22.08.2011, 11:00 Uhr
BAYREUTH. Sie sind das neue Bayreuther Traumpaar: Annette Dasch und Klaus Florian Vogt. Gemeinsam mit den übrigen Sängern machen sie den „Lohengrin“ in dieser Spielzeit zum Sängerfest. Gert-Dieter Meier sprach mit der Sopranistin Annette Dasch, die bekanntlich eine eigene Fernsehsendung hat – Annettes „Daschsalon“.

Frage: Was wäre denn die erste Frage der Moderatorin der Sendung „Anettes Daschsalon“ an die Sängerin Annette Dasch?
Annette Dasch: Könnte ich jetzt gar nicht sagen. Wir machen ja immer Themensendungen. Abgesehen davon ist es eine komische Vorstellung, sich selbst zu interviewen.
Frage: Bei der Sendung geht es ja meist munter zu. Machen Sie da vieles spontan?
Dasch: Ja – sehr zum Leidwesen der Redakteure. Ich mache das ja in erster Linie für das Publikum – und weniger für die Kameras. Da kann es dann schon
vorkommen, dass ich ein Lied vorziehe oder einen anderen Gast als den zu dieser Zeit vorgesehenen hole. Dann raufen sich die Leute hinter der Kamera schon mal die Haare. Aber ich möchte es
eben so machen, wie es sich für mich richtig anfühlt. Ich bin in erster Linie ich selbst – und dann erst Moderatorin.
Frage: Da wird sehr viel gesungen, aber auch viel gelacht bei Daschs im Salon. Gibt es denn in Bayreuth auch viel zu lachen?
Dasch: Oh ja, obwohl es hier doch ganz anders ist. Es ist schon ein enormer Kraft- und Konzentrationsaufwand, den man hier betreibt. Das ist einfach Hochkultur pur – im positiven Sinne:
seriös. Bei der Fernsehsendung geht es zwar auch um Kultur, aber wir nehmen doch einen etwas populäreren Ansatz.
Frage: Nun sitzen wir hier, am Morgen nach einer besonderen „Lohengrin“-Aufführung, im Garten des Restaurants Wolffenzacher. Gleich haben Sie eine Signierstunde.
Wie viele Stunden Schlaf hatten Sie denn heute Nacht?
Dasch: Sechs vielleicht. Aber das muss reichen. Vor der Vorstellung habe ich 13 Stunden geschlafen. Das hat mir gutgetan.
Frage: Zum ersten Mal wurde eine Aufführung aus dem Festspielhaus von Arte live nach Deutschland und Frankreich und von einem japanischen Sender nach Japan übertragen.
Waren Sie besonders aufgeregt?
Dasch: Ja, kann ich nicht anders sagen. Das war ein Moment wie sonst nur bei Premieren. Da macht man sich auf einmal klar, dass man den geschützten Raum der Probe
verlässt und sich dem Publikum stellt. Da verändert sich dann alles! Die ganze Dynamik auf der Bühne. Das merkt wahrscheinlich draußen niemand, ist ja auch nur ein Hauch. Aber
für mich ist das spürbar. Und so war es am Sonntag. Im ersten Akt empfand ich die Atmosphäre etwas fester als sonst. Das hat sich dann aber freigespielt. Es ist einfach ein fremdes
(Kamera-)Auge, das da auf einen schaut. Und es braucht sehr viel Konzentration, das alles auszublenden.
Frage: Wann sind Sie am besten, am freiesten: Wenn es gelingt, Nebensächlichkeiten auf der Bühne auszublenden?
Dasch: Es geht da nicht um Nebensächlichkeiten, sondern darum, dass man beim Singen nicht den Faktor Wirkung und deren Folgen im Kopf hat. Wenn ich darüber nachdenke
beim Singen, wie das, was ich gerade tue, draußen möglicherweise ankommt, dann sind das – für mich – schlechte Gedanken, Störgedanken. Die muss ich ausschalten.
Und es ist mir im ersten Akt nicht immer ganz gelungen, die Kameras ganz zu vergessen.
Frage: Diese Kameras sind Ihnen und Ihren Kollegen mitunter sehr nahe gekommen. Wie finden Sie solche Aufnahmen?
Dasch: Ich kann mir das hinterher nicht anschauen. Es gibt Videos von irgendwelchen Opernaufführungen mit mir, die habe ich bis heute noch nicht gesehen. Weil ich eine
gewisse Sorge habe, wenn ich entdecke: Aha, so schaust du also, wenn du Verzweiflung spielst. Ich will das nicht alles kontrollieren. Und ich will auch nicht bei einer Gefühlsregung etwas
ändern müssen, nur weil ich vielleicht unvorteilhaft aussehe. Deswegen schaue ich das auch nicht an. Vielleicht mal in ein paar Jahren ...
Frage: Dann gab es ja noch das Public Viewing. Sie sind nach der Vorstellung noch auf den Volksfestplatz gefahren, um sich auch dort noch mal Beifallsstürme abzuholen. Wie
war das Gefühl, nach einem Opernabend gleich zweimal gefeiert zu werden?
Dasch: Das war schon sehr schön. Obwohl ich dem Thema Public Viewing eigentlich kritisch gegenüberstehe. Weil ich finde, dass Oper und Theater ins Theater gehören.
In Bayreuth sehe ich das allerdings etwas anders. Hier kommt man furchtbar schwer an Karten. Und da ist es gut, eine Vorstellung für viele Menschen zu öffnen. Ich fand es auch toll, wie
lange die Leute ausgeharrt haben – zumal nach diesem Regen. Als wir da ankamen, sah es aus wie auf einem Schlachtfeld. Da lagen überall Planen herum, man hörte die Story von durch
die Luft fliegenden Schirmen. Und trotzdem stand da dieses zähe Trüppchen von Menschen. Das hat mich echt berührt, wie standhaft die Menschen waren.
(An dieser Stelle wird das Interview kurz unterbrochen. Ein Mann kommt an unseren Tisch, reicht Annette Dasch eine Rose und sagt: „Ich bin zwar kein Wagnerfan, aber das gestern war wirklich wunderbar. Genau wie Ihre Sendung.“ Annette Dasch bedankt sich herzlich.)
Frage: Und dann wurde noch gefeiert?
Dasch: Na klar, ich hatte Freunde da aus Wien. Ich hab es mir gutgehen lassen. Mir gefällt das in Bayreuth sowieso sehr gut. Da gibt es diese Festspiele, die in etwa die
höchste Kultur ausmachen, die man sich vorstellen kann. Und außen herum ist alles, wie soll ich das sagen – zünftig! Mir gefällt das sehr gut, dass da sehr wenig
Glamouröses ist. An anderen Orten ist alles glamourös, aber die Vorstellungen sind es nicht selbstverständlich – hier ist es genau umgekehrt.
Frage: Im vergangenen Jahr war dieser „Lohengrin“ ja alles andere als unumstritten. Heuer wird er, nicht zuletzt wegen der Sängerleistungen, gefeiert.
Dasch: Das freut mich natürlich sehr. Ich finde auch, dass diese Aufführung das auch verdient hat. Das ist keine blöde oder sinnlose Provokation mit diesen Ratten,
sondern das hat einen Sinn. Mir gefällt auch, dass Hans Neuenfels eine gute Portion Humor einbringt – und so auch eine gewisse Distanz schafft.
Frage: Ihnen behagt also die Grundidee dieser Inszenierung?
Dasch: Unbedingt – das ist eine der besten Inszenierungen, die ich jemals gesehen habe. Sie hat intellektuell und konzeptuell sehr viel zu bieten. Die Anordnung im Labor
bringt einen zum Nachdenken – über menschliches Zusammenleben. Wie wir uns als Gesellschaft, als Gruppe, als Individuen, als Liebende, als Kämpfende verhalten. Was mir aber ganz
besonders gefällt: In diesem ganzen Konzept findet eine ungeheure Menschlichkeit und Authentizität zwischen den Figuren statt. Da stimmt jede Beziehung, alles ist genau ausgearbeitet.
Und wie Neuenfels jeden einzelnen Sänger sehr individuell führt und jede Beziehung zwischen Menschen baut, das muss ihm erst mal einer nachmachen. So eine Personenführung
können nur ganz wenige.
Frage: Und das motiviert die Sänger zu Höchstleistungen?
Dasch: Was ich sehr genau spüre, ist, dass sich alle an der Genauigkeit seiner Führung entlanghangeln. Alle scheinen das Gefühl zu haben: Ja, jetzt machen wir es
mal so, wie er es will. Natürlich gibt es trotzdem noch viele Freiheiten. Das ist ja auch gewollt.
Frage: Wie hat denn Neuenfels Ihnen diese Elsa präsentiert und wie viel Dasch ist dennoch drin in dieser Figur?
Dasch: Neuenfels ist ja ein Mensch, der unglaublich viel und gut reden kann. Ich würde am liebsten immer das Diktiergerät laufen lassen, wenn er redet (lacht). Er hat
viel gesprochen von der Verwundung der Elsa. Die sieht man ja schon beim ersten Auftritt. Mit dem Mantel und den Pfeilen. Er sieht wohl sehr viele Parallelen zum Käthchen von Heilbronn von
Kleist. Das verwundete Mädchen, das tief in sich eine Versehrung trägt und trotzdem auf ihre zarte Weise kämpft – und an ihr großes Glück glaubt, das sie sich so
sehr wünscht. Ich habe dann, beim Probenbeginn, mir diese Bühne und dieses klare Bühnenbild angeschaut. Und bin einfach mal diesen ersten Gang nur gegangen. Dabei habe ich
gespürt: Das reicht. Und wenn man dann die anderen auf dieser Bühne spürt, dann ergeben sich automatisch fast diese vielen, mitunter minimalen körperlichen Reaktionen. Mehr
hat das dann auch gar nicht gebraucht.
Frage: Nun haben Sie, in zwei Jahren, zwei hübschen Männern die falsche Frage gestellt. Was unterscheidet denn einen Jonas Kaufmann von einem Klaus Florian Vogt?
Dasch: Das sind total andere Typen. Ich habe das Gefühl, dass der Klaus irgendwie etwas Überirdisches hat in seinem Wesen, in seiner Entscheidung, in seiner Stimme.
Dagegen ist Jonas ein viel irdischerer Mann. Greifbarer. Andererseits ist Klaus so wahnsinnig menschlich – ein unheimlich zugewandter Mensch, fast zärtlich. Jonas ist viel
temperamentvoller. Auch als Sänger interpretieren die beiden die Rolle total unterschiedlich. Aber es sind nun mal die beiden besten Lohengrine, die man sich vorstellen kann. Insofern ist
das für mich einfach ein ganz großes Glück, mit beiden singen zu dürfen.
Frage: Sie kommen sich in dieser Inszenierung auch sehr nahe. Mal angenommen, Sie hätten es mit einem richtigen „Ekelpaket“ zu tun, mit dem Sie einfach
menschlich nicht können. Was dann – muss dann die Professionalität greifen nach dem Motto: Augen zu und durch?
Dasch: Nein. Hans Neuenfels hätte in dem Fall ganz sicher einbezogen, was menschlich zwischen den beiden vorhanden ist. Im vergangenen Jahr hat er mal, in einem Interview,
gesagt: ‚Annette und Jonas lieben sich – da muss ich gar nicht viel machen.‘ Wäre es anders gewesen, wäre es wohl eine ganz andere Inszenierung geworden. Das
hätte er einfach berücksichtigt. Das Publikum muss ja glauben, was da auf der Bühne passiert.
Frage: Es geisterte dieser Tage mal das Gerücht umher, dass Sie nächstes Jahr die Elsa nicht mehr singen werden?
Dasch: Das wäre mir neu. Nein, ich habe eine feste Einladung für 2012. (Aber es hat ja auch schon im vergangenen Jahr ähnliche Gerüchte gegeben. Ich habe noch
eine Option für das kommende Jahr.) Was dann kommt, wird man sehen. Vielleicht will ja Frau Netrebko doch noch 2013 die Elsa singen …
Frage: Sie sind jetzt die zweite Spielzeit in Bayreuth. Eine Zwischenbilanz?
Dasch: Ich finde Projekte toll, die sich der Kunst ganz und gar verschreiben. Wo es nicht primär um Wirtschaftlichkeit geht oder darum, jemand gefallen zu wollen.
Natürlich haben die Festspiele höchst unterschiedliche Zeiten erlebt, viele Höhen und grausame Tiefen. Aber in der heutigen Form – toll! Ich hatte gerade Gäste aus Wien,
die dort in jede Staatsopernpremiere gehen und jetzt zum ersten Mal in Bayreuth waren. Die haben mir gesagt: So etwas haben sie noch nie erlebt. So eigen, so besonders! Dass die Ouvertüre
losgeht ohne Applaus! Dass man sich nach den Akten nicht verbeugt – Gott sei Dank! Wie sehr würde ich mir wünschen, dass das anderswo genauso gehandhabt wird.
Frage: Warum?
Dasch: Weil man doch im Publikum vor allem der Geschichte folgen will. Das interessiert doch niemanden, wenn Frau XY sich zwischendurch verbeugt. Ich will doch dadurch nicht aus
der Geschichte herausgerissen werden. Ich will, dass es um Inhalte geht. Nicht um Personen. Und dafür steht Bayreuth. Oder nehmen Sie die Dirigenten. Da dirigieren die tollsten Leute hier
– aber eben unterm Deckel. Da ist kein Platz für Eitelkeiten. In Bayreuth ist einfach ein tolles Arbeiten. Weil alle wegen der Kunst hierher kommen.
Frage: Im Moment wird sehr aufgeregt über Sinn und Unsinn des Regietheaters diskutiert. Ihre Position?
Dasch: Ich habe das natürlich auch gelesen in Ihrer Zeitung. Und mich inbesondere ‚gefreut‘ über einen ,wahnsinnig klugen‘ Brief von einer
Gesangsprofessorin, die sinngemäß schrieb: Das, was in der Musik passiert, gäbe es – Beispiel Mona Lisa – in der bildenden Kunst niemals. Da habe ich mir gedacht: Kennt
die Dame eigentlich Andy Warhol? Wenn wir uns auf einem solchen Niveau unterhalten, dann weiß ich nicht mehr, in welchem Land ich lebe. Leider wird diese Debatte auf einem derart niedrigen
Niveau geführt, dass man eigentlich schon wieder zweifeln muss daran, ob Oper überhaupt noch Sinn macht. Wenn die Leute so reden, dann haben die Freunde der sogenannten Werktreue die
wahren Inhalte dieser Stücke nicht begriffen. Wenn ihr es für die wahren Inhalte haltet, dass man im Ritterkostüm herumsteht und hehre Sachen von sich gibt, dann seid ihr
dermaßen schiefgewickelt! Nein, wenn Oper und Theater in der heutigen Zeit überhaupt eine Berechtigung haben, dann doch nur, wenn wir Theater als heutige Menschen machen. Um zu
erfahren, wie sich heutige Menschen an diesen Werken reiben. Weil nur so eine Auseinandersetzung mit der eigenen Kultur stattfindet. Auseinandersetzung aber kann nicht bedeuten, dass ich mich nur
in den Sessel setze und mich berieseln lasse. Dann kann ich auch RTL gucken. Solche Meinungen machen mich tief traurig und lassen mich wirklich zweifeln. Ich bin bisher immer davon ausgegangen,
dass Leute, die überhaupt ins Theater gehen, schon mal auf der guten Seite sind. Anscheinend liege ich da völlig falsch. Wobei eines auch klar ist: Es gibt natürlich gute und
schlechte Inszenierungen. Heute wie damals. Aber wenn schon jemand zornig wird, wenn es nicht altmodisch aussieht, dann kann man nur sagen: Dann geht einfach nach Wels! Und schaut euch dort die
Aufführungen an. Oder geht ins Museum und nehmt nicht mehr am Leben teil. Eigentlich ist diese Debatte unerträglich!
Frage: Sie geraten in Wallung …
Dasch: Ja, weil ich vieles von dem, was da geäußert wird, einfach für unsensibel und dumm halte. Und es nicht verstehen kann. Ich kann einfach nicht verstehen, wie
man sich seiner Zeit so verschließen kann. Das hätte einen Robert Schumann oder auch Richard Wagner auf die Palme gebracht. Da bin ich mir hundertprozentig sicher. Außerdem wird
nach meinem Dafürhalten mit dem Begriff Werktreue Schindluder getrieben. Viele nämlich meinen damit nicht die Treue zum Werk, sondern die Treue zu einer Aufführungspraxis, die sie
in ihrer Jugend erlebt haben. Für mich bedeutet Werktreue: das Stück ernst nehmen. Und das meint, das Stück neu zu lesen. So, wie man es eben selber, aus seiner Zeit heraus,
versteht und sieht. Ich will doch nicht den Figaro so sehen, wie ihn schon meine Eltern und Großeltern gesehen haben.
Frage: Singen Sie die Elsa in nächster Zeit noch öfter?
Dasch: Eigentlich nur ein-, zweimal konzertant. Das ist mir auch recht so. Im Moment will ich die Elsa lieber in Bayreuth belassen.
Frage: Das Orchester liebt Andris Nelsons. Welche Erfahrungen haben Sie mit ihm gemacht?
Dasch: Ich halte den Mann für ein Genie. Und ich glaube, dass er einmal in der allerersten Liga spielen wird – vielleicht als Chef der Berliner Philharmoniker. Nelsons
ist in extremem Maße begabt – menschlich, musikalisch und dirigiertechnisch eine Ausnahmeerscheinung.
Frage: Wie hilft er denn den Sängern?
Dasch: Andris geht in der Musik körperlich und seelisch in einer Weise auf, dass man sich dem nicht entziehen kann. Und das, ohne sich als Ego in den Mittelpunkt zu stellen.
Er schafft es, diese Musik so plastisch zu machen, dass es wie eine Energiewelle ist, die einen trägt. Niemand muss sich anstrengen. Man muss sich nur von ihm tragen lassen. Da ist nichts
Gekünsteltes im Spiel. Er ist einfach so.
Frage: Also ist des „Lohengrin“ auch Nelsons Erfolg?
Dasch: Absolut! Es war einer dieser seltenen Glücksfälle, in denen der Regisseur mit dem Dirigenten wirklich verzahnt gearbeitet hat. Nur so kann so ein Stück zum
Gesamtkunstwerk reifen.
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