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16.08.2011, 11:31 Uhr

 

Böse ist "Landgraf" Groissböck nur auf der Bühne

BAYREUTH. Es ist sein erstes Jahr in Bayreuth – und gleich ein ganz besonderes. In der vieldiskutierten „Tannhäuser“-Neuinszenierung singt er Hermann, den Landgraf, eine Partie, die ihm sehr gut gefällt und für die er viel Beifall vom Publikum erhält. Gert-Dieter Meier sprach mit Günther Groissböck über Sport und Kultur – und natürlich über die „Tannhäuser“-Neuinszenierung.

 

Der Österreicher Günther Groissbröck (unser Bild zeigt ihn als Landgraf im "Tannhäsuer") baut Stress am liebsten durch Fahrradfahren ab. Foto: Lammel
Der Österreicher Günther Groissbröck (unser Bild zeigt ihn als Landgraf im "Tannhäsuer") baut Stress am liebsten durch Fahrradfahren ab. Foto: Lammel
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Der Österreicher Günther Groissbröck (unser Bild zeigt ihn als Landgraf im "Tannhäsuer") baut Stress am liebsten durch Fahrradfahren ab. Foto: Lammel
Günther Groissböck radelt gerne durch die Fränkische Schweiz. Foto: Lammel
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Frage: Herr Groissböck, wenn man Ihren Namen googelt, stößt man zunächst auf eine Bäckerei in Österreich. Haben Sie etwa Zuckerbäcker als Vorfahren?
Günther Groissböck: Komisch, das werde ich häufig gefragt, vor allem in Wien. Aber ich muss Sie enttäuschen, da gibt es keine verwandtschaftlichen Verbindungen.

Frage: Sind Sie dennoch ein Süßer – bezogen beispielsweise auf Ihren Musikgeschmack?
Groissböck: Eher ein Herber – vorausgesetzt, wir stufen Wagner hier jetzt mal so ein. Operette oder typisch Wienerisches jedenfalls sind nicht so mein Ding. Ich mag eher die deutsche Romantik, bin auch großer Bruckner-Fan. Naja, und Wagner sowieso.

Frage: Das Wienerische war also nie Thema in Ihrer Karriere?
Groissböck: Sagen wir’s so: Es wird jetzt bald ein Thema. Weil ich in absehbarerer Zeit eine Rolle ins Repertoire nehmen werde, die zu meiner Herkunft und zu meiner Stimme passt: den Ochs im „Rosenkavalier“. Aber ansonsten ist man als Bass ja meistens ernst oder böse und kaum zuckersüß.

Frage: Das kann ja auch etwas Reinigendes haben, wenn man sich als Bass das Böse von der Seele singen kann. Dann braucht man es schon nicht zu Hause tun ...
Groissböck: Stimmt – wobei man das auch mal psychoanalytisch untersuchen lassen müsste: Das hat schon etwas von „Die Sau rauslassen“! Und wenn man sich danach mal einen Mitschnitt anschaut, wo man selber eine böse Figur gibt, dann fragt man sich in der Tat: Was schlummert da in dir? Aber ins normale Leben nehme ich diese bösen Gefühle nicht mit. Ich versuche, sehr viel dieser negativen Energie über Sport zu kanalisieren. Das hilft auch.

Frage: Sport und Gesang – verträgt sich das überhaupt?
Groissböck: Sehr gut sogar, finde ich. Vor allem bezogen auf die Atemtechnik ist es sogar eine Hilfe, wenn du richtig fit bist. Und man sollte auch den psychohygienischen Faktor nicht unterschätzen: Ich finde es wahnsinnig wichtig und hilfreich, Stress und Druck auf diesem Wege abzubauen – und dadurch wieder Kraft zu schöpfen. Will heißen: das verträgt sich nicht nur, es ist eine perfekte Ergänzung.

Frage: Was für einen Sport betreiben Sie denn am liebsten?
Groissböck: Ich bin ein fanatischer Radlfahrer. Und versuche auf diesem Weg, in Form zu bleiben. Im Winter gehe ich gerne Skitouren und gelegentlich ins Fitnessstudio.

Frage: Haben Sie Ihr Rad dabei?
Groissböck: Natürlich – das Rennrad und das Mountainbike. Ich fahre sehr gerne durch die Fränkische Schweiz oder ins Fichtelgebirge. Leider ist das Wetter etwas unbeständig. Und es bleibt nicht wahnsinnig viel Zeit neben den Proben. Aber heute könnte es klappen ...

Frage: Sollen wir das Interview abkürzen, damit Sie losradeln können?
Groissböck: Nein, nein – ich muss doch vorher noch Tour de France schauen – ich bin einfach von der Leistungs-, Leidens- und Opferbereitschaft dieser Sportler total fasziniert. Aber danach geht es für mich los ... (Das Gespräch fand während der Probenzeit statt, als die Tour de France noch lief, Anm. d. Red.)

Frage: Sie werden aber sicherlich keine Tour zum Ochsenkopf machen als Tagesvorbereitung für die Partie des Landgrafen?
Groissböck: Das wäre schon deshalb keine gute Idee, weil es die Schleimhäute doch sehr austrocknet,
wenn man die Luft so „reinreißt“ wie bei einer anstrengenden Radtour. Die Schleimhäute müssen immer gut geölt und geschmiert sein. Deshalb schwinge ich mich lieber am Tag nach oder vor der Aufführung in den Sattel.

Frage: Sehen Sie Gemeinsamkeiten zwischen diesen Spitzensportlern und Spitzensängern?
Groissböck: Beides ist sehr intensiv, sehr physisch und bei Wagner oftmals auch sehr athletisch.

Frage: Waren Sie als Sänger schon immer Bass?
Groissböck: Bei den schweren Stimmen ist die Entwicklung ähnlich wie beim Rotwein: Alles setzt sich, wird mit den Jahren tiefer, voller, runder und im Klang sonorer. Aber die Anlage war im Wesentlichen die von heute – ich würde mich als „deutscher Basso cantante“ sehen (hoher Bass, Anm. d. Red.).

Frage: Man kann Stimme ja nach oben entwickeln – kann man sie auch nach unten „prügeln“?
Groissböck: Da habe ich so meine Zweifel. Tiefe und Fülle sind Resultat von Entspannung und In-sich-Ruhen. Nach oben schrauben geht schon eher. Wobei man da aufpassen muss, dass man nicht mit „falscher“ Luft und Druck versucht, Dinge zu erreichen. Das kann das Instrument sehr schnell beleidigen – und in der Folge auch schädigen.

Frage: Haben Sie Rituale zur Vorbereitung eines Auftrittes?
Groissböck: Nichts Okkultes in dem Sinne, dass ich eine Hasenpfote bei mir tragen würde oder Totenköpfe in der Garderobe hätte. Ich versuche nur, mich sehr klar vorzubereiten und mich auf die Aufführung zu konzentrieren. Ähnlich wie das ein Slalomläufer macht, wenn er vor dem Rennen die Strecke noch mal im Geiste durchgeht, um mögliche Gefahrenstellen in die Planung mit reinzunehmen, damit man auf besondere Situationen vorbereitet ist.

Frage: Sie waren an der Staatsoper Wien fest angestellt. Guter Job, sicheres Geld – wieso haben Sie das aufgegeben?
Groissböck: Ich war ein Jahr in Wien, mit einem sogenannten Karajan-Stipendium. Ich war damals 25 Jahre. Und gleich, nachdem ich dort angetreten war, kam das Angebot aus Zürich – ein Festvertrag für vier Jahre. Erster Bass, wichtige Partien. Und mit Perspektiven, die ich so in Wien nicht hatte. Und da war die Wahl schnell getroffen. Wenn man sich in einem Festvertrag gut entwickelt, dann kommen natürlich auch Anfragen und Angebote von außen. Speziell in einem Haus wie Zürich war die Planung für Ensemblemitglieder immer sehr kurzfristig und daher mit anderen, interessanten Engagements kaum mehr zu vereinbaren, so dass ich eine Entscheidung treffen musste. Ich habe mich für die Freiberuflichkeit entschieden. Und das war richtig so. Denn all die Dinge, die ich seither im Repertoire erarbeitet habe, haben mich wahnsinnig vorangebracht. Außerdem ist es auch wichtig, sich an verschiedenen Plätzen, in verschiedenen Revieren zu behaupten.

Frage: In Ihrer Vita steht: „Er zählt mittlerweile zu den gefragtesten Bässen seiner Generation.“ Da kann man doch gut leben mit einer solchen Feststellung, oder?
Groissböck: Wenn man sich den Markt anschaut, dann stellt man schnell fest: Auf diesem Markt gibt es eine ganze Reihe großer „Player“. In Bayreuth beispielsweise Kwangchul Youn oder Georg Zeppenfeld. In der nächsten „Generation“ René Pape oder Franz-Josef Selig. Und dann kommt man schon selbst ins Spiel. Natürlich freut einen das. Ein schönes Gefühl.

Frage: Wie ist das mit den Bässen: Ist das ein großer Konkurrenzclub oder ein verschworener Haufen?
Groissböck: Man kennt sich hier in Bayreuth, man kennt sich aber meist auch sonst, denn das Operngeschäft ist auch auf internationaler Ebene „familiärer“, als man meinen möchte. Ich kann das jetzt nur auf die Bässe beziehen: Es ist ein ziemlich angenehmes Verhältnis. Zumal die Konkurrenz nicht so groß zu sein scheint wie in anderen Stimmfächern. Wobei ich natürlich großen Respekt vor den Kollegen habe. Ich bin glücklich, an diesem Kuchen mitnaschen zu dürfen.

Frage: Nun singen Sie den Landgrafen im „Tannhäuser“. Was gibt Ihnen diese Rolle?
Groissböck: Nun, von der seelischen Entwicklung und Tiefe ist diese Partie sicher nicht vergleichbar mit Elisabeth oder Wolfram. Wenn man es ganz platt sagen würde: Er ist so etwas wie der Schiedsrichter im Sängerwettstreit, vielleicht ein Kunstmäzen, der selber gerne singen möchte, es aber nicht kann. Konkret in unserer Produktion hier ist er schlicht der Boss dieser sehr speziellen Wartburg-Kommune. Sängerisch ist diese Partie sehr schön, weil sie kantabler ist als etwa der König Heinrich. Da stecken auch noch einige Sarastro-Elemente drin – man spürt, dass der frühe Wagner dieses Werk geschrieben hat. Aber es gibt auch Stellen, wo man schon ziemlich rangehen muss. In dieser Inszenierung passt die Figur, wie ich finde, sehr gut zu einem jüngeren Sänger wie mir. Deshalb freue ich mich, diesen Landgrafen mit meiner Energie und meinem Lebensdrang verkörpern zu können.

Frage: Waren Sie sich denn in der Anlage der Rolle einig mit Baumgarten?
Groissböck: Ziemlich. Weil Baumgarten als kluger Regisseur genau weiß, was er mit welchem Sänger machen kann.

Frage: Man hört immer wieder, dass es so etwas wie ein Bayreuth-Gefühl gebe. Haben Sie es schon gespürt? Und wenn ja: Wie fühlt es sich an?
Groissböck: Für mich existiert es sogar extrem stark – in einer sehr hehren und möglicherweise sogar etwas verklärten Form. Vielleicht muss ich es jetzt sogar etwas zurückdrängen und mir sagen: Das ist eine ganz normale Partie, nichts Besonderes und ein ganz normaler Ort – einfach deshalb, um von mir selbst den Druck wegzunehmen. Was das Kollegiale anbetrifft, kann ich sagen: Es herrscht hier eine sehr nette, angenehme, uneitle Atmosphäre. Die Akustik ist natürlich auch phänomenal, aber für einen Neuling nicht ganz einfach.

Frage: Für Sie also eine besondere Phase Ihrer Karriere?
Groissböck: Sicher! Ich habe zwar in diesem Jahr schon an der Metropolitan Opera in New York und an der Scala in Mailand debütiert, wieder tolle Partien in Wien und in München gesungen, aber Bayreuth ist doch etwas ganz Besonderes. Zumal ich meine allererste, große Opernerfahrung als angehender Student hier in Bayreuth gemacht habe. Ich saß 1996 im „Parsifal“ – und habe mir geschworen: Da willst du hin! Dass es jetzt geklappt hat, ist somit fast so etwas wie eine wahr gewordene Prophezeiung. Und das beschert einem ein ganz besonderes Hochgefühl.

Frage: Wie kamen Sie nach Bayreuth?
Groissböck: Als Besucher damals beinahe spektakulärer als nun als Aktiver. Meine Großmutter war 1941 in Bayreuth im Arbeitsdienst. Und hat hier eine Führung durchs Haus gemacht. Sie hat mir schon im Kindesalter von Bayreuth vorgeschwärmt. Als sich dann abzeichnete, dass ich tatsächlich eine Sängerlaufbahn einschlagen würde, hat sie eines Tages Wolfgang Wagner einen Brief geschrieben und ihm alles geschildert. Und, siehe da, es klappte und sie bekam eine „Parsifal“-Karte. Und dann bin ich nach Bayreuth gepilgert. 2002 war ich dann noch mal hier, als Stipendiat.

Als Sänger lief die Geschichte so, dass man mich 2003 in der Zürcher Neuproduktion der „Meistersinger“ als Nachtwächter gehört hat und ich zum Vorsingen eingeladen wurde. Leider hat’s dann aber mit dem Nachtwächter in Katharina Wagners Produktion aus terminlichen Gründen nicht geklappt. 2007 kam dann das Angebot für den Landgrafen in dieser aktuellen Neuproduktion.

Frage: Wann haben Sie eigentlich entdeckt, dass Sie Gold in der Kehle haben?
Groissböck (lacht): Ich war eigentlich immer musikbegeistert. Habe Klavier gelernt und zunächst auch mit großem Fleiß gespielt. Aber dass da eine gewisse stimmliche Begabung vorhanden war, hat sich, wenn man so will, erst im Alter von 19 Jahren in der Badewanne gezeigt. Dort habe ich nämlich immer Opernarien geschmettert. Und irgendwann haben meine beiden Schwestern, die neun und zwölf Jahre älter sind als ich, gemeint, man sollte den Gesang fördern. Ich bin dann zu einem pensionierten Hochschulprofessor gegangen, um vorzusingen. Der meinte: Aha, interessant – das könnte reichen bis zum Staatsopernchor. Also empfahl er mir ein Vorsingen bei einem aktiven Professorenkollegen. Es folgte ein Vorsingen – übrigens mit Wolframs Lied an den Abendstern. Der machte mir dann deutlich, dass ich ihm vorkommen würde wie ein Führerscheinneuling im Ferrari. Das hatte schon fast etwas von Parsifal: Ich bin da völlig unschuldig hin und habe losgelegt – der reine Tor! Und habe versucht, Kurt Moll zu imitieren. Kurzum: Im Jahr darauf wurde ich genommen. Durfte mir sogar den Lehrer aussuchen. So ging’s los.

Frage: Und nun sind Sie Teil der Szene. Was macht richtig Spaß, was nervt Sie daran?
Groissböck: Anstrengend ist das Reisen, vor allem aber die langen Aufenthalte an Orten, die weit weg sind von zu Hause. New York oder Tokio sind famose Städte – aber nach vier, fünf Wochen freut sich ein ländlich geprägtes Gemüt schon wieder auf Wald, das Zuhause und Familie. Zumal wir inzwischen eine zwanzigmonatige Tochter haben. Spaß macht natürlich vor allem das Singen selbst und die Musik generell, wenn die Umstände stimmen, wobei man mit dem Wort „Spaß“ diesem Gefühl kaum gerecht wird.

Frage: Gibt’s denn Wagner-Partien, die Sie unbedingt noch singen wollen?
Groissböck: Ich habe zuallererst den 2. Gralsritter im „Parsifal“ in Wien gesungen, dann folgte der Nachtwächter in Zürich, danach folgte Titurel, Fafner, Landgraf, Hunding, Marke und König Heinrich. Eine meiner großen Wunschpartien wäre natürlich der Gurnemanz, der so herrlich schön komponiert ist und auch inhaltlich so Großartiges zu vermitteln hat. Dann muss man natürlich erst mal schauen, wie sich das Instrument weiterentwickelt – ob es nach oben oder eher nach unten geht. Eine echte Herausforderung wäre natürlich der Sachs. Da gab es auch schon ein Angebot, das mir aber zu früh kommt. Sachs ist aufgrund der Länge und der sich hochschraubenden Tessitura speziell gegen Ende richtig gefährlich, das passt noch nicht für mich. Dafür lasse ich mir die Zeit, die ich für diese Partie brauche. Genauso verhält es sich mit dem einäugigen Göttervater, der natürlich auch irgendwann mal höchst reizvoll wäre ...




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