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26.08.2011, 12:31 Uhr

 

Das Experiment und das Ideal

Von Frank Piontek

BAYREUTH. Es ist schon eine seltene Leistung: im Lisztjahr eine der über ein Dutzend Symphonischen Dichtungen Franz Liszts – immerhin eine Gattung, die er erfunden hat – in einem Bayreuther Orchesterkonzert zu spielen. Nachdem wir vor einigen Monaten „Orpheus“ hörten – sinnigerweise in einem anderen Jugendkonzert -, eröffneten „Die Ideale“ das bemerkenswerte Symphoniekonzert des Festivals Junger Künstler.

 

„Die Ideale“: Schillers Gedicht über die Schöpferkraft des Künstlers, der „in Tat und Wort, in Bild und Schall“ zu wirken weiß, tritt nicht nur mit dem silbenentsprechenden Hauptthema der Symphonischen Dichtung ins Leben. Wir begreifen diese Forderung an den Künstler, wenn wir das wundersam weiche Es-Dur-Gewoge des „Rheingold“-Beginns hören, mit dem Liszts Appell an die Künstler in einem höchst originellen Werk ins Leben trat. So also klingt es, wenn ein Komponist etwas völlig Ungewohntes, damit die Oper neu erfindet.

Das Ideal einer neuen Kunst, so erfahren wir, enthält auch immer etwas Experimentelles. Die 110 Musiker, die an den Pulten des Orchesters sitzen, stehen noch fast am Beginn ihrer Karriere, nicht wenige von ihnen dürften zum ersten Mal in einem großen Symphonieorchester sitzen. Kommen hinzu die tierischen Temperaturen des Abends, die es erklärbar machen, warum der eine oder andere Ton, insbesondere in den Bläsern, zumal in den anfälligen Hörnern, experimenteller klingt, als es sich der Experimentator Wagner vorgestellt hat. Der Beifall jedenfalls war am Ende tosend; er galt, völlig zurecht, wohl der Gesamtleistung des zweiten Teils, in dem der Walkürenritt, Siegfrieds Trauermarsch und all die anderen Meisterwerke für Wirkung sorgten.

Das große Experiment

Die Idee, einige rein orchestrale Ausschnitte aus dem „Ring“ zu spielen – auch solche, die Wagner nicht für den Konzertsaal eingerichtet hat –, ist nicht neu, aber jede neue Fassung ist ein Experiment. Bayreuth erweist sich, auch unterhalb des Hügels, als Werkstatt, wo man etwa über den Einsatz bestimmter neuer Instrumentalstimmen kurz streiten könnte. Wotan wird durch eine Posaune ersetzt, die Rheintöchter, die im Schlussbild des „Rheingold“ noch herrlich und bedenkenswert aus der Tiefe singen, gar durch gestopfte Trompeten. Interessant, zweifellos. Unbestreitbar schön klingt das Streichersamt in „Wotans Abschied“, umwebt uns der Siegfried-Wald, überwältigt uns mit einer, das darf man wörtlich nehmen, aparten Brünnhilde-Trompete das „Ring“-Finale. Nach ihm, da hat der Dirigent Karl Anton Rickenbacher völlig recht, ist, allem Jubeln zum Trotz, keine Zugabe mehr möglich.

Rickenbacher legt es auf eher ruhige Tempi an, was der Musik nicht schaden muss und der Klarheit des Orchestergewebes zugute kommt, wenn auch mehr an einigen Stellen eben mehr wäre. Ungewöhnlich – und auch das ist dem Experiment Jugendorchester geschuldet – ist nur das relativ flotte Tempo des Eingangs des zweiten Siegfried-Akts: Fafner scheint da nicht „träg und schleppend“ zu schlafen, sondern sich vernehmlich zu räkeln. Das späte Frühstück scheint schließlich schon auf ihn zu warten... Schade nur, dass man den orchestralen Aktschluss nicht gebracht hat, als Abschluss der „Siegfried“-Sequenzen wäre er ideal gewesen, aber mit dem Morgengrauen und Siegfrieds Rheinfahrt hatte man schließlich noch eine schweißtreibende Tour zu bewältigen. Wie gesagt: Tosender Applaus für ein Konzert, das zwischen Liszts Idealen und Wagners Experimentalwerkstatt vermittelte.




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