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25.08.2011, 08:59 Uhr

 

„Bayreuth ist das Allerwichtigste“

BAYREUTH. Nach Brangäne und einer fulminanten Ortrud kommt für Petra Lang nun eine Festspielpause.

 

Petra Lang legt nach getaner Arbeit den bösen Blick ab. Unser Bild zeigt sie hinter dem Vorhang mit Lohengrin Klaus Florian Vogt. Foto: Lammel
Petra Lang legt nach getaner Arbeit den bösen Blick ab. Unser Bild zeigt sie hinter dem Vorhang mit Lohengrin Klaus Florian Vogt. Foto: Lammel
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Petra Lang legt nach getaner Arbeit den bösen Blick ab. Unser Bild zeigt sie hinter dem Vorhang mit Lohengrin Klaus Florian Vogt. Foto: Lammel
Gutes Mädchen, böses Mädchen: Annette Dasch als Elsa, dahinter Annette Lang als Ortrud in „Lohengrin“. Foto: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath
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Finstere Mächte scheinen ihr zu liegen. Zumindest zaubert sie auf der Bayreuther Bühne eine darstellerisch unglaublich dämonische, stimmlich brillante Ortrud auf die „Lohengrin“-Bühne. Und privat? Da ist sie das glatte Gegenteil dessen, was sie auf der Bühne darstellt – statt des bösen Blicks hat sie ein Lächeln auf den Lippen. Gert-Dieter Meier sprach mit Petra Lang über ihre neue Aufgabe in Bayreuth.

Frage: Frau Lang, das Publikum empfindet Ihre Leistung zusammen mit der Ihrer Kolleginnen und Kollegen im „Lohengrin“ als Sternstunde Bayreuths. Wie fühlt sich das an?
Petra Lang: Ich sehe das so, dass der liebe Gott über diese ganze Produktion seine Hand gehalten hat. Man erlebt es auch als Sänger nicht alle Tage, dass man feststellen kann: Hier stimmt einfach alles. Alle sind bemüht, für das Werk und die Sache das Allerletzte zu geben. Da gibt es keinerlei Eitelkeiten. Und das hat man wohl gespürt – bis hinein ins Publikum.

Frage: Wie war die Zusammenarbeit mit Hans Neuenfels? – Sie sind ja erst in diesem Jahr in diese Inszenierung eingestiegen.
Lang: Ich habe, persönlich, von ihm unglaublich viel gelernt. Er hat immer wieder korrigiert, mir gesagt, wie ich handeln solle. Ich hatte anfangs hie und da meine Zweifel – aber dann spürte ich: Das funktioniert so.

Frage: Ist er ein Pedant?
Lang: Wenn’s um die Sache geht – ja! Im positiven Sinne. Ich empfinde die Zusammenarbeit mit ihm jedenfalls als beglückend.

Frage: Es gibt ja auch Regisseure, die ihren Sängern sagen: Mach du mal. Wie sehen Sie das?
Lang: Ich sehe mich ein Stück weit als Werkzeug des Regisseurs. Deshalb ist es mir viel lieber, wenn einer ein Konzept hat und das mit mir durcharbeitet. Das passiert leider in den seltensten Fällen. Da würde ich dann schon gerne mal hingehen und meinen Anteil von der Regiegage fordern (lacht). Das war jetzt ganz anders.

Frage: Ein guter Handwerker, dieser Neuenfels?
Lang: Absolut. Er kennt die Räume und weiß, wie Räume funktionieren. Wie er die Menschen bewegen muss, damit Wirkung entsteht. Und der eine Idee hat, welche Spannungen er wann abverlangt. Wirkliches Handwerk, ja! Was man auch daran sieht, dass er bei den Sängern immer nachfragt: Geht das?

Frage: Dann gibt es ja noch einen zweiten Könner, der dieser Inszenierung seinen Stempel aufdrückt - Andris Nelsons. Wie würden Sie seine Arbeit charakterisieren?
Lang: Das ganze Gegenteil von Neuenfels! Der gibt den Sängern Raum und folgt ihnen, wenn sie das brauchen. Ich habe ja als Ortrud im „Lohengrin“ sehr viel Deklamation. Da tut das richtig gut. An anderen Stellen, wo er mit dem Orchester für sich ist und sein Ding machen kann, führt er dagegen sehr entschieden. Ein toller Mensch, ein vorzüglicher Musiker. Es macht Freude, da runterzuschauen.

Frage: Was bedeutet Ihnen die Ortrud – hat Sie mit Ihnen, als Mensch, irgendetwas gemein?
Lang: Nein, – mit mir als Privatperson hat diese Ortrud rein gar nichts zu tun! Was ich aber erkannt habe: Ich muss natürlich Dinge tun, um den Charakter dieser Frau glaubhaft rüberzubringen – das Böse, Biestige. Und das muss man erst einmal in sich wecken, damit es glaubhaft wird. Man muss versuchen, sich in diesen Charakter reinzuversetzen, aber man muss das nicht sein. Wie das ein Schauspieler tun muss, der einen Mörder darstellt. Im Endeffekt macht es einem sogar Spaß, das zu spielen. Gerade weil ich privat so sehr anders bin. Aber mein Mann ist in der Tat schon ein paarmal gefragt worden, wie er mit „der“ nur leben kann. Dabei habe ich privat wirklich nichts von dieser Biestigkeit.

Frage: Wie war die Erarbeitung dieser Partie?
Lang: Ingrid Bjoner, mit der ich diese Partie seit 1996 erarbeitet habe, hat mir folgende Beschreibung als Kurzversion für diese Rolle mit auf den Weg gegeben: „Im ersten Akt stehst du mit dem Rücken zum Publikum. Guckst zuerst, was Elsa macht – und was der Tenor macht. Je mehr der Tenor singt, desto biestiger dein Blick. Dann kannst du natürlich überhaupt nicht verstehen, dass dieser dumme Telramund diesen Kampf verliert. Weshalb dich das den ganzen Anfang des zweiten Aktes beschäftigt. Dann hörst du erst einmal zu, wie er dir sein Leid klagt. Und das findest du auch wieder ganz furchtbar. Dann schmierst du der Elsa Honig ums Maul. Bei ,entweihte Götter‘ musst du dann mal richtig singen. Dann verteilst du weiter Honig. Und vor dem Münster gibst du mal einen Tarif durch – denn du bist die Letzte, die einen hohen Ton singt. Am Schluss bist du eben ziemlich verrückt und singst noch ein paar hohe Töne.“ Das war so spaßig, das habe ich mir gemerkt. 2003 habe ich die Partie dann erstmals beim Edinburgh-Festival gesungen – mit Donald Runnicles als Dirigent. Das war für mich tatsächlich meine erste richtig böse Frau, die ich zu singen und zu spielen hatte. Es war etwas Besonderes. Die Aufzeichnung hat dann, auf welchen Wegen auch immer, Astrid Varnay in die Hände bekommen. Sie hat mich danach angerufen – und dann haben wir weiter an der Partie gearbeitet. Das war sehr interessant, das Stück mit ihr Satz für Satz durchzugehen. Sie hat mir später dann mal gesagt: „Lang’sche, wenn du die Ortrud singst, ist eines von entscheidender Bedeutung: dass du den Fluch, das Münster und den Schluss nicht böse technisch singst, sondern mit Freude. Weil sonst werden die hohen Töne schwer.“ Das hat mir unglaublich geholfen. Weil man zunächst natürlich dazu tendiert, sich gerade an diesen wichtigen Stellen an einem bösen Ausdruck festzubeißen, anstatt die musikalischen Klippen der Partie eher locker anzugehen.

Frage: Ist diese Partie technisch sehr knifflig?
Lang: Für mich ist sie einfach. Aber andere sagen anderes. Es muss einem liegen – und man muss sich im oberen Passaggio wohlfühlen. Wenn man beispielsweise am Ende des zweiten Aktes nicht eine gute Höhe hat, wird es tatsächlich sehr schwierig.

Frage: Haben Sie die Partie im vergangenen Jahr schon auf der Bayreuther Bühne gesehen?
Lang: Ja, mein Mann und ich waren in der Generalprobe. Und wir haben hinterher drei Tage lang darüber geredet. Allerdings: Wenn ich mir eine Produktion anschaue, die ich übernehmen soll, schaue ich vor allem darauf, wie die Kollegen das machen, was es zu verstehen gibt und was vom Singen her gemeint ist. Die Aufregung über die Ratten habe ich, offen gestanden, nicht verstanden – weil es übersetzt ist. Und nur eine Überhöhung erfolgte, die Sinn macht. Ich war im vergangenen Jahr schon sehr von diesem „Lohengrin“ angetan.

Frage: Was, wenn es nun eine Inszenierung gewesen wäre, die Ihnen überhaupt nicht gefallen hätte?
Lang: Als Sänger unterschreibe ich einen Vertrag. Und also muss ich mich in so eine Inszenierung einfügen. Unabhängig davon, ob mir das dann gefällt oder nicht, stelle ich mich in den Dienst des Regisseurs. Dafür bekomme ich mein Geld. Und so verlangt es die Professionalität. Am Ende den Sängern vorzuhalten, dass sie an „furchtbaren“ Inszenierungen mitwirken, halte ich für die falsche Herangehensweise. Da muss man sich dann schon an die Theaterleitungen wenden. Wobei ich bisher relativ viel Glück hatte mit Inszenierungen. Mag die eine oder andere verrückt gewesen sein, mag auch vieles nicht gestimmt haben – aber es war nichts jenseits des guten Geschmacks dabei.

Frage: Nun sind Sie eine strahlende Ortrud – gibt es da noch Träume, Partien, die Sie unbedingt noch machen wollen?
Lang: Ich werde mich auch in Zukunft vor allem im Wagner- und im deutschen Bereich tummeln. Und bin auch sehr, sehr glücklich damit, wie es jetzt ist.

Frage: Singen Sie die Ortrud auch im kommenden Jahr wieder?
Lang: Nein, leider nicht. Da mache ich einen „Parsifal“ in Amsterdam – und das ließ sich bezüglich der Endproben leider nicht realisieren. Aber ich werde hoffentlich wiederkommen.

Frage: Dann waren Sie nun drei Jahre hier. Ist Bayreuth wirklich so besonders?
Lang: Ja, ich habe zwei Jahre lang die Brangäne gesungen und jetzt eben die Ortrud. Bayreuth hat eine besondere Akustik, in der Tat. Und als Wagnersängerin hier sein zu dürfen, das ist einfach eine besondere Auszeichnung. Bayreuth ist das Allererste und das Allerwichtigste.

Frage: Und was ist für Sie der notwendige Ausgleich zu Wagner?
Lang: Ich habe viel Mahler gesungen und Liederabende gemacht. Das ist schon ein gewisser Ausgleich.

Frage: Haben Sie mit Nervosität zu kämpfen?
Lang: Ich habe die Ortrud jetzt schon so oft gesungen, das ist wie eine zweite Haut. Das geht in jeder Lebenslage. Es macht einfach auch furchtbar viel Spaß, diese hohen Töne in den Raum zu setzen. Deshalb gehe ich in diese Partie relativ ruhig rein. Es ist alles probiert, alles passt. Ich habe im Lauf der Jahre gemerkt, dass eine gute Vorbereitung ein sehr gutes Kissen ist, auf dem man sitzen kann. Anspannung ja, Lampenfieber nein.

Frage: Und das Runterkommen hinterher? Ist das bei einem so großen Erfolg besonders schwer? Hängt einem das länger nach als etwa ein Misserfolg?
Lang: Nein, nicht wirklich. Ich freue mich sicherlich über viel Applaus, aber ich nehme ihn nicht zu wichtig. Weil ich weiß, was ich gemacht habe. Ich weiß am besten, was gut oder schlecht war. Ich kann es einschätzen. Und einordnen. Cool zu bleiben und ruhig zu bleiben, das gehört für mich zum Handwerk. Aber egal, wie gut oder schlecht es dem Publikum gefällt, es verändert mich nicht als Menschen.

Frage: Singen Sie eigentlich jeden Tag?
Lang: Nicht zwangsläufig. Man braucht ja auch, wie ein Sportler, Regenerationsphasen. Der Muskel ist relativ schnell erholt nach einer solchen Aufführung. Aber die Schleimhaut wird schon in Anspruch genommen. Und das braucht einfach seine Zeit, bis die sich wieder erholt hat.

Frage: Singen Sie vielleicht auch mal bei der Gartenarbeit?
Lang: Nein, da rede ich eher mit mir selbst.

Frage: Und unter der Dusche, kommt da wenigstens mal ein Hojotoho?
Lang: Niemals – denken Sie nur an die armen Nachbarn!




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