27.08.2011, 12:21 Uhr
BAYREUTH. Am Sonntag gehen die 100. Richard-Wagner-Festspiele zu Ende. Festspielleiterin Katharina Wagner blickt im Gespräch mit Gert-Dieter Meier zurück und vor.
Frage: Wie waren die Festspiele aus Ihrer Sicht?
Katharina Wagner: Aufgrund des Wetters hatten wir heuer eine ganze Reihe von Krankheitsfällen – deutlich mehr als im vergangenen Jahr. Die stark wechselnden
Temperaturen gehen sehr auf die Stimmen. Das ist besonders schade für die Künstler, bedeutet aber auch einen erheblichen Mehraufwand für das ganze Haus. Meine Schwester und ich
sind aber froh, dass wir auch kurzfristige Probleme lösen konnten.
Frage: Gibt es eigentlich für jede größere Partie ein festes Cover?
Wagner: In den Hauptpartien können sich einige wenige in ihren Fächern gegenseitig vertreten. Aber wir hatten auch mit Astrid Weber eine Vertretung im Haus, die Elsa,
Venus, Elisabeth und Eva covern kann.
Frage: Wie fällt Ihre künstlerische Bewertung dieser Spielzeit aus? Wie fanden Sie den „Tannhäuser“?
Wagner: Was meine Schwester und ich etwas bedauerlich fanden, war, dass wir immer wieder lesen mussten, dass es an den Arbeitsbedingungen im Haus gelegen habe, dass die
Neuinszenierung des „Tannhäuser“ so stark kritisiert wurde. Natürlich kann man Kritik immer auf die Arbeitsbedingungen zurückführen. Aber wir hätten uns auch
gewünscht, dass man Fehler auch in der Inszenierung selbst gesucht hätte. Zumal die Arbeitsbedingungen für den „Tannhäuser“ nicht schlechter waren als bei jeder
anderen Inszenierung.
Frage: Hätten Sie, als Festspielleitung, da gegebenenfalls eingreifen müssen?
Wagner: Als Festspielleitung haben wir eine Prämisse – die der künstlerischen Freiheit. Und dazu stehen wir unverändert. Ich würde, wenn ich mich jetzt
mal in die Position des Regisseurs hineinversetze, auch nicht an einem Haus inszenieren wollen, wo dann der Intendant kommt und sagt: Dies oder jenes finde ich schlecht. Das will ich anders. Wir
geben Ratschläge, sicherlich. Sofern wir gefragt werden. Wir sprechen vieles ab, vor allem wenn es um Budgetfragen geht. Wie es mir gefallen hat? Ich kommentiere grundsätzlich nicht die
Arbeit von Kollegen. Und ich bewerte diese auch als Intendantin nicht. Das macht man nicht. Wie ein Stück ankommt, kann man in Kritiken nachlesen oder am Beifall des Publikums
abschätzen.
Frage: Sie gehen aber davon aus, dass im Sinne des Werkstattgedankens an dieser Inszenierung weitergearbeitet wird?
Wagner: Natürlich! So wie ich selbst das bei meinen „Meistersingern“ auch getan habe. Man sieht auch am „Lohengrin“ oder dem „Parsifal“,
wie sich Stücke im Laufe der Jahre weiterentwickeln.
Frage: Ich hatte den Eindruck, dass in dieser Speilzeit so heftig und inbrünstig wie schon lange nicht mehr über Regietheater diskutiert wurde. Stimmen Sie diese
Diskussionen nachdenklich?
Wagner: Die Argumente, die da immer wieder kommen, sind ja hinlänglich bekannt. Nachdenklich stimmt mich das eigentlich nicht. Denn egal, wie man nun zu den einzelnen
Inszenierungen oder dem Regietheater grundsätzlich stehen mag: Wichtig ist in erster Linie, dass Inszenierungen niemanden gleichgültig lassen. Und das war beim
„Tannhäuser“ sicher nicht der Fall. Das Wichtige an der Kunst ist doch, dass man darüber redet. Und nachdenkt. Es gibt nur eines, was mich wirklich ärgert: Wenn Leute
in Bayreuth in die Festspiele gehen und sagen, ich kenne das Stück nicht. Ich bin eigentlich immer davon ausgegangen, dass jemand, der zehn Jahre auf Karten wartet, mit einer fundierten
Grundkenntnis in das Stück geht. So jedenfalls war das früher.
Frage: Es verändert auch nicht Ihre Besetzungs-„Politik“ für die kommenden Jahre?
Wagner: Nein.
Frage: Ihre „Meistersinger“ waren ja durchaus in der Kritik. Wie fällt Ihre Bilanz aus? Und: Was sind Ihre nächsten Inszenierungspläne?
Wagner: Man merkt schon, dass so eine Zeitspanne von fünf Jahren, die ein Stück in der Regel läuft, sehr lange ist. Gerade wenn bei einem selbst im Leben viel
vorfällt. Ich halte die Grundkonzeption für dieses Haus nach wie vor für richtig. Gleichwohl habe ich das Stück weiterentwickelt. Ich denke, dass ich eher zu
größeren Theaterbildern als zu kleineren dramaturgischen Einfällen gekommen bin. Was natürlich auch an der persönlichen Entwicklung liegt. Ich werde Ende November 2012 in
Buenos Aires eine gekürzte „Ring“-Fassung auf die Bühne bringen, die auch für Gastspiele konzipiert sein wird. Das wird spannend, wir sind eigentlich schon mittendrin
in der Arbeit. Es handelt sich um eine sehr, sehr gute Fassung von Cord Gaben, die sieben Stunden dauert.
Frage: Im Wagner-Forum auf www.festspiele.de findet sich bereits die Besetzungsliste für den „Holländer“ 2012. Würden Sie dieser Liste widersprechen?
(Senta: Adrianne Pieczonka; Erik: Michael König; Holländer: Evgeny Nikitin; Daland: Franz-Josef Selig; Steuermann: Benjamin Bruns; Mary:?)
Wagner: (liest die Liste). Nein, würde ich nicht. Und Christian Thielemann dirigiert ...
Frage: Was wird es sonst noch für Neuerungen in der kommenden Spielzeit geben?
Wagner: Burkhard Fritz wird anstelle von Simon O’Neill den Parsifal singen. Und für Daniele Gatti, der aufgrund zeitlicher Überschneidungen nicht nach Bayreuth
kommen kann, wird der Schweizer Dirigent Philippe Jordan den „Parsifal“ dirigieren.
Frage: Der MDR hat kürzlich gemeldet, dass sich Frank Castorf nun doch nicht für den „Ring“ erwärmen wolle. Und stattdessen eine Dreierlösung in
Planung sei: Neuenfels für „Rheingold“ und „Walküre“, Herheim für den „Siegfried“ und Sie für die „Götterdämmerung“.
Und: Petrenko soll abgesagt haben ...
Wagner: Ich kann mir vorstellen, woher das Gerücht kommt. Neuenfels hat das schon im vergangenen Jahr vorgeschlagen. Die Meldung ist aber kompletter Quatsch: Petrenko sagt
nicht ab. Herr Castorf hat sich nicht distanziert. Er kommt Ende der Festspielzeit mit seinem Bühnenbildner hierher, um sich das Haus anzuschauen. Es gehen Verträge hin und her. Es ist
alles auf einem guten Weg. Aber ich bin aus gutem Grund vorsichtig geworden. Solange nichts unterschrieben ist ...
Frage: Kennen Sie denn schon ein „Ring“-Konzept von ihm?
Wagner: Nein. Castorf ist Profi genug, um zu wissen, was es heißt, den „Ring“ in Bayreuth zu machen. Ich weiß nur, dass er den „Ring“ sehr gut
kennt. Aber auch er wird natürlich noch nachdenken müssen, bevor er ein fertiges Konzept vorstellt.
Frage: Wobei es ja bereits Urängste gibt wegen dieser Verpflichtung ...
Wagner: Es ist gleichgültig, wen Sie hier engagieren – irgendetwas wird irgendjemanden immer ärgern oder ängstigen. Damit muss man als Festspielleitung
leben. Nein, man muss zu gegebener Zeit eine Entscheidung treffen – und dann auch dazu stehen.
Frage: Wie geht es in den nächsten Jahren weiter?
Wagner: 2013 kommt, wie gesagt, der „Ring“, 2014 gibt es keine Neuinszenierung, 2015 kommt ein neuer „Tristan“ (mit Katharina Wagner als Regisseurin und
Christian Thielemann als Dirigent, Anm. d. Red.). Und 2016 müssen wir mal sehen, ob wir zuerst die „Meistersinger“ oder einen neuen „Parsifal“ als Neuinszenierung
bringen.
Frage: Es soll in dieser Spielzeit öfter vorgekommen sein, dass Leute vorzeitig den dritten Akt verlassen oder diesen gar nicht erst besuchen, weil sie zum Zug
mussten.
Wagner: Das haben mir Türsteherinnen mehrfach gesagt, ja. Da hat sich eine Kultur entwickelt, die ich sehr heftig finde. Das führt dann übrigens auch dazu, dass
Leute sagen: Da sind soundsoviele Plätze frei geblieben. Diese Plätze waren nicht im ersten und zweiten Akt, sondern nur im dritten Akt frei. Weil die Leute zum Zug müssen!
Übrigens hatten wir in diesem Jahr auch, entgegen anderen Aussagen, keine Absatzprobleme. Wir haben es in diesem Jahr nur mit einem merkwürdigen Phänomen zu tun. Es gab just zur
Premierenzeit einen Streikaufruf unter Journalisten. Und viele Journalisten wurden in die Redaktionen zurückberufen. Also wurden einige Pressekarten frei. Die haben wir natürlich nicht
verfallen lassen, sondern im Kartenbüro verkauft. Mit der Folge, dass es wieder Karten gab. Daher kam plötzlich das Gerücht, wir seien nicht mehr ausverkauft.
Frage: Wie groß war denn die Nachfrage nach Karten tatsächlich?
Wagner: Zunächst: In Jahren ohne den „Ring“ ist und war die Nachfrage immer geringer als in Jahren mit „Ring“. Darüber hinaus ist die Nachfrage
in der Kategorie „um 100 Euro“ gewaltig – diese Kategorie ist acht- bis zehnmal überbucht. Während die teuerste Kartenkategorie nur ein bis zweimal überbucht ist.
Außerdem hängt es sehr vom Stück und der Besetzung ab, wie stark die Stücke nachgefragt werden. Pauschal zu sagen, es gebe nur noch eine Dreifach-Überbuchung, ist falsch.
Frage: Im kommenden Jahr wird es ja erstmals auch E-Tickets geben. Wird Ihnen da schon bange?
Wagner: Überhaupt nicht. Es hat ja bei den Generalproben gut geklappt. Das hat uns viel Geld gespart. Aber wir schaffen ja bei den Bestellungen die Briefbestellungen nicht
komplett ab. Ich empfinde das eher als Bereicherung denn als Einschnitt. Abgesehen davon hat der Bundesrechnungshof dieses neue Ticketsystem gefordert.
Frage: Die gute, alte Festspielkarte aber wird bleiben?
Wagner: Die wird es weiterhin geben, ja. Die Karten sind für viele ja auch ein Souvenir. Wobei ich persönlich auch hoffe, dass es E-Tickets und hoffentlich bald auch
Handytickets geben wird.
Frage: Es gab Diskussionen auch um die verschiedenen Kartenkontingente – zum Beispiel das der Freunde von Bayreuth. Ist das für 2012 schon entschieden?
Wagner: Es wird im Oktober eine Verwaltungsratssitzung geben, in der über die einzelnen Kontingente gesprochen wird. Jedes Kontingent wird von den Gesellschaftern –
nicht der Festspielleitung – auf den Prüfstand gestellt. Wir haben nur mehrfach betont, dass wir uns dafür einsetzen werden, dass das Kontingent für die Gesellschaft der
Freunde nicht gekürzt wird.
Frage: Unlängst hat Ihre Schwester Eva Wagner-Pasquier in einem Münchner Magazin angedeutet, dass sie 2015 aus heutiger Sicht nicht mehr verlängern wolle. Gibt es
da entsprechende Überlegungen?
Wagner: Da haben wir jetzt nicht darüber geredet. Wobei es ja irgendwo verständlich wäre. Ich wüsste nicht, ob ich mit 70 Jahren noch die Lust hätte,
noch einmal zu verlängern.
Frage: Aber Sie haben schon vor, weiterzumachen?
Wagner: Schauen wir mal. Jetzt müssen wir erst einmal das Wagner-Jahr gut über die Bühne bringen. Und dann kann man über solche Dinge nachdenken. Ich will das
jetzt weder dementieren, noch sage ich Hurra.
Dies ist eine Nachricht aus unserem Archiv.
Es können daher keine neuen Kommentare verfasst werden.