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22.08.2011, 09:34 Uhr

 

Ein fränkisches Wirtshaus

Von Elmar Schatz

Onkel Josef haut den Zapfhahn ins Holzfass, 50 Maß frisches Bier schäumen nun nach und nach in die Steinkrüge, die der hilfswillige Neffe zu den ungeduldig vor dem Schankfenster wartenden Gästen schleppt. Es wird Kerwa gefeiert, und im schattigen Garten draußen gibt es keinen freien Stuhl mehr.

 

Der fränkische Traditionsgasthof mit eigener Brauerei hat alles, was der Mensch braucht: das Bier, die Bratwürste von den eigenen Schweinen, die Milch von den eigenen Kühen, das Gemüse aus dem eigenen Garten, das Brot vom eigenen Korn, die Rebhühner und Rehe aus dem eigenen Jagdrevier ...

Die Leute fühlen sich wohl und feiern in der Gaststube sowie im Saal – und am Abend wird Tanz sein. Ende der 60er Jahre spielen die Bands Beatles-Hits und die Schlager der angesagten Stars.

Doch dafür hat Oma kein Ohr; sie treibt ihre Leute zur Arbeit an. Opa bedient die Durstigen und verliert dabei keinen Moment die Ruhe. Beide haben sie sechs erwachsene Kinder, vier Töchter und zwei Söhne, dazu einen Adoptivsohn. Zusammen mit einer Schar Enkel bilden alle das große Kerwa-Erfolgsteam, bei dem jeder die Aufgaben übernimmt, die seinen Talenten entsprechen.

Der Neffe atmet Freiheit, glücklich dem harten Internatsdasein für eine Weile entronnen zu sein. Der Stress im Gasthof bereitet ihm Lust. Bierfässer mit dem primitiven Aufzug aus dem Kühlkeller nach oben zu befördern, erfordert Geschick und Gespür; denn wenn der Seilzug, der den Elektromotor steuert, nicht punktgenau losgelassen wird, kommt das Fass oben mit zu viel Schwung an, kollert von der Haltevorrichtung und poltert gleich wieder in die Tiefe hinunter. Der Onkel bekommt einen Wutanfall, wenn er das bemerkt.

Der Getränkenachschub für die vielen Leute muss klappen. Aber es gibt auch ein prickelndes Gefühl, im Schankraum zu stehen, die vielen hübschen Mädchen auf der Tanzfläche zu bewundern und der Musik zuzuhören. Omas Wirtshaus bietet alles, was der Neffe sonst nicht genießen darf: Sauerbraten sowie von der attraktiven Tante gebackene leckerste Torten oder Wildbret aus den weitläufigen Wäldern. Opa geht gerne auf die Jagd. Er ist nicht nur Braumeister, sondern auch Bauer, Bäcker, Metzger. Oma heiratete zweckentsprechend.

Leider vergeht auf dieser Erde alles. So existiert diese fränkische Oase nur noch in den Träumen derer, die sie erleben durften und heute vor den Grabsteinen von Oma und Opa oder von Onkel Josef verweilen. Das Wirtshaus ist nur noch Wohnung, ohne den fröhlichen Lärm, den die Gäste einst hineintrugen.

Foto: dpa




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