14.12.2011, 12:00 Uhr
Von Gert-Dieter Meier
BAYREUTH. Eigentlich ein Grund zum Feiern: Beim Wagner-Doppeljubiläum 2013 machen die beiden Wagnerstädte Leipzig und Bayreuth erstmals gemeinsame Sache. Die Wagner’schen Jugendwerke werden gemeinsam geplant und in beiden Städten aufgeführt. Champagnerlaune also? Weit gefehlt, eher Katzenjammer!
Denn ausgerechnet im Jahr eins des kulturellen Schulterschlusses treffen sich beide Städte nicht etwa im Theater, sondern vor Gericht. Auch dort freilich geht es um Wagner, genauer: um ein Klavier des Bayreuther Meisters. Das Kompositionsklavier Richard Wagners, 1863 von Bechstein gebaut, ist ein Geschenk von Ludwig II. Auf diesem Instrument komponierte Wagner Teile seines musikalischen Spätwerks – auch des „Parsifals“.
Die Frage, die nun die Gerichte zu entscheiden haben: Wem gehört eigentlich dieses Klavier? Sicher ist bislang nur, dass es Anfang der 1940er Jahre von Bayreuth aus nach Leipzig geliefert wurde – zur Reparatur. Durch die Kriegswirren verlor sich die Spur des Instruments. Sicher ist ferner, dass Sven Friedrich, Leiter des Wagner-Museums Bayreuth, es in kärglichem Zustand 1998 im Leipziger Musikinstrumentenmuseum entdeckt und ein Jahr später nach Bayreuth geholt hat – leihweise. Sicher ist schließlich, dass das Bayreuther Museum, das übrigens – im Unterschied zur Stadt Leipzig – niemals Besitzansprüche für das Klavier angemeldet hat, sich nach Ablauf des Leihvertrages geweigert hat, das gute Stück wieder herauszurücken. Was prompt eine Klage der Stadt Leipzig zur Folge hatte. Urteil in der ersten Instanz: Bayreuth muss, im Namen des Volkes, das Klavier rausrücken.
Familie meldet Anspruch an
Nun freilich hat der Rechtsstreit eine überraschende Wendung genommen: Es streiten nämlich nicht mehr nur die beiden Städte gegeneinander, sondern Iris Wagner stellt, stellvertretend für die Familie Wagner, die Frage, die im bisherigen Verfahren kaum eine Rolle spielte: Hatte die Stadt Leipzig überhaupt das Recht, das Klavier an Bayreuth auszuleihen? Anders gefragt: Gehört ihr das Klavier überhaupt?
Das will die Tochter Wieland Wagners im Wege einer „Hauptinterventionsklage“ klären lassen. Gegenüber dem Kurier sagte sie gestern, dass ihr keinerlei Informationen vorlägen, wonach Winifred oder ein anderes Mitglied der Familie das Klavier Wagner an die Stadt Leipzig geschenkt habe. Folglich habe sich an den ursprünglichen Besitzverhältnissen nichts geändert: Das Klavier gehöre – Kriegswirren hin, Leihvertrag her – weiter den Wagners.
Dass die Besitzverhältnisse bei Abschluss des Leihvertrages nicht geklärt wurden, ärgert Iris Wagner, wie sie im Gespräch mit dem Kurier einräumte. Nicht minder groß ist ihr Unmut darüber, dass die Familie damals über den Vorgang nicht informiert wurde. Und weil „das alles ziemlich merkwürdig“ sei, habe sie sich nun entschlossen, die Eigentumsfrage klären zu lassen – übrigens mit dem erklärten Ziel, im Falle eines positiven Richterspruchs das Instrument wieder dorthin zu bringen, wohin es ihrer Meinung nach auch gehört: ins Richard-Wagner-Museum. So gesehen hat die Wagner-Stiftung, obwohl formal doppelt beklagt, nunmehr einen Mistreiter gefunden.
INFO: Die nächste Verhandlung im Wagner-Klavierrechtsstreit soll voraussichtlich am 20. Dezember stattfinden.
Foto (Archiv): Lammel
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