13.08.2011, 11:44 Uhr
Von Gert-Dieter Meier
BAYREUTH. Wer bei der Suchmaschine Google unter „News“ den Namen „“ eingibt, stößt auf viele Jubelarien.

Selbst gestrenge Kritiker geraten ins Schwärmen („Ein Wunder!“), wenn sie seinen Lohengrin bewerten sollen. Kein Wunder, wenn es dem bescheidenen Blonden aus Heide in Holstein, der in seinem früheren Leben als Hornist im Orchester saß und mit seiner ganzen Familie nach Bayreuth gereist ist, in diesem Sommer hier richtig gutgeht. Ja, er genieße diesen Zustand. Die Partie, den ganzen Sommer: „Und wenn es dann noch ein paar Leuten gefällt, ist das natürlich umso schöner.“
Ein paar Leuten? Bei jeder „Lohengrin“-Vorstellung dieses Sommers geriet das Publikum richtiggehend aus dem Häuschen: „Natürlich spürt man, dass das Publikum dankbar ist. Das spornt einen unheimlich an.“
Dabei war es im Vorjahr noch ganz anders. Da gab es noch Buhrufe, viele Fragen, Kritik. Das alles ist heuer wie weggeblasen. Warum? „Wir haben sehr hart gearbeitet. Und Herr Neuenfels ist auf uns sehr gut eingegangen. Ich habe das schon während der Probenarbeit gespürt, dass ich der Partie so neue Farben, neue Ausdrucksmöglichkeiten geben kann. Ich denke, wir alle haben die Werkstatt Bayreuth gelebt.“
Vogt singt Public Viewing
Drei Veränderungen hat es bei den Sängern gegenüber dem Vorjahr gegeben: Anstelle von Evelyn Herlitzius singt Petra Lang die Ortrud; Tómas Tómasson ersetzt Hans-Joachim Ketelsen als Telramund. Und statt Jonas Kaufmann singt nun eben Klaus Florian Vogt den Lohengrin. Die gute Nachricht für alle Wagnerfreunde: Man kann diese neue Bayreuther Traumbesetzung am Sonntag, 14. August, genießen – auch ohne im Besitz von Festspielkarten zu sein: Arte überträgt live aus dem Festspielhaus, auf dem Volksfestplatz ist Public Viewing.
Drei Neue also – das ergibt automatisch eine neue Bühnenkonstellation. In diesem Fall sogar eine sensationell gute. Vogt: „Die Arbeit hat viel Spaß gemacht, das war fast wie bei einer Neuinszenierung. Ich glaube, wir passen alle relativ gut zusammen. Und wenn dann, bei der Aufführung, neben dir jemand steht, der einfach gut singt und sehr intensiv spielt, dann traut man sich selber auch mehr. Das schaukelt sich dann hoch.“
Letztes Jahr war er noch Stolzing – nur einmal musste er für Jonas Kaufmann einspringen –, heuer ist er Lohengrin – was liegt ihm mehr? „Die Partien sind von der Intensität und der Dankbarkeit der Rolle ähnlich schön. Andererseits sind sie – musikalisch und szenisch – extrem unterschiedlich. Beides hat seinen Reiz, beides macht großen Spaß; deshalb könnte ich gar nicht sagen, was ich nun lieber mache.“
Adrenalin, bitte!
Am Sonntag beäugen ihn nicht „nur“ 2000 Menschen im Festspielhaus, es schauen auch vielleicht 20 000 Menschen auf dem Volksfestplatz und vermutlich ein paar Millionen Fernsehzuschauer in Deutschland, Frankreich und Japan sowie Internetnutzer zu, wenn er sich als Lohengrin verausgabt. Ist da die Anspannung besonders groß? Vogt: „Natürlich beschäftigt einen das auf eine gewisse Weise. Aber ich konzentriere mich in erster Linie auf das Publikum im Saal.“ Abgesehen davon: „Ich brauche ja immer eine gewisse Anspannung, brauche auch den Adrenalinspiegel, um erstens Spaß zu haben und zweitens das abrufen zu können, was ich geben kann.“
Vergangenes Jahr ist noch viel über die Ratten gesprochen und darüber diskutiert worden, dass das Publikum bei Neuenfels auch mal lachen darf – wie gefällt ihm eigentlich diese Inszenierung? „Ich finde ja, dass die Personen eigentlich recht konventionell geführt werden und die Geschichte fast 1:1 erzählt wird. Dass jetzt das Volk mal als Ratten dargestellt wird, halte ich für plausibel. Weil es sich in dieser Inszenierung sehr opportunistisch verhält und nur auf seinen Vorteil bedacht ist. Das kann ich nachvollziehen.“ Was die Darstellung seiner Rolle angeht, räumt Vogt ein: „Hier kommt der Lohengrin sehr menschlich daher. Und von daher sehr emotional. Er hat viel Weiche und Samtheit, gleichzeitig aber auch viel Härte.“
Extreme Bandbreite
Und wo liegt die sängerische Herausforderung für ihn, als Lohengrin? „Die große Bandbreite macht diese Partie besonders herausfordernd. Man tritt auf und kann hier, in diesem Haus, das leiseste Piano servieren, das man hat. Und gleich danach findet die Begrüßung des Königs statt, die richtig heftig ausfällt. Das schwankt extrem zwischen weichen, lyrischen Farben und heftigen Ausbrüchen. Sich da in beide Richtungen zu trauen, das verlangt besonders viel. Und dann hat man ja, vor allem im dritten Akt, einfach richtig viel zu singen.“
Vogt sieht es als „echtes Glück“ an, dass Neuenfels auch im Jahr zwei die Probenarbeit geleitet hat: „So haben wir sein Anliegen 1:1 vermittelt bekommen. Das hat mir persönlich sehr viel gebracht.“ Neuenfels also nicht das sprichwörtliche Raubein, als das er gerne dargestellt wird? „Kann ich nicht bestätigen, nein. Ich habe ihn als jemanden erlebt, der sehr respektvoll mit den Sängern umgeht, sehr wohl weiß, was die leisten. Und wir diejenigen sind, die seine Ideen transportieren müssen. Außerdem erkennt er, wenn ihm jemand eine gute Idee anbietet.“
Nun kommt es, auch in Bayreuth, mitunter vor, dass das Publikum einzelne Sänger kräftig ausbuht. Die Frage, was der Sänger Vogt vom Publikum erwartet, beantwortet er sehr direkt: „Respekt! Respekt vor der Person, aber auch vor einer Leistung. Niemand singt vor Publikum absichtlich schlecht. Vielmehr versucht ausnahmslos jeder, aus dem Augenblick heraus das Beste zu erreichen.“ Als Sänger, der alleine vor Publikum steht, öffne man sich extrem: „Singen ist eine sehr emotionale Geschichte. Da ist man total geöffnet – und, wenn man so will: schutzlos. Wenn einen dann Negativbekundungen erwischen, trifft einen das doppelt. Ich glaube manchmal, die Leute wissen gar nicht, wie weh das tut.“
Viel wird derzeit über das Regietheater diskutiert – wie sollte man ihn denn spielen, diesen Wagner: neu deuten oder doch lieber Kuhhörner auspacken und der Tradition frönen? Vogt hat dazu eine klare Ansicht: „Man möchte eine Geschichte sehen – und unterhalten werden. Weil wir aber bei Wagner ein komplettes Werk, also Text und Musik, vorgegeben bekommen haben, finde ich es gefährlich, dieses zu verfälschen oder radikal umzudeuten. Besonders schwierig wird es dann, wenn man nicht mehr durchblickt. Ich persönlich habe den Anspruch, eine Inszenierung beim allerersten Mal – ohne Gebrauchsanweisung – zu verstehen. Ich möchte auf einen Weg gebracht werden und eine Geschichte geliefert bekommen. Und das, glaube ich, vergessen manche Leute. Wir machen Theater für ein Publikum. Und wenn das Publikum nicht mehr kommt, dann verliert das Theater seine Legitimation. Ich finde, das Publikum muss berührt, gepackt werden. Und zum Staunen gebracht werden. Wobei das mit keiner Musik so gut geht wie mit der Wagners.“
Dies ist eine Nachricht aus unserem Archiv.
Es können daher keine neuen Kommentare verfasst werden.