhafte Verständnis des Bundespräsidenten von Pressefreiheit, die späte Veröffentlichung des Telefonats von Wulff mit Chefredakteur Diekmann macht auch deutlich, dass Medien manipulieren. Das findet jedenfalls unser Bayreuther Leser Martin Schmidt-Kessel, der Chefredakteur Joachim Braun deshalb gestern Vormittag eine Mail schrieb. Dieser bot ihm daraufhin an, für ein Interview zur Verfügung zu stehen. Vertauschte Rollen sozusagen: Schmidt-Kessel fragt Braun.

 

Frage: Das indiskutable Vorgehen des Bundespräsidenten gegenüber der „Bild“-Zeitung hat in besonderer Weise die politische Funktion von Presse und Pressefreiheit veranschaulicht. Fühlen Sie sich in Ihrer Arbeit frei?
Joachim Braun: Ja, das tue ich. Natürlich gibt es immer wieder Versuche vonseiten der Politik oder der Wirtschaft, unangenehme Berichterstattung zu verhindern. Da werden dann auch mal die Verleger oder die Geschäftsleitung unseres Verlags kontaktiert. Aber das gehört zum Geschäft. Das kennt jeder Journalist. Und wenn – so wie in unserem Haus – das Vertrauen in die Unabhängigkeit der Redaktion vorhanden ist, sind solche Versuche, Einfluss zu nehmen, auch kein Problem. Dafür stehen wir als Journalisten natürlich auch in der Verantwortung, nicht tendenziös zu berichten und uns nicht vor irgendeines Karren spannen zu lassen. Ob das stets gelingt, darüber gehen die Meinungen auch der Leser sicher auseinander.

Frage: Warum erfährt die Öffentlichkeit von den Anrufen beim Chefredakteur der „Bild“-Zeitung nicht aus der „Bild“-Zeitung? Und warum erfährt sie es erst jetzt und nicht schon am 13. Dezember?
Braun: Gute Frage, nächste Frage. Nein, im Ernst, ich weiß es nicht. Ich kann da nur spekulieren. Dass ein Bundespräsident bei einem Chefredakteur anruft, um in Berichterstattung einzugreifen, lässt auf eine gewisse Nähe schließen. Es hat bestimmt auch nicht jeder die Handynummer von Kai Diekmann. Und daraus ergibt sich vielleicht auch eine Hemmung beim Herrn Chefredakteur, Herrn Wulff durch die öffentliche Wiedergabe des Telefonats zu schaden. Aber am Ende kommt dann doch immer alles heraus, weil irgendeiner wieder plaudert. Und wer weiß, vielleicht ist ja die „Bild“-Zeitung ganz zufrieden mit dem Verlauf. Den Schwarzen Peter haben ja jetzt die anderen.

Frage: Ist es legitim, wenn in den Medien Informationen gewichtet, „scheibchenweise“ preisgegeben oder sogar ganz zurückgehalten werden? Falls ja, wo ist Ihrer Auffassung nach die Grenze dafür?
Braun: Ein ganz entschiedenes Nein. Wir Journalisten haben vom Grundgesetz her Privilegien, aber auch eine Verantwortung. Wir haben zu berichten, einzuordnen und zu bewerten, aber wir sind keine politischen Akteure. Also dürfen wir auch nicht taktisch entscheiden, wann wir was veröffentlichen. Die einzige Ausnahme ist der Informantenschutz. Um Menschen zu schützen, die mit hohem persönlichen Risiko wichtige Dinge an die Medien weitergeben, ist es bisweilen notwendig, mit einer Veröffentlichung zu warten. Im Fall „Bild“-Zeitung und Wulff kann ich dies aber nicht erkennen.

Frage: Wie häufig sind nach Ihrer Einschätzung Fälle, in denen Medien nicht ergebnisoffen, sondern gerichtet auf ein bestimmtes politisches Ziel berichten?
Braun: Bei den überregionalen Leitmedien wie „Bild“ und auch „Spiegel“ kommt dies öfter vor. Der aufmerksame Leser bekommt aber mit, wenn sich bestimmte Blätter gegen einen Bundeskanzler oder eine Bundeskanzlerin einschießen. Schlimmer finde ich die verdeckte Variante, die es auch bei Regionalzeitungen gibt. Da hält ein Chefredakteur die Grünen für Anarchisten und lässt sie deshalb im Blatt nicht vorkommen oder ein Redakteur ist beleidigt über eine persönliche Attacke eines Stadtrats und schreibt diesen ab sofort nur noch schlecht. Das gibt es natürlich. Das muss aber innerhalb einer Redaktion korrigiert werden. Immerhin geht’s da um Glaubwürdigkeit, und die ist unser wichtigstes Gut.

Frage: Gibt es generell eine Grenze, an der die Kontrollfunktion von Presse durch die Art ihrer Arbeit überschritten wird? Wo wird ein Medium vom Wächter zum aktiven politischen Akteur?
Braun: In Sachen Wulff ist die „Bild“-Zeitung politischer Akteur geworden, auch wenn sie sich im Dezember von Wulffs Anruf nicht beeindrucken ließ. Eine Grenze zu ziehen, ist schwierig. Ich finde, sie ist in dem Moment überschritten, wo wir Journalisten uns nicht mehr von der Wahrheit leiten lassen, sondern von politischen oder wirtschaftlichen Überlegungen.

Frage: Wäre es legitim, in solchen Fällen gegen einzelne Publikationsorgane vorzugehen?
Braun: Legitim sicherlich. Möglich, ich glaube es nicht. Juristisch sind solche Grenzüberschreitungen nicht einzuordnen. Besser wir vertrauen auf die Leser. Die entscheiden im Zweifelsfall am Kiosk.

Frage: Zum Schluss eine ganz heikle Frage: Brauchen wir – insbesondere vor dem Hintergrund ökonomischer Abhängigkeiten und im Zeitalter des Web 2.0 – ein neues Verständnis von Pressefreiheit und ihrer Grenzen?
Braun: Nein, Presse- und Meinungsfreiheit sind universelle Werte, die sind nicht an ein Trägermedium gebunden. Was wir Journalisten brauchen, sind Verleger und Geschäftsführer, die auch in Krisenzeiten nicht vergessen, dass das Geschäftsmodell Medien ohne publizistische Qualität und Unabhängigkeit auf Dauer nicht funktionieren wird.

Fotos: red



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