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23.08.2011, 11:06 Uhr

 

Vom Sängerknaben zum Dauerdirigenten

BAYREUTH. Keiner dirigierte bei den Bayreuther Festspielen öfter als der gebürtige Wiener Peter Schneider.

 

Peter Schneider hat Bayreuth-Geschichte geschrieben: Seit 19 Spielzeiten sitzt er im mystischen Abgrund des Festspielhauses. Er sagt: Ohne die Sängerknaben wäre ich nicht im Opernbereich gelandet. Foto: Bayreuther Festspiele

Peter Schneider ist eine Institution. Nicht nur bei den Bayreuther Festspielen, sondern in der Musikwelt insgesamt. In Bayreuth ist er auch Rekordträger – der Wiener ist der dienstälteste Dirigent der Festspiele. Eva Kröner sprach mit ihm.

Frage: Herr Schneider, 1981 haben Sie zum ersten Mal in Bayreuth dirigiert …
Schneider: Es ist meine 19. Spielzeit. Damit bin ich – und darauf bin ich wirklich stolz – der dienstälteste Dirigent seit Beginn des Festspielbetriebs. Selbst Daniel Barenboim und Horst Stein habe ich mittlerweile überholt. Das bezieht sich aber nur auf die Anzahl der Spielzeiten, nicht auf die der dirigierten Vorstellungen. Da dürften Barenboim und Stein doch ein paar mehr haben als ich.

Frage: Von allen Klangfarben des Orchesters: Haben Sie ein Lieblingsinstrument?
Schneider: Nein. Sie sind ja auch wirklich alle so schön! Und es gibt ja keinen anderen Komponisten, der so gut instrumentieren konnte wie Wagner. Für jedes Instrument hat er wunderbar komponiert, angefangen von den Flöten über die Oboen, Fagotte, Trompeten, Hörner. Was gibt es allein für herrliche Hornstellen! Da fällt mir etwas zum Hornisten Franz Strauss ein, den Vater von Richard Strauss. Er spielte im Münchner Hoforchester und mochte Wagner überhaupt nicht. Aber Wagner wollte gerade ihn für Bayreuth haben, weil er der beste Hornist seiner Zeit war. Und Wagner hat es geschafft, dass Franz Strauss kam und spielte. Wahrscheinlich hat auch er erkannt, was für wundervolle Stellen Wagner für sein Instrument geschrieben hat.

Frage: Ist das Festspielorchester in jedem Jahr gleich „gut“?
Schneider: Das ist tatsächlich der Fall. Zum Ende der Saison werde ich von der Festspielleitung immer gefragt, ob ich gegen irgendwelche Musiker Einwände hätte und diese für die nächste Saison nicht mehr eingeladen werden sollten. In 19 Spielzeiten ist es noch nie vorgekommen, dass ich einen Namen hätte nennen müssen. Man darf nicht vergessen, dass nach Bayreuth nur Musiker kommen, die Wagner lieben – und ihn sehr gut kennen. Alle sind höchst motivierte Fachleute, denen man nichts zu erklären braucht. Sie regeln selbst, was nicht passt. Nur ein Beispiel: Einmal stimmte bei den Wagnertuben anfangs die Intonation ganz und gar nicht. Da sagten die Musiker, warten Sie ab, Herr Schneider, wir üben jetzt jeden Tag, bis es klappt. Das empfinde ich als sehr angenehm, und so kann ich mich von der ersten Probe an schwerpunktmäßig der Balance und der Klangfarbe des Orchesters widmen.

Frage: Den „Holländer“ haben Sie hier in zwei verschiedenen Produktionen dirigiert. Wirken sich unterschiedliche Inszenierungen auf Ihr Dirigat aus?
Schneider: Wenig. Ich kann ja meine Interpretation des Werkes nicht grundlegend verändern. Ich glaube sogar, dass sich ein Dirigat heutzutage zur Inszenierung kaum mehr wirklich kongruent verhalten kann. Denn Inszenieren bedeutet ja nicht mehr, etwas aus einem Stück herauszuholen, was in ihm drinsteckt. Heute bedeutet es meist, dem Stück etwas hinzuzufügen. Da kann ich mit der Musik nicht mitgehen … So bin ich inzwischen schon zufrieden, wenn der Vorhang aufgeht und die Szene zur Musik passt. Einmal habe ich einen „Ring“ dirigiert, und als sich der Vorhang zum Walkürenritt hob, saß dort jemand und strickte. Vom Gewitter, das die Musik so eindringlich heraufbeschwört, war nichts zu bemerken. Dazu kann ich dann als Dirigent nichts beitragen. Ich kann ja aus einem Donnerwetter keine Strickmusik machen.

Frage: Wie stark nehmen Sie Anteil daran, was auf der Bühne vor sich geht?
Schneider: Am Szenischen war ich schon immer stark interessiert. Ich bin ja mit einer Schauspielerin verheiratet, habe zwei Töchter und eine Enkelin, die Schauspielerinnen sind, und eine zweite Enkeltochter, die sich auf dem Weg in diesen Beruf befindet. Auch beide Schwiegersöhne arbeiten am Theater. Also, es ist in unserer Familie immer sehr viel von Schauspiel die Rede. Vor kurzem saßen wir alle miteinander vor dem Fernseher. In der Sendung wurde gezeigt, wie Fritz Kortner „Kabale und Liebe“ probte. Da wurde genau einstudiert, was die Darsteller laut sprechen sollten, was leise und wo sie Pausen zu machen hatten. Da konnte ich am Ende meinen Schauspieldamen sagen, seht ihr, das ist der Unterschied: Was Kortner hier mit seinen Leuten erarbeitet, ist bei uns durch die Musik schon festgelegt, Lautstärke und Pausen. Dieses vorgegebene Gerüst muss ein Regisseur, wenn er die Musik ernst nimmt, akzeptieren. Sonst wird die Musik zur bloßen Kulisse. Das einzusehen, scheint aber vielen Regisseuren heute sehr schwerzufallen.

Frage: Welche Inszenierungen haben Sie begleitet, wo dieses Verhältnis gestimmt hat?
Schneider: Das war meist bei den Arbeiten von Dieter Dorn der Fall, bei „Cosí fan tutte“ und dem „Figaro“ in München und dem „Holländer“ in Bayreuth. Nur dass hier schon während der Ouvertüre der Holländer eine schiefe Ebene hochkletterte – das hätten Wolfgang Wagner und ich ihm gerne ausgeredet. Ich bin nämlich kein Freund davon, die Ouvertüre den Regisseuren zu überlassen. Sie ist ein Faktor für sich. Auch der „Lohengrin“ von Werner Herzog ist ein gutes Beispiel. Herzog hatte so viel ästhetisches Einfühlungsvermögen in die Szene. Und Henning von Gierke war ja eher ein Maler als ein Bühnenbildner, er hat eine Kulisse geschaffen, die atmosphärisch unheimlich dicht war. So wurde es für mich eine sehr schöne gemeinsame Arbeit.

Frage: Wie sieht die Zusammenarbeit zwischen Ihnen und dem Regisseur aus?
Schneider: Ein guter Regisseur lässt mit sich reden. Mit Herzog zum Beispiel war das möglich. Einmal ging es um die Auseinandersetzung zwischen Ortrud und Elsa im zweiten Akt. Daran nimmt der Chor starken Anteil, was sich auch in der Musik abbildet. Da sind musikalische Figuren zu hören, die für sich alleine genommen keinen Sinn ergeben, die eine optische Entsprechung haben müssen. In dieser Hinsicht war Herzog ein bisschen zu sehr Filmregisseur, sein Chor schien an der Szene gar nicht beteiligt zu sein. Als ich ihn darauf hinwies, antwortete er, Herr Schneider, sehen Sie nicht, wie die Chorsänger mit ihren Augen rollen, von links nach rechts? Und ich machte ihm klar, dass ich das natürlich vom Orchesterpult aus nicht sehen konnte. Aber ich kenne auch meine Grenzen. Ich will ja nicht selbst die Inszenierung machen. Obwohl – eigentlich würde ich sie sogar sehr gerne machen. Aber dafür bin ich ja nicht ausgebildet …

Frage: Als Kind waren Sie bei den Wiener Sängerknaben. Wie kam es dazu?
Schneider: Wir hatten in Wien einen Hinterhof, rundherum hohe Mauern, mittendrin ein Baum. Dort draußen war ich gerne, dort habe ich immer gesungen. Leute aus den oberen Wohnungen, die mich hörten, haben meiner Mutter gesagt, der Junge muss zu den Wiener Sängerknaben. Also ging sie mit mir zur Aufnahmeprüfung.

Frage: Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?
Schneider: Es war sehr anstrengend. Wir machten ständig Tourneen, schon damals war ich überall in Deutschland unterwegs. Untergebracht wurden wir immer privat. Unser Bus kam an, irgendwo auf einem Rathausplatz, da standen dann Damen und Herren und wir wurden verteilt. Das war nicht immer angenehm. Man musste jedes Mal wieder die gleichen Fragen beantworten, auch das Gefälle zwischen diesen „Pflegeeltern“ konnte groß sein. Einmal kam ich zu einer Familie, der der größte Blumenhandel Deutschlands gehörte, da wurde ich vom Chauffeur abgeholt. Im nächsten Ort konnte man dann wieder Gast beim Organisten sein, der ganz bescheiden lebte.

Frage: Sind Sie neben der Chor-Ausbildung auch noch zur Schule gegangen?
Schneider: Wir wurden an einer eigenen Privatschule unterrichtet, die an ein normales Realgymnasium angegliedert war. Aber wir waren ja so viel unterwegs, manchmal ein halbes Jahr lang, und hatten dann die ganze Zeit keinen Unterricht. Leider, muss ich heute sagen. Für mündliche Prüfungen mussten wir hinüber ins Gymnasium gehen und wurden dort vor der ganzen Klasse befragt. In der Matrosenuniform des Chores, die wir auch im Alltag trugen, standen wir vor den „normalen“ Kindern. Die saßen da und grinsten. Nach dem Stimmbruch musste ich auf dieses Realgymnasium wechseln – als ein ziemlicher Fremdkörper. Ein frustrierender Übergang.

Frage: Also hat der Stimmbruch Ihre Zeit bei den Sängerknaben beendet?
Schneider: Was nicht einfach war. Als Wiener Sängerknabe ist man privilegiert, man fährt herum, wird bewundert. Wir waren damals der erste Chor, der in Südafrika auftrat, für viele Wochen. Aus zwei geplanten Konzerten in Kapstadt wurden am Ende 13, weil wir so erfolgreich waren. Wir haben sogar Autogrammstunden in Buchhandlungen gegeben. Als wir einmal ein Kino besuchten, wurde vor Beginn der Vorstellung verkündet: „Wir haben die große Ehre, den berühmten Chor der Wiener Sängerknaben bei uns begrüßen zu dürfen.“ Da steht man natürlich im Mittelpunkt. Und man genießt das auch. Damit ist es allerdings schlagartig vorbei, wenn der Stimmbruch kommt. Dann ist man plötzlich gar nichts mehr. Aber ich will nicht ungerecht sein. Ohne die Sängerknaben wäre ich nicht im Opernbereich gelandet. Dort bin ich mit Theater und Oper überhaupt erst in Berührung gekommen. Wir haben damals viel in der Wiener Staatsoper gesungen, in „Turandot“, „La Bohème“, im „Wildschütz“, in der „Carmen“. Dieser Operndienst, das war mein Metier. Mein Vater wünschte sich, dass ich Chemie studiere. Irgendwann gestand ich ihm, dass ich Dirigent werden wolle. Na ja, hat er gesagt, da wirst du also verhungern. Aber er hat es noch erlebt, als ich zum ersten Mal eine Oper dirigiert habe. Das war im Salzburger Landestheater und er saß ganz vorne in der ersten Reihe.




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