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29.11.2011, 09:00 Uhr

 

Guttenberg: "Ans Aufhören dachte ich bereits vor der Doktor-Affäre"

Von Elmar Schatz

BAYREUTH. Karl-Theodor zu Guttenberg spaltet die Nation: Die Hälfte der Deutschen ist gegen sein Comeback, 45 Prozent aber würden seine Rückkehr befürworten. Heute erscheint sein Buch „Vorerst gescheitert“. Es beruht auf einem Interview, das der ehemalige Verteidigungsminister mit Giovanni di Lorenzo im Oktober in London geführt hat. Der „Zeit“-Chefredakteur stellt seine Fragen höflich und ohne Schärfe.

 

„Wenn Sie in Oberfranken auch nur ansatzweise abheben, werden Sie mit einer solchen Wucht auf den Erdboden zurückgezogen, dass Sie’s gar nicht glauben“, so Guttenberg. Erdverwachsen war er aber nie; es machte sich gut, Heimattreue im Wahlkampf herauszukehren. Die CSU diente ihm als Podest, um ganz oben mitzuspielen. Nach seinem Sturz macht er sich über die Partei lustig („Da haben sich doch schon viele Spinnweben gebildet“), der er „zurzeit“ noch angehört. Di Lorenzo hakt nach: „Die Betonung liegt auf ,zurzeit‘?“ Guttenberg: „Dabei möchte ich es bewenden lassen. Nicht jede Betonung muss bereits eine Drohung sein.“

Wird es heikel, bleibt Guttenberg im Ungefähren, wohl wissend, dass dies Zwietracht sät. Seine Getreuen geben ihm gewiss leidenschaftlich recht. Kritische Geister erkennen die Drohung, wenn er sich über die Chancen einer neuen Partei der Mitte auslässt, die das konservative Lager zerreißen könnte. Bei Guttenbergs Formulierung schwingt die freiherrliche Sehnsucht mit, Star dieser Neuschöpfung werden zu können. Fern von Deutschland spricht er abfällig über die Akteure, die hier alles geben, um das Rad am Rollen zu halten.

Guttenberg: "Ich habe Morddrohungen erhalten"

Guttenberg gibt den Luxus-Nomaden – wenn es ihm hier zu eng und zu miefig wird, zieht er weit weg, verlangt jedoch kuschelige Nestwärme, sobald er geruht, mal heimzukehren. Seine Verehrer sprechen von Neid, der in der Kritik daran deutlich würde. Eine Gemeinschaft erwartet allerdings Nähe und Dank für sehr viel Solidarität, die Guttenberg in seiner Bedrängnis zuteil wurde. Da kam wenig rüber, außer einer Mail an die riesige Facebook-Gemeinde, die sich auf seine Seite geschlagen hatte.

Seine Familie macht Unvorstellbares durch und braucht zweifellos Schutz. Guttenberg schildert: „Ich habe Morddrohungen erhalten, und selbst meine Familie ist auf diese Art sehr hart angegangen worden.“ Der Gipfel sei für ihn gewesen: „Als meine ältere Tochter für das kommende Jahr auf eine andere Schule wechseln wollte, bekamen wir einen Brief von der Vorsitzenden eines Elterngremiums, in dem stand, dass das Kind auf der Schule nicht erwünscht sei.“ Begründet worden sei dies mit der „Unglaubwürdigkeit des Vaters“.

Ex-Minister dachte schon vor Plagiatsaffäre ans Aufhören

Guttenberg gibt in dem Gespräch mit di Lorenzo zu, die Tragweite der Plagiatsvorwürfe anfangs nicht überblickt zu haben. In Berlin habe er gar kein Exemplar seiner Dissertation greifbar gehabt und sich erst eines besorgen lassen. Hat einer seine eigene Doktorarbeit nicht wenigstens im Großen und Ganzen im Kopf, wenn er sich jahrelang damit gequält hat?

Das Interview-Buch enthält vor allem eine sehr interessante Passage. An ein Ende seiner politischen Karriere habe er schon vor der Doktor-Affäre gedacht, so Guttenberg: „Ich habe meiner Frau mal versprochen, nach zehn Jahren aufzuhören. Und ich habe der Bundeskanzlerin Ende letzten Jahres angekündigt, dass ich wahrscheinlich vor Ende der Legislaturperiode aufhören werde.“ Für alle, die ihn bereits fasst im Kanzleramt wähnten, muss das wie eine kalte Dusche sein.

Doch Politik wirkt wie eine Droge. Di Lorenzo möchte wissen: „Sie halten sich alles offen?“ Guttenberg: „Ja.“ Denn ihm ist klar, als „angesehener Staatsmann“ einer amerikanischen Denkfabrik muss er neue Karrieregipfel erklimmen. In dem „Think Tank“, dem er angehört, bringen sich Hochkaräter wie Henry Kissinger zur Geltung.

Guttenberg möchte dort auf Augenhöhe anerkannt sein. Er sagt: „Ich bin sehr glücklich, dass ich seit vielen Jahren bei Kissinger lernen darf. Er kannte meinen Großvater und hat mir die Tür geöffnet, als ich ein junger Student war. Seitdem durfte ich, wann immer ich in New York war, bei ihm aufschlagen.“

Kein Gefallen

Gegenwärtig beschäftige er sich erstens intensiv mit den evidenten Machtverschiebungen auf der Welt und damit, wie man derzeit auf beiden Seiten des Atlantiks daran scheitere, den neuen globalen Herausforderungen langfristig zu begegnen. Die anderen können’s halt nicht, ist unterschwellig herauszuhören. So macht er sich kaum Freunde. Mit dem Buch dürfte sich Guttenberg keinen Gefallen getan haben, wenn er tatsächlich an einem Comeback arbeitet .

Foto: dpa




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