15.08.2011, 10:36 Uhr
BAYREUTH. Udo Metzner hatte einen Einstand nach Maß. Er stand beim „Holländer“ von Harry Kupfer und beim „Lohengrin“ von Götz Friedrich an der Seitenbühne – zwei Inszenierungen, die vielen als wegweisend in Erinnerung blieben. Das war im Jahre 1981. Seither hat er jeden Sommer in Bayreuth verbracht.
Nur eine einzige Bewerbung
Udo Metzner hat Musik studiert, ist gelernter Trompeter. Spielte im Aachener Kurorchester. Aufgrund einer Krankheit musste er umsatteln. Am Aachener Theater lernte er den Job des Inspizienten von der Pike auf, um sich hernach am Theater Bielefeld zu bewerben. („Das war das einzige Mal in meinem Leben, dass ich mich auf einen Job beworben habe.“) Nach zwei Jahren schon war er Chefinspizient. Später, nachdem er in Bayreuth begonnen hatte, holte ihn Daniel Barenboim an die Staatsoper Berlin. Und dort ist er nun auch schon seit 19 Jahren.
Die Frage, was ein Inspizient macht, lässt sich auf zwei Arten beantworten. Metzner verschmitzt: „Ich sage immer: Ich bin der Depp vom Dienst.“ Richtiger ist wohl zu sagen: So, wie der Dirigent im Graben das Sagen hat, ist er der Chef des Abends auf der Bühne. Und als solcher hat er auch das Recht, eine Vorstellung abzubrechen, wenn es einmal erforderlich werden sollte (was in Bayreuth noch nie, in Berlin aber schon zweimal vorgekommen ist). Ansonsten sorgt er dafür, dass der Vorhang aufgeht, dass die Verwandlungen klappen, dass Sänger oder Bühnenarbeiter rechtzeitig auf der Bühne stehen. Ganz nebenbei ist er auch noch Sänger-Psychologe: „Kurz bevor die auf die Bühne gehen, erlebst du die Sänger fast nackt – da kriegst du alle Emotionen mit. Freud und Leid.“ Was ihn bei der Arbeit aus der Ruhe bringt? „Nichts“, sagt Metzner, „ich bin die Ruhe selbst.“ Auch mit nervösen Regisseuren kann er gut umgehen: „Ich habe schon meine Mittel und Wege, Regisseure zu bändigen.“ Er lacht. Und man ist geneigt, ihm das zu glauben. Udo schafft keiner ...
Wagner in- und auswendig
In Bayreuth sind insgesamt fünf Inspizienten im Einsatz. Udo Metzners Arbeitsplatz ist immer, vom Publikum aus gesehen, die Seitenbühne rechts. Dort hat er sein Mischpult stehen, dort hat er auch eine Mikrofonanlage, mit der er alle Mitwirkenden des Hauses erreicht (Generalruf). Oder er kann, das ist neu, gezielt einzelne Mitwirkende rufen. Vorteil: „Früher hast du bei der Technik geklingelt, da kamen 60 Mann. Obwohl du nur zwei gebraucht hast.“
Metzner kennt seine Stücke „im Prinzip auswendig“. Zwar habe man die Noten vor sich, „mit den Augen bin ich aber meistens auf der Bühne. Deshalb sollte man das Stück schon kennen“. Und er kennt sie gut: „Wagner-Opern könnte ich wohl auch vorsingen“, witzelt er. In 30 Jahren hat er vier „Ring“-Produktionen erlebt, zwei „Holländer“, drei „Tannhäuser“, drei „Parsifal“, drei „Tristan“, einen „Meistersinger“ und, und, und.
Welche Produktion besonders aufwendig ist? „Der ,Parsifal‘ von Herheim! Da rede ich im zweiten Akt fast pausenlos in mein Mikrofon hinein.“ Die allergrößte Bewährungsprobe seiner beruflichen Laufbahn aber hatte er in Berlin zu bestehen: „Da haben wir, im Jahr 2000, zehn Wagner-Opern in zwölf Tagen gespielt. Kupfer inszenierte, Barenboim dirigierte. Das war ein echter Kraftakt.“ Ob er jemals eine perfekte Vorstellung erlebt habe? Er verneint: „Das gibt es nicht. Irgendwas passiert immer. Wir tun nur so, nach vorne. Aber hinterm Vorhang operieren wir am lebenden Objekt.“ Abend für Abend.
An manchen Tagen macht Metzner die Doppelbelastung Bayreuth/Berlin durchaus zu schaffen: „Es gibt Tage, da stehe ich hier tagsüber auf der Bühne. Und muss dann abends in Berlin eine Vorstellung machen.“ Warum man sich das antut? „Weil es unglaublich viel Spaß macht hier“, sagt er: „Entweder du kommst nur ein Mal, weil du es nicht magst. Oder du kommst immer wieder.“ Bayreuth – ein echter Virus.
Mit Bayreuth verbindet Metzner auch privat eine ganze Menge. Immerhin hat er seiner Frau, einer Flamencotänzerin, die bald jeden Sommer mit ihm hier ist, vor dem Festspielhaus einen Heiratsantrag gemacht. Warum das? „Ich wollte ihr klarmachen, dass es mit mir im Sommer keinen Urlaub gibt – nur Bayreuth.“ Und wie hat sie reagiert? Sie hat gelacht – und angenommen. Weil sie schon lange vor ihm hier war. 1971 stand sie schon mal in der Tanzgruppe auf der Bühne. Sie konnte seine Leidenschaft also nachvollziehen.
Alles nur Theater
Seit 29 Jahren hat Metzner sein Quartier in Untersteinach aufgeschlagen – immer in derselben Wohnung. Jetzt musste er sich nach einer neuen Wohnung umschauen. Er hat sie gefunden. Wieder in Untersteinach. Und jetzt hat er eine Ganzjahreswohnung, ist also echter Untersteinacher geworden. Was er am Dorfleben schätzt? „Da reden wir am Stammtisch vielleicht zehn Minuten übers Theater. Aber dann ist’s gut.“ Es gibt ja auch wichtigere Themen...
Foto: Lammel
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