22.08.2011, 10:58 Uhr
BAYREUTH. Am 21. August 2010 ist Christoph Schlingensief gestorben. Am 21. August 2011, Schlingensiefs erstem Todestag, wird im Festspielhaus „Parsifal“ gespielt, Richard Wagners Weltabschiedswerk, das Schlingensief 2004 selbst in Bayreuth auf die Bühne gebracht hatte. Im Rahmen des „Tannhäuser“-Konzils findet am Todestag Schlingensiefs eine Gedenkfeier für den viel zu früh gestorbenen, radikalen Künstler statt. Gert-Dieter Meier sprach mit dem Dramaturgen Carl Hegemann, Freund und Wegbegleiter des Filmemachers und Regisseurs Christoph Schlingensief.
Frage: Herr Hegemann, am Sonntag vor einem Jahr ist Christoph Schlingensief nach einem langen Kampf gegen den Krebs gestorben. Ganz persönlich gefragt: Wie sehr fehlt er
Ihnen als Künstler, als Freund?
Carl Hegemann: Dieser Tod ist ein unersetzlicher Verlust. Er fehlt hier in Bayreuth, es schmerzt, dass er nicht mehr hier ist – und wenn ich die Theater- und Kunstwelt
insgesamt betrachte, ist er auch dort einfach nicht ersetzbar. Man sieht niemanden, der an seine Stelle treten könnte. Und er fehlt mir natürlich auch ganz persönlich. Mit seinem
Witz. Und seiner Bereitschaft, über alles, was man normalerweise denkt, immer hinauszudenken, und mich immer wieder zu verblüffen und mitzureißen. Das tat er bis zum Schluss.
Frage: Schlingensief hat sich ja mal dahingehend geäußert, dass er über Bayreuth krank geworden sei, dass Bayreuth ihm den Krebs gebracht habe. War das
wörtlich gemeint?
Hegemann: Er hat gesagt, dass diese Musik etwas Tödliches habe, dass sie „Teufelszeug“ sei. Und eine Todessehnsucht auslöse. Und es stimmt: Er hat schon
unmittelbar nach dem „Parsifal“ öffentlich vermutet, dass er wie Heiner Müller nach Bayreuth wahrscheinlich Krebs kriegen würde. Auch wenn es eingetroffen ist, glaube
ich nicht an einen Zusammenhang. Er war ja gleichzeitig auch bereit, wieder in Bayreuth zu arbeiten. Man hat ihm, als er noch gesund war, „Tristan und Isolde“ angeboten. Und das
hätte er gerne gemacht, obwohl er diese Musik als noch gefährlicher empfand. Er hat diesen Gedanken gehabt. Er hatte aber auch ernsthaft den Gedanken, dass sein Vater ihn in den Himmel
holen wollte. In meinen Augen waren das alles Versuche, der Krankheit irgendeinen Sinn oder eine Erklärung zu geben. In einer seiner letzten Inszenierungen, in der er ja auch den
„Parsifal“ weitergesponnen hat – „Mea Culpa“ – hat er versucht, sich selbst für seine Krankheit und für sein Sterben verantwortlich zu machen, weil
ihn das weniger ausgeliefert hätte. Er hat aber diese Versuche, Souveränität zu behaupten, dann verworfen. Insofern würde ich sagen, hat er diese These von der „Schuld
Bayreuths“ auch wieder verworfen. Sonst hätte er sich mit dem „Giftzeugs“, wie er manchmal sagte, gar nicht mehr beschäftigen dürfen. Er hat sich aber permanent,
bis zu seinem Tod, damit beschäftigt. Alle seine Produktionen, die er nach dem „Parsifal“ gemacht hat, hatten als Zentralreferenz immer den „Parsifal“. Und Wagner. Er
spielte ja vorübergehend auch mit dem Gedanken, ein eigenes Festspielhaus zu bauen – einen grünen Hügel weiter, in Bayreuth. So wie neben Tchibo meist Eduscho kommt. Und es
eine Konkurrenzsituation gibt. (Eigentlich keine schlechte Idee, denn trotz der angeblich geringeren Kartennachfrage, könnte man immer noch jeden Abend sechs Festspielhäuser in Bayreuth
füllen.) Aber dann hat er doch seine Afrikapläne, die er schon lange in sich trug, realisiert. Weil er wusste, dass er nicht mehr lange zu leben hat, hat er diese Pläne in einem
Maße beschleunigt, dass man jetzt gar nicht weiß, wie man ihnen nachkommen soll. Aber es geht voran, wenn auch langsamer. Und im Oktober soll die Schule eröffnet werden. Er wollte
ja nicht einfach ein europäisch-imperialistisches Opern-
haus dort hinstellen, sondern zunächst einmal eine Infrastruktur schaffen, mit der man in Burkina Faso lebenspraktisch und
künstlerisch auf die Welt schauen kann. Für uns unter dem Motto: „Von Afrika lernen“.
Frage: Stichwort Wagner, täuscht es, oder hat Schlingensief diesen Wagner erst vergleichsweise spät für sich entdeckt?
Hegemann: Wagner war schon immer zentral in Christophs Leben. Schon als Kind hat er mitgekriegt, wie der Vater am Sonntagnachmittag Wagner-Opern auf Schallplatten hörte. Er
hat in Namibia und im Ruhrgebiet „Wagnerrallyes“ veranstaltet und Land und Leute mit Wagner beschallt. Lange vor Bayreuth hat er auch schon bei der Deutschen Grammophon
(„Schlingensief trifft Richard Wagner“) seine Lieblingsstücke zusammengestellt. Das kam also nicht etwa schlagartig. Es haben sich da zweifelsohne zwei Gesamtkünstler
gefunden. Der Traum, irgendwann in Bayreuth zu inszenieren, war schon sehr lange da.
Frage: Bayreuth hat ihn dann nicht mehr losgelassen?
Hegemann: Bayreuth hat ihm eine gewisse Reife abgezwungen und gleichzeitig eine andere Radikalität ermöglicht. Er wollte nicht hinter die Radikalität Wagners
zurückfallen. Er wollte „Parsifal“ so machen, dass er auch Nietzsche gefallen hätte. Der „Holländer“ in Manaus/Brasilien war eine konsequente Fortsetzung
der „Parsifal“-Auseinandersetzung. Bei „Kunst und Gemüse“ stand eine Familie Bach im Mittelpunkt – aber eigentlich war es die Familie Wagner. Auch bei der
„Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ sind die Bezüge zu Wagners „Weltabschiedswerk“ von entscheidender Bedeutung.
Frage: Stichwort Weltabschiedswerk: Eigentlich ist das ja fast schon eine tragische Note, dass Schlingensiefs Erstling in Bayreuth Wagners Weltabschiedswerk war. Und er dann,
wenig später, selbst von dieser Welt gehen musste.
Hegemann: Wir haben ja damals, bei den Vorbereitungen auf den „Parsifal“, sehr auf diesen „Weltabschied“ Bezug genommen. Unsere Arbeitshypothese war, dass
Wagner mit diesem Werk eine Art Rekapitulation seines Lebens gestaltet hat, Wagner hat ja auch, schon vom Tode gezeichnet, den dritten Akt noch einmal selbst dirigiert. Dieses „Zum letzten
Mal“, das die Gralsritter singen, hat wirklich etwas Endgültiges. Und Christoph hatte über oder unter diesen Wagner-Abschied schon seinen eigenen gelegt. Er wollte mit Wagner
zeigen, wie in den letzten Lebensaugenblicken extrem verdichtet das Leben noch einmal als Gesamtes vor einem abläuft. Das war der Versuch. Und es ist im Nachhinein betrachtet, wirklich
erschütternd, dass das dann, für ihn selbst, so schnell ernst geworden ist. Niemand hat damit gerechnet.
Frage: Zu Beginn des „Parsifals“ war Schlingensief ja noch nicht krank ...
Hegemann: Überhaupt nicht. Die Krebsdiagnose kam erst fünf Jahre später 2008 .
Frage: Schlingensief ist ja, posthum, noch für seine Arbeit – für sein Leben – mit einem eigenen Pavillon bei der Biennale in Venedig geehrt worden. Hatten
Sie da auch mitgewirkt?
Hegemann: Ja. Den Auftrag, den Pavillon zu gestalten, hat er noch selbst bekommen. Nach seinem Tod ließen sich seine Pläne aber nicht mehr realisieren. Wir haben dann
versucht, Räume, die ihm wichtig waren, in den Pavillon zu installieren. Und ich bin sehr froh, dass die „Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“, in der Christoph im Jahr 2008
bei der Ruhrtriennale in Duisburg, man könnte sagen, sein eigenes Requiem gefeiert hat, dort für alle Biennalebesucher als Meditations- und Kunstraum aufgebaut werden konnte. In dieser
Kirche gibt es statt Wandmalereien Filme, unter anderem auch aus dem „Parsifal“ die berühmte Hasenverwesung. Insgesamt sind in Venedig noch bis November drei Säulen seiner
Arbeit zu sehen: Seine wichtigsten Filme werden in einem eigens eingebauten Kino gezeigt. Ein zweiter Raum ist dem Operndorf in Burkina Faso gewidmet, und in der Mitte gibt es eben die
Nachbildung des Innenraums seiner eigenen Pfarrkirche in Oberhausen.
Frage: Glauben Sie, dass Schlingensief mit seinem Bayreuther „Parsifal“ die Anerkennung als Künstler vollends geschafft hat?
Hegemann: Wirklich mehrheitsfähig wurde er erst mit seiner Krankheit oder besser gesagt mit dem offenen Umgang damit. Allerdings war dieser „Parsifal“ eine
wirkliche Zäsur. Weil diese Arbeit zu gewichtig und zu besessen war, als dass man sie einfach hätte abtun können. Diese Arbeit hat weder rückwärts gewandte alte
Wagnerbilder geliefert, wie sie viele noch immer am liebsten hätten. Noch hat er die aufklärerische Variante bedient, nach dem Motto: Wir bringen Wagner für unsere Gegenwart in
Ordnung. Schlingensief hat vielmehr etwas Drittes gemacht, von dem man sagen kann, dass es angesichts der Fragen von Leben und Tod eine das Rationale transzendierende eben künstlerische
Sichtweise erlaubt, die weder Wagner für die Aufklärung rettet noch einfach blind und naiv 19. Jahrhundert abbildet. Schlingensief hat Wagner universalisiert und gezeigt, dass in seinem
Werk Menschheitsfragen in Musik verwandelt werden. Damit hat Schlingensief der Wagner-Rezeption offensichtlich neue Impulse geliefert.
Frage: Wie sehr bedauern Sie, dass diese Inszenierung nicht aufgezeichnet wurde?
Hegemann: Das finde ich sehr traurig. Wir haben uns damals auch im letzten Jahr noch große Mühe gegeben, eine Aufzeichnung hinzubekommen. Wir hätten sogar ein
Kamerateam gehabt. Aber es war leider einfach nicht möglich, sondern irgendwie blockiert. Deshalb gibt es leider neben der reinen Dokumentation mit einer Standkamera, wobei man fast nichts
erkennt, nur einige wenige „Amateuraufnahmen“ und die Filme zu den Verwandlungsmusiken.
Frage: Am Sonntag ist der Todestag Schlingensiefs. Da wird, Zufall oder nicht, im Festspielhaus „Parsifal“ gegeben. Es soll auch eine Schlingensief-Gedenkfeier geben
...
Hegemann: Am 20. und 21. August findet auf der Probebühne IV ein Symposion zum Thema „Tannhäuser – Werkstatt der Gefühle“ statt. Am Sonntag endet
dieses Wagner-Concil mit einem Gedenken an Christoph Schlingensief, das um 15 Uhr beginnt. Dieses Gedenken, das die Festspiele übrigens ausdrücklich unterstützen, ist ebenso
für jedermann zugänglich wie das ganze Concil.
Frage: Was passiert dabei?
Hegemann: Wir wollen einige Ausschnitte vom „Parsifal“ zeigen, die uns zur Verfügung stehen, und vielleicht auch Einflüsse auf seine späteren Arbeiten
dokumentieren. Außerdem soll Johannes Hoff sprechen, der in Wales Fundamentaltheologie lehrt und zu dem Christoph Schlingensief in seinem letzten Jahr ein starkes freundschaftliches
Verhältnis entwickelt hat. Hoff gehörte zu den wenigen christlichen Glaubensvertretern, die Christoph ganz ernst genommen hat.
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